Japan ist für sie eine zweite Heimat

Vor genau 30 Jahren, bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul, gewann die einstige Weltklasseschwimmerin Heike Apitzsch-Friedrich drei Medaillen, davon zwei goldene. Die Chemnitzerin blieb nach Karriereende ihrem Sport auf verschiedene Weise treu.

Chemnitz.

In dieser Woche weilt Heike Apitzsch-Friedrich mit ihrer Familie wieder mal für ein paar Urlaubstage in Japan. Das Land im fernen Asien ist für die frühere Weltklasseschwimmerin seit nunmehr 24 Jahren oft ganz nah, eine zweite Heimat geworden. Regelmäßig reist sie hin, wobei die Gründe nicht nur privater Natur sind. Diesmal flog Sohn Alexander mit, der nach dem Abitur einige Monate ein Praktikum absolviert. Natürlich steht auch ein Besuch bei Yui Abiru, die einst bei ihr in Chemnitz lebte, an. Sie ist inzwischen verheiratet und brachte im April einen Sohn zur Welt.

Zudem trifft sie sich mit Suzuki Daichi, der wie sie 1988 Olympiasieger wurde und aktuell vom zuständigen Ministerium als Direktor im Organisationskomitee für die Sommerspiele 2020 in Tokio arbeitet. "Wir wollen uns verständigen, was man gemeinsam in der Vorbereitung auf die Beine stellen und bewegen kann. Es gibt auch die Möglichkeit, als Botschafterin zu arbeiten", meint Heike Apitzsch-Friedrich. Über ihre japanisch-deutsche Sportagentur Jadespa hat sie beispielsweise schon mehrfach Lehrgänge und Austauschprogramme für Schwimmer beider Länder vermittelt.

Auch werden die beiden früheren Sportgrößen sich darüber austauschen, welche Aktivitäten während der Spiele 2020 machbar sind. Den Aufenthalt hat die Sächsin, die problemlos die Sprache versteht und spricht, längst eingeplant. Und je mehr sie ihre ehrenamtlichen Aktivitäten nun wieder verstärkt dem Topereignis widmet, umso öfter kommen auch die Erinnerungen hoch. Vor genau 30 Jahren feierte Heike Apitzsch-Friedrich 1988 in Seoul mit Gold über 200 Meter Freistil den wertvollsten Triumph.

Auf ihrer Paradestrecke war sie damals seit 1985 ungeschlagen, holte bei WM (1986) und EM (1985; 1987) die Titel, hielt seit 1986 den Weltrekord, der erst 1994 von Franziska van Almsick verbessert wurde. "Immer wenn Sommerspiele stattfinden, schaue ich mir die Videos von meinen Wettkämpfen mal wieder an. Das ist sehr emotional für mich, da bekomme ich Gänsehaut", berichtet die vierfache Welt- und elffache Europameisterin, um dann etwas nachdenklich hinzuzufügen: "Mit Abstand frage ich mich, warum ich mich nicht so richtig gefreut habe. Sicher war ich die Favoritin, gewann vorher alles. Aber heute würde ich doch an die Decke gehen." Sie ist sich sogar sicher, dass sie bei Silber wohl aus Enttäuschung geweint hätte. Anders verhielt es sich über 400 Meter Freistil, die sie mit neuem Europarekord auf Platz zwei beendete. Eine weitere Goldmedaille durfte die damals 18-Jährige zudem als Mitglied der Staffel (4-x-100-m-Freistil) in Empfang nehmen, obwohl sie nur im Vorlauf zum Einsatz kam. Aber das Finale fand unmittelbar nach ihrem 400-m-Einsatz statt.

"Olympia ist wirklich etwas ganz Besonderes. Man kann es nicht mit anderen Meisterschaften vergleichen. Die Atmosphäre, die riesige Halle, die Gemeinschaft mit den vielen anderen Athleten, das bleibt unvergesslich", gerät Heike Apitzsch-Friedrich, die aus St. Egidien stammt und in Glauchau mit dem Schwimmen begann, beim Erinnern jedes Mal ins Schwärmen. Im Nachhinein erfuhr sie dabei, dass bei ihrem Triumph Schauspieler Bud Spencer auf der Tribüne saß. Und wenn "One Moment in Time" von Whitney Houston erklingt, gehen die Gedanken unwillkürlich zurück. Dieser Song war 1988 die Olympiahymne.

Zu gern hätte die 48-Jährige dieses Spektakel ein zweites Mal erlebt. Doch die plötzlichen Veränderungen in der Wendezeit machten dies zunichte. Nachdem sie 1989 bei der EM nochmals zwei Titel gewann, brach beim damaligen SC Karl-Marx-Stadt alles zusammen. Während eines Trainingslehrganges im Ausland erhielt ihr Trainer Joachim Rother von seiner Ehefrau aus der Heimat die Information, dass er die Kündigung bekommen hatte. "Wir waren geschockt, es herrschte totale Unsicherheit" weiß Heike Apitzsch-Friedrich noch genau. Sie wollte zunächst trotzdem in der Stadt bleiben, obwohl auch ihre angefangene Kosmetikerlehre nichts mehr zählte, sie diese abbrach. Sie musste alles selbst organisieren, der Tiefpunkt folgte bei den ersten gesamtdeutschen Meisterschaften im Herbst 1990 in München. Sie schlug auf ihrer Weltrekordstrecke nur als Fünfte an. "Danach sind viele über mich hergefallen. In der Schlagzeile einer Boulevardzeitung wurde ich als bleierne Ente bezeichnet. Ich wusste nicht, wie ich mit all den Dingen umgehen sollte", ergänzte sie.

Eine positive Begegnung gab es dennoch: Manfred Kreitmaier, Sportfunktionär aus Bayreuth, bot seine Hilfe an, auf die sie wenig später zurückgriff. Sie wechselte in die oberfränkische Stadt, wo sie bei Douglas eine Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel begann und im dortigen Verein auch weitertrainieren konnte. Bei der EM 1991 holte sie mit der deutschen Staffel nochmals Silber, doch an ihr früheres Niveau kam sie wegen der Doppelbelastung nicht mehr heran. So beendete sie ihre leistungssportliche Karriere, kehrte jedoch schneller als je gedacht ins nasse Element zurück.

Als sich Anfang 1992 eine japanische Delegation beim Chemnitzer Verein ankündigte, bat sie Trainer Detlef Baer um Unterstützung. Die Asiaten fragten an, ob sie ein Jahr als Trainerin und Repräsentantin bei ihnen arbeiten könnte. Sie brauchte für dieses reizvolle Angebot nur eine halbe Stunde Bedenkzeit. Nachdem sie die Ausbildung auch wegen ihrer Vorkenntnisse eher beenden durfte, begann sie das Engagement in Tokio im November 1992 - und blieb bis 1995, also länger als ursprünglich geplant. Sie war für einen der größten Clubs mit 21 Standorten in Japan tätig, betreute verschiedene Altersgruppen, gab Schwimmunterricht in Schulen, erhielt stetig Einladungen zu Veranstaltungen. Als prominente Athletin wurde sie in den Medien gefeiert, spürt als Olympiasiegerin bis heute eine enorme Popularität und Wertschätzung. "Mir sagt die Mentalität der Menschen zu. Sie sind diszipliniert, verlässlich, gehen vernünftig und respektvoll miteinander um", zeigt sich die Ausnahmeathletin angetan, spricht von einer tollen Zeit, seit der sie das Land mit all seinen Gepflogenheiten schätzt. In ihrem Zuhause hat ein Zimmer japanisches Flair, asiatische Gerichte kocht sie gern.

Während jenes Aufenthaltes gehörte auch Yui Abiru zu ihren Schützlingen, zeigte besonderes Talent. Der Vorschlag, dass ihre Tochter mal vorübergehend in Deutschland trainieren sollte, sagte den Eltern zu. "Ich hatte mit 26 Jahren plötzlich eine 11-jährige Tochter", erzählt die Chemnitzerin, die bei Douglas seit nunmehr 22 Jahren als Bereichsleiterin für 20 Filialen Verantwortung trägt. Doch es funktionierte bestens, die Japanerin lebte sich schnell ein, trainierte beim SCC, besuchte die Sportschule, gehörte dann bis 2006 zur Familie. Diese vergrößerte sich 2000, als Heike Friedrich Helmut Apitzsch, Area-Manager für eine französische Hotelkette, heiratete und im selben Jahr Alexander zur Welt brachte. Die Kinder wuchsen wie Geschwister auf und freuten sich nun gleichfalls riesig auf das Wiedersehen.

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1Kommentare
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  • 1
    0
    Freigeist14
    15.09.2018

    Eine starke Frau. Man kann also heute sagen,daß das BRD-System ihre zweite Chance auf Olympia 1992 verhinderte. Beim SC Karl-Marx-Stadt brach alles weg und dem Trainer wurde gekündigt. Das sollten die "Aufarbeiter" doch bitte zur Kenntnis nehmen.



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