Athletenclub: Ära Waldvogel beendet

Der dienstälteste Vereinspräsident im Chemnitzer Leistungssport wird zum Bundesliga-Heim- auftakt der Gewichtheber am 9. November verabschiedet. Kurz nach der Wende war der aus Baden-Württemberg stammende Architekt durch einen Zufall nach Reichenbrand gekommen.

Seine Gedankengänge am Abend des 19. April 1997 waren typisch für ihn. Im Haus des Gastes in Reichenbrand tobte noch die Party, nachdem die Gewichtheber des Chemnitzer Athletenclubs (CAC) gerade den dritten deutschen Mannschaftsmeistertitel in Folge gewonnen hatten. An der feucht-fröhlichen Fete wollte sich Peter Waldvogel aber nicht so recht beteiligen. Anstatt als erfolgreicher Vereinspräsident mal die Sau rauszulassen, wirkte er nachdenklich - und überraschte den "Freie Presse"-Reporter mit der Feststellung, dass es so nicht weitergehen könne. In der Bundesliga mit einem Weltklassefeld anzutreten und die Konkurrenz fast spielend zu beherrschen, sei auf Dauer schlecht für die Motivation. "Und es schadet inzwischen unserem Nachwuchs, der kaum zum Einsatz kommt", sagte Waldvogel damals.

Vorausdenken, alles kritisch hinterfragen: Das war die Art und Weise, wie Waldvogel den CAC stets führte. Jetzt geht eine Ära zu Ende. Nach fast 27 Jahren hat der aus Ravensburg am Bodensee stammende Architekt sein Ehrenamt in Reichenbrand niedergelegt. "Zum Bundesligakampf am 9. November wird er verabschiedet und zum Ehren- präsidenten auf Lebenszeit ernannt. Ohne Peter Waldvogel würde es den CAC in dieser Form nicht geben", sagt Stefan Grützner, ehemaliger Stützpunkttrainer und viele Jahre Vorstandsmitglied des Clubs.

Dass der Bundesligawettbewerb gegen Samswegen und die damit verbundene Verabschiedung auf den 9. November fallen, passt wie die Faust aufs Auge. Schließlich hatte sich nach der politischen Wende das Leben des Peter Waldvogel stark verändert. Er kam nach Chemnitz, weil hier viele interessante Aufgaben auf einen Architekten warteten. "Ich hatte die Empfehlung bekommen, mir die Stadt anzuschauen. Und mir war schnell klar: Hier kann man was draus machen", sagt Waldvogel rückblickend. Er sollte später große Projekte anpacken und durchziehen, allen voran die Rekonstruktion beziehungsweise Sanierung des Wasserschlosses Klaffenbach, der Markthalle und des Cammann-Hochhauses in Furth.

Zum Gewichtheber-Club, der zu DDR-Zeiten internationale Erfolge am Fließband erzielt hatte, kam der Architekt aus Ravensburg wie die Jungfrau zum Kinde. Klaus Kroll, der neben Stefan Grützner lange Zeit zu den engsten Mitstreitern Waldvogels beim CAC gehörte, kann sich gut daran erinnern. "Nach der Wende waren wir im Rathaus bei einem Bürgermeister, der mit Nachnamen Martin hieß. Wir baten ihn um Unterstützung fürs Gewichtheben, weil wir nicht wussten, wie es mit uns weitergehen soll", berichtet Kroll.

Das Gewichtheberzentrum in Reichenbrand befand sich damals in einem erbärmlichen Zustand. Die Athleten sollten ins Sportforum abgeschoben werden, so Kroll, zu jener Zeit Trainer und Sportwart der Hantel-Asse. Doch dann kam ein gewisser Peter Waldvogel ins Spiel, der als Sponsor im städtischen Sport einsteigen wollte. "Er hatte einen Termin bei jenem Bürgermeister Martin, der ihm das Gewichtheben ans Herz legte", berichtet Kroll. Und so stattete Waldvogel den Reichenbrandern einen ersten Besuch ab. "Die Verhältnisse dort waren Wahnsinn", sagt der heute 67-Jährige. Er denkt schmunzelnd daran zurück, wie die beiden Spitzentrainer Grützner und Kroll mit Schubkarren zentnerweise Briketts vom Hof zur alten Heizungsanlage des Heberzentrums transportierten.

Der Ehrgeiz des Architekten war geweckt. "Wir hatten bereits ein Konzept zur Mehrzwecknutzung des Gebäudes erarbeitet, das Peter Waldvogel gefiel. Er hat daraufhin die Fäden in die Hand genommen und mit der Sanierung begonnen. Bis heute sind mehr als drei Millionen Euro in den Komplex investiert worden", erklärt Klaus Kroll. Und die Arbeit im Haus des Gastes, wie die Sport- und Veranstaltungsstätte mit Pension und Sauna heißt, will kein Ende nehmen. "Wenn du hinten fertig bist, fängst du vorn wieder an", bemerkt Waldvogel, der Ende 1992 zum CAC-Präsidenten gewählt worden war.

In seine Amtszeit fielen unzählige sportliche Erfolge. Herausragendes Ereignis: der Olympiasieg von Matthias Steiner 2008 in Peking. Der ehemalige Österreicher war knapp vier Jahre zuvor nach Deutschland gekommen und hatte in Chemnitz-Reichenbrand seine neue sportliche Heimat gefunden. Gemeinsam mit der Stadt bemühte sich Waldvogel um die Einbürgerung Steiners, die während eines Bundesligakampfes im Dezember 2007 durch Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig verkündet wurde. Damals fiel auch dem CAC-Chef ein Stein vom Herzen. Seine Prognose für Olympia sollte sich allerdings als etwas zu pessimistisch erweisen. "Ich traue Matthias in Peking einen Platz unter den ersten fünf zu. Wenn alles stimmt, kann er sogar eine Medaille gewinnen", sagte Waldvogel an jenem Abend.

Elf Jahre später hat er die Führung des Athletenclubs aus gesundheitlichen Gründen in jüngere Hände gegeben. Joachim Kunz, Olympiasieger von 1988, ist neuer Präsident des Traditionsvereins in Reichenbrand.

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