Fußball-Macher in einer Football-Stadt

Der ehemalige CFC-Profi und heutige Manager Brian Bliss über seine Zeit in Deutschland, die WM 1990 und den Fußball in den USA

Chemnitz.

Er war der erste Amerikaner beim Chemnitzer FC - ein lustiger Vogel, vor allem aber ein guter Fußballer. Von 1990 bis 1996 spielte Brian Bliss in Deutschland, in der Saison 1991/1992 für den CFC. Seit 2016 arbeitet er in den USA im Management von Sporting Kansas City, einem Club der Major League Soccer. Bliss will das Team 2020 zu neuen Höhenflügen führen. Thomas Scholze hat mit dem 54-Jährigen gesprochen.

Freie Presse: Seit 2016 sind Sie Sportdirektor bei Sporting Kansas City. Was genau ist Ihre Aufgabe?

Brian Bliss: Ich bin verantwortlich für das Budget des Teams und das Scouting. Gemeinsam mit Cheftrainer Peter Vermes stelle ich gerade den Kader für die kommende Saison auf, dabei bin ich auch selbst unterwegs und schaue mir Kandidaten für unsere Mannschaft an.

Abgesehen von Bastian Schweinsteiger, der seine Karriere inzwischen beendet hat: Warum gibt es keine prominenten deutschen Namen in der MLS?

Weil das Spielniveau in der Bundesliga höher ist als das bei uns. Das Gleiche gilt für die Gehälter. Als Fußballer lebt es sich in Deutschland sehr komfortabel.

An wen oder was erinnern Sie sich aus Ihrer Zeit in Chemnitz?

Ich habe viele schöne Erinnerungen, zum Beispiel an meine Teamkameraden Dirk Barsikow und Torsten Boer, die mir beide sehr dabei geholfen haben, mich in Chemnitz zurechtzufinden und ins Team zu integrieren. Zudem waren beide sehr lustige Zeitgenossen, immer gut drauf. Und ich erinnere mich natürlich sehr gern an Trainer Hans Meyer, mit dem ich noch von Zeit zu Zeit in Kontakt bin.

Und nicht weit vom Stadion am Südbahnhof gibt es noch heute das Imagine-Pub, wo die guten Whiskys serviert werden.

Ich habe dort oft auf ein Bierchen reingeschaut. Das Wirtspaar hat gut Englisch gesprochen, beide waren große John-Lennon-Fans. Ein Ort, an dem ich mich wohlgefühlt habe.

Sie haben zwischen Juli und Dezember 1991 14 Spiele für den Zweitligisten Chemnitzer FC bestritten, waren Stammspieler. Nach dem Jahreswechsel sind Sie dann nicht mehr zum Einsatz gekommen. Warum?

Ich hatte mir eine Verletzung zugezogen und habe eine Weile gebraucht, bis ich wieder fit war. Wegen der Verletzung hatte der CFC meine Spielberechtigung als Nicht-EU-Ausländer beim DFB aber schon löschen lassen, sodass ich für den Rest der Saison nicht mehr eingesetzt werden durfte. Das war der unschöne Teil meiner Chemnitzer Zeit.

Deswegen sind Sie dann nach Jena gewechselt?

Ja. Dort hatte ich meine erfolgreichste Zeit in Deutschland. Das größte Highlight war unser Sieg in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen Borussia Dortmund. Wir haben in Dortmund mit 1:0 gewonnen. So etwas vergisst man nicht.

Schauen Sie sich daheim in Kansas City europäischen und deutschen Fußball im Fernsehen an?

Ja. Man kann in Amerika Fußball aus vielen europäischen Ligen sehen. Am interessantesten sind die Premier League und die Bundesliga, auch weil in beiden Ländern in den höchsten zwei Spielklassen etliche Amerikaner unterwegs sind.

Was sind die bedeutendsten Dinge, die Sie aus Deutschland mit zurück in die USA gebracht haben?

Sitzendorfer Porzellan aus Thüringen. Und natürlich die deutsche Sprache, die ich zwischenzeitlich ganz gut beherrscht hatte. Mittlerweile ist davon aber schon sehr viel wieder verloren gegangen.

Sie haben 33 Länderspieleinsätze für die USA in der Statistik stehen. Sind Ihnen bestimmte Partien im Gedächtnis geblieben?

Ja, das Freundschaftsspiel gegen Deutschland im Dezember 1993 in Kalifornien, das wir mit 0:3 verloren haben. Und natürlich die Fußball-WM 1990 in Italien, bei der ich gegen Österreich mitspielen durfte.

Das Spiel hat Österreich mit 2:1 gewonnen. Auch in den beiden anderen WM-Matches zuvor - 1:5 gegen die Tschechoslowakei und 0:1 gegen Italien - gab es für Amerika nichts zu holen. War die WM 1990 somit nicht eher eine große Enttäuschung?

Nein, wir haben das damals nicht so empfunden. Wir waren stolz, dass unser Land das erste Mal seit 40 Jahren wieder für eine WM qualifiziert war. Dieses Gefühl war wichtiger als die Ergebnisse beim Turnier und das Vorrunden-Aus.

Wie stark ist der US-Fußball heute?

Er wird besser und besser. Das sieht man auch daran, dass immer mehr amerikanische Spieler von europäischen Clubs unter Vertrag genommen werden. Ob wir irgendwann ganz oben in der Weltspitze ankommen, weiß ich nicht. Wir arbeiten daran. Die Top Ten sind das Ziel.

Wer ist der momentan beste US-Fußballer?

Christian Pulisic. Aber es gibt eine ganze Reihe sehr begabter Talente, von denen man bald hören wird.

Was hat Trainer Jürgen Klinsmann Amerikas Fußball gebracht?

Er hat uns spielerisch entwickelt, vor allem aber hat er dem US-Fußball globale Präsenz gebracht.

Wie schätzen Sie das Niveau der MLS ein?

Auf ein Level zwischen unterem Drittel der Ersten und oberem Drittel der Zweiten Bundesliga. Auch die MLS ist in den letzten Jahren stärker geworden.

Sie haben eine Zeitlang auch als Trainer gearbeitet, können Sie sich eine Rückkehr in diesen Job vorstellen?

Momentan nicht. Ich bin sehr zufrieden mit meiner aktuellen Rolle. Aber wie heißt es so schön: Sage niemals nie!

2018 hat Sporting die Western Conference der MLS gewonnen und ist bis ins Playoff-Halbfinale gekommen. 2019 wurde das Team nur Elfter und Vorletzter der Conference. Wassind die Gründe für diesen Absturz?

Die Wechsel, die wir vor der Saison im Kader vorgenommen hatten, haben nicht funktioniert. Wir waren in der Offensive zu wenig torgefährlich, dafür in der Abwehr sehr anfällig. 2020 wird die Mannschaft wieder ein anderes, ein besseres Gesicht zeigen.

Coach Peter Vermes ist trotz der schlechten Ergebnisse noch im Amt. In der Bundesliga wäre das undenkbar.

Die vergangene Saison war die erste, die für Peter schlecht gelaufen ist. Wir glauben nach wie vor, dass er der richtige Trainer für Sporting ist. Und was Ihren Verweis auf Deutschland betrifft: Denken Sie doch einmal an Otto Rehhagel und Werder Bremen.

Wie viele Fans kommen zu den Sporting-Spielen?

Im Schnitt 17.000, die meisten aus der Umgebung. Das ist nah an der Kapazitätsgrenze unseres Stadions.

Aber Kansas City ist eher eine Football-Stadt.

Ja, die Chiefs sind die absolute Nummer eins. Daran können und wollen wir auch gar nichts ändern. NFL-Fans sind nur sehr selten auch Fußballfans. Das ist eine andere Klientel.

Zur Person Brian Boyer Bliss

Geboren am 28. September 1965 in Webster (US-Bundesstaat New York). Bliss ist verheiratet, hat eine Tochter (13 Jahre alt) und einen Sohn (11).

Als Profi war er in Deutschland aktiv für Energie Cottbus (1990/91), den CFC (1991/92), Carl Zeiss Jena (1992 bis 94 und 1995/96) sowie Funkwerk Kölleda (1994/95).

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