Start bei EM geplatzt - Boxerinnen restlos bedient

Drei Chemnitzerinnen haben sich ein Jahr lang umsonst auf den Wettkampfhöhepunkt vorbereitet, der ihnen vom Verband verwehrt wird. Auch für den Talent- stützpunkt hat das negative Auswirkungen.

In der Boxhalle im Sportforum haben Sabine Fiedler, Maxi Klötzer und Emily Mauermann unzählige Stunden geschwitzt. Die drei jungen Damen vom Box-Club Chemnitz (BCC) wollten sich bestmöglich auf die Europameisterschaften vorbereiten. Doch letztendlich waren die Mühen umsonst: Sie dürfen nicht an der Europameisterschaft 2017 der Altersklasse U 17 in der Türkei teilnehmen. Grund: Der Deutsche Boxsport-Verband (DBV) schickt keine Boxerinnen dorthin.

"Es ist kein Geld mehr für diese Europameisterschaft da, weil der DBV sämtliche Mittel, die für die Frauen geplant waren, für Olympia in Rio ausgegeben hat - und das für lediglich eine Bronzemedaille, die dort geholt wurde" sagt Olaf Leib, Präsident des sächsischen Boxverbandes und zugleich Manager der Chemnitzer Wölfe. Darüber könne er nur schmunzeln. "Einen Großteil der Kosten, wie die Unterkunft, haben die jungen Damen bei der EM 2015 selbst bezahlen müssen." Der DBV habe lediglich Geld für seine Trainer, Kampfrichter und Delegationsleiter entrichtet. Auf Anfrage der "Freien Presse" wollte sich die Verbandsspitze nicht zu diesem Thema äußern.

Die drei Chemnitzerinnen können die DBV-Entscheidung nicht nachvollziehen. "Ich habe auf dieses internationale Ereignis seit Monaten hin trainiert. Es war die Chance, nochmals im Junioren-Bereich zu starten", sagt Sabine Fiedler. Jetzt sei die gesamte Vorbereitung umsonst gewesen. Die 15-Jährige hatte im Vorjahr ihr Debüt bei der Europameisterschaft gegeben. Nach dem ersten Kampf war jedoch Schluss. "Ein wenig Schuld daran hatte mein Kopfschutz, der ständig rutschte, und ich hatte oftmals keine Sicht mehr", erinnert sich die Faustkämpferin.

Maxi Klötzer zeigt sich ebenso enttäuscht über die Handlungs- weise des DBV, niemanden bei der U-17-Europameisterschaft an den Start zu schicken. Sie und die anderen beiden Faustkämpferinnen vom Box-Club Chemnitz seien vor allem erzürnt darüber gewesen, in welch kurzem Zeitraum die Absage kam. "Erst hatte man uns gesagt, dass wir bei der EM dabei sind und etwa sechs Wochen später wurde alles rückgängig gemacht", ärgert sich die 16-Jährige. Zuerst habe sie gedacht, das Ganze sei ein Scherz gewesen. "Ich denke, beim Boxen haben die Männer nach wie vor die Priorität", ergänzt Klötzer. Auch für sie wäre es der zweite Start bei einer Europameisterschaft gewesen. "Es wäre für meine weitere sportliche Entwicklung wichtig gewesen, an diesem internationalen Event erneut teilzunehmen", fügt sie hinzu.

So sieht es auch ihre Trainingskollegin Emily Mauermann. "Ich war doppelt enttäuscht, nicht bei der EM starten zu dürfen. Denn neben dem enormen Trainingspensum hatte ich Probleme mit dem Rücken und hatte eine Menge unternommen, damit die Schmerzen schnell verschwinden. Eigentlich braucht man eine längere Zeit für eine solche Therapie", sagt die 15-Jährige, die ebenfalls 2015 erstmals bei der EM an den Start ging.

René Benirschke, der die Juniorinnen trainiert, kann verstehen, dass seine Schützlinge wegen der geplatzten EM sauer sind. "Die Mädchen haben ein Jahr lang für dieses Ereignis hart trainiert", sagt der ehemalige Bundesliga-Boxer. Zudem hätten sie die Chance besessen, besser als im Vorjahr abzuschneiden, da sie ein Jahr älter geworden sind und trotzdem nochmals in der Altersklasse U 17 hätten starten können. Auf einen anderen Fakt weist indes Olaf Leib hin: "Wir brauchen für unser Projekt Talententwicklung sogenannte Förderpunkte. Davon hängen die Gelder ab, die wir vom Landessportbund bekommen." Wenn man nicht an internationalen Wettkämpfen wie der EM teilnehmen könne, bleiben die wichtigen Punkte aus, so Leib.


Kommentar: Noch ein Tiefschlag

Ein Boxer braucht Nehmer-Qualitäten. Er muss Kinn- und Leberhaken verdauen und schnellstmöglich wieder auf- stehen, wenn er zu Boden geht. Was den Box-Club Chemnitz betrifft, fällt das Aufstehen immer schwerer. Trotz der kurzfristigen und überraschenden Chance, kommende Saison in der ersten Liga zu boxen, muss man festhalten: Der Verein hat zuletzt harte Schläge abbekommen, die zudem unter die Gürtellinie gingen. Erinnert sei an Fliegengewichtler Ronny Beblik, der vom überforderten deutschen Verband nie eine faire Chance erhielt, sich für Olympia zu qualifizieren. Jetzt werden die jungen Boxerinnen um ihren EM-Start betrogen. Und nicht zu vergessen die Finanznöte bei der Ausrichtung des internationalen Chemnitzer Turniers, bei dem sich zur 25. Auflage nicht mal ein Vertreter der Stadt blicken ließ. Viele solcher Tiefschläge kann der Box-Standort Chemnitz nicht mehr verkraften - sonst geht er k. o.

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