Der Gerd Müller von Krumhermersdorf

Sein Torjägerinstinkt führte Bernd Sachse einst bis in die DDR-Oberliga. Dass der Fußballer heute trotzdem fast vergessen ist, liegt ausgerechnet an einem seiner größten Erfolge: der Berufung ins Junioren-Nationalteam.

Krumhermersdorf.

Fast auf den Tag genau vor 20 Jahren erreichte Gunter Gerlach eine bittere Nachricht. Einer seiner besten Freunde aus Jugendzeiten war gestorben. Wie viele andere hatte der Krumhermersdorfer damals, im Mai 1999, von Bernd Sachse schon länger nichts mehr gehört. "Es sei denn, er saß im Sportlerheim und trank", sagt Gerlach. Alle Versuche, dem Kumpel vom Alkohol abzuraten, brachten nichts. Dieser Lebenswandel war der Hauptgrund dafür, dass Sachse mit 43 Jahren viel zu früh aus dem Leben schied.

"Es ist aber wichtig, Bernd in anderer Erinnerung zu behalten", betont Gunter Gerlach. Schließlich sei Sachse der begnadetste Torjäger gewesen, den das wohl bekannteste Fußball-Dorf der DDR je hervorgebracht hat. "Er war der Gerd Müller von Krumhermersdorf", schwärmt der 64-Jährige, der anlässlich des 20. Todestages seines Freundes recherchiert hat. Über die Vereinschronik und das Archiv der "Freien Presse" führte sein Weg bis nach Zwickau. Dort gelangte er an den Namen eines BSG-Sachsenring-Spielers, der einmal mit Sachse abgelichtet wurde. Es ist eines der Fotos, das Bernd Sachse in seinem Element zeigt: Ein energischer Stürmer im gegnerischen Strafraum.

Instinkt und Technik prägten das Spiel von Sachse, der in der Jugend vom Vorstopper zum Mittelstürmer umfunktioniert wurde. Als Schlitzohr kniff er laut Gerlach seinen Gegenspielern im richtigen Moment auch schon mal in den Allerwertesten: "Man konnte ihn wirklich mit Gerd Müller vergleichen. Bernd war zwar kein Dauerläufer, aber dafür kompakt und wendig. Er stand immer da, wo man als Torjäger stehen musste." Auch den Talentspähern des FC Karl-Marx-Stadt blieb dieses Talent nicht verborgen. Und so wurde aus dem Steppke, mit dem Gerlach als Kind jeden Tag nach der Schule auf den Bolzplatz gerannt war, ein Hoffnungsträger des FCK.

In der Junioren-Oberliga begann eine vielversprechende Karriere, die dem Erzgebirger im Frühjahr 1974 die ersten beiden Länderspiele mit der Junioren-Nationalmannschaft bescherte. Außerdem ließ Bernd Sachse bei seinem Männer-Debüt im FCK-Trikot aufhorchen. Auf Anhieb traf er am 16. März bei Chemie Leipzig fünf Minuten vor Schluss zum 2:2-Endstand. Jener Frank Sorge, für den der Stürmer zur Pause eingewechselt worden war, kann heute viel über den damaligen Joker erzählen. Schließlich war Sorge später selbst in Krumhermersdorf aktiv - und daher auch ein wichtiger Ansprechpartner für Gunter Gerlach.

"In der Saison 1975/76 wurde Bernd Torschützenkönig des FCK", berichtet Gerlach. Es waren sechs von insgesamt 14 Toren, die Sachse in 69 Oberliga-Partien erzielte. Nach dem 0:1 am 26. März 1977 gegen Stahl Riesa war für den bulligen Angreifer allerdings Schluss. Nicht etwa aus sportlichen Gründen, sondern weil er laut Gerlach "politisch nicht mehr tragbar" war. Der Krumhermersdorfer spielt damit auf ein Ereignis während der Junioren-Europameisterschaft kurz zuvor in der Türkei an. Dort war Sachse auf demselben Zimmer untergebracht wie Norbert Nachtweih, der zusammen mit Jürgen Pahl diese Gelegenheit zur Flucht aus der DDR nutzte. Sachse blieb. "Er wäre nie auf solch eine Idee gekommen, weil er bodenständig und heimatverbunden war", so Gerlach. Die damaligen Verantwortlichen sahen dies anders und schickten den Angreifer über die Zwischenstation Eisenach, wo er seine Armeezeit verbrachte, zurück nach Krumhermersdorf.

Mit seinem Heimatverein erlebte Bernd Sachse bis 1990 zwar noch einige tolle Jahre, die im zweimaligen Aufstieg in die DDR-Liga gipfelten. Das Schlitzohr traf weiter, jubelte, baute ein Haus und wurde Vater. Dennoch hinterließ die Degradierung nach Ansicht von Gerlach tiefe Spuren: "Er hat nie darüber geredet, aber innerlich war er zerrissen." Mit der Wende war er für viele dann von der Bildfläche verschwunden. Obwohl der einstige Nationalspieler am Neuanfang des Krumhermersdorfer Fußballs keinen Anteil hatte, sollte er laut Gunter Gerlach als Legende in die Annalen eingehen.

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