Seit 60 Jahren auf der Judomatte

Der ESV Lok Zwickau hat Helmuth Müller für sein Lebenswerk geehrt. Der 77-Jährige war als Aktiver und Kampfrichter international im Einsatz und trainiert bis heute zweimal pro Woche. Normalerweise.

Zwickau.

Ganz ohne Judo geht es für Helmuth Müller auch in Zeiten des Coronavirus nicht. Als Trainer einer Breitensportgruppe mit Aktiven des ESV Lok Zwickau und des JSV 61 Zwickau bereitet er gerade vier Judoka auf die Gürtelprüfung zum 1. Dan vor. "Da auch immer ein theoretischer Teil dazu gehört, stelle ich gerade etwas Lehrmaterial zusammen, um mit den Sportlern zumindest auf die Art und Weise dranzubleiben, bis wir wieder zum Training auf die Matte können", sagt der 77-Jährige.

Nach wie vor ist er so fit, um bei den zweimal in der Woche anstehenden Übungseinheiten selbst aktiv mitzumischen. "Es geht nicht mehr wie mit 18. Aber es geht eben beim Judo auch nicht, dass du mit Schlips und Kragen daneben stehst. Es ist immer noch am besten, wenn man die Sachen selber vormachen kann", sagt Helmuth Müller. Seine Schützlinge profitieren dabei auch vom enormen Erfahrungsschatz des Mannes, der 1959 für die BSG Lok Zwickau zum ersten Mal auf der Matte stand und dem Verein seitdem die Treue hält.

Als ihn der ESV Lok Anfang März anlässlich der Mitgliederversammlung für sein Lebenswerk auszeichnete, war das für Helmuth Müller dennoch eine Überraschung. "Das ist die höchste Auszeichnung des Vereins. Da hab ich ganz schön mit den Ohren gewackelt, als ich aufgerufen wurde und mein Bild auf der Leinwand gesehen habe. Das hat mich schon berührt", sagt er. Dabei hat er sich die Auszeichnung nicht nur mit den vielen Jahren verdient. Denn beinahe von Beginn an engagierte er sich für seine Sportart weit über die Rolle des Aktiven hinaus.

Helmuth Müller erwarb 1962 die Übungsleiter- und die Kampfrichterlizenz. "Das ist viele Jahre neben meinen eigenen Kämpfen parallel gelaufen", erzählt der Judoka, der mit der Mannschaft von Lok Zwickau viele Jahre in der DDR-Liga kämpfte und sogar mal in der Oberliga schnupperte. "Aber da hatten wir gegen die großen Clubs keine Chance", sagt Helmuth Müller, der in der Gewichtsklasse bis 71 Kilogramm daheim war, wenn es sein musste, aber auch im Schwergewicht aushalf. Ein weiterer Höhepunkt seiner Laufbahn war ein internationaler Start in Ungarn.

Der Kampf Mann gegen Mann macht für ihn bis heute die Faszination des Judosports aus. "Man ist auf sich selbst gestellt und kann sich nicht verstecken. Es ist ein harter Sport, aber einer, in dem immer der sportliche Gegner geachtet wird. Das sind für mich die wichtigsten Werte im Judo, die ich auch immer vermitteln möchte", sagt der 77-Jährige, der viele Jahre im Reichsbahnausbesserungswerk Zwickau arbeitete und sich vor der Wende drei Jahre lang als Leiter des Judo-Trainingszentrums Zwickau um talentierte Nachwuchssportler kümmerte.

Im Judo-Verband Sachsen erwarb er sich in den folgenden Jahren Verdienste um den Aufbau des Kampfrichterwesens und hatte bis 2003 die Funktion als Kampfrichter-Referent inne. In die Zeit fielen auch seine Einsätze bei der U-21-Europameisterschaft in Ankara und bei der EM der Männer und Frauen in Rotterdam. Besonders gern erinnert sich Helmuth Müller auch an seinen letzten internationalen Einsatz im Jahr 2003. "Damals gab es für die Kampfrichter noch eine Altersbegrenzung von maximal 60 Jahren und ich durfte vor Ablauf der Frist noch zu einen Mannschaftswettbewerb nach Japan und dort sogar das Finale leiten", berichtet er begeistert.

Helmuth Müller wirkte danach viele Jahre als Vizepräsident im sächsischen Judo-Verband und gab das Amt bei der letzten Wahl ruhigen Gewissens in jüngere Hände ab. "Ich wollte mit 75 Schluss machen und habe den Nachfolger ordentlich eingewiesen", sagte er.


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