Von St. Pauli über Estland nach Sachsen

Seine Pläne beim FSV sind wie bei Trainer Joe Enochs langfristig ausgerichtet. Der neue Sportliche Leiter der "Jungen Schwäne" ist mit seiner Familie nach Zwickau gezogen, um hier etwas mitzubewegen.

Zwickau.

Es klingt höchst interessant, wenn Lars Christian Hopp seine sportliche Entwicklung schildert: Ein gebürtiger Kieler, der beim FC St. Pauli gearbeitet hat und in Estland verschiedene Junioren-Nationalmannschaften betreute, um nun als Sportlicher Leiter des Nachwuchszentrums des FSV Zwickau eine neue Herausforderung anzunehmen. Als Frank Bernhardt, mit dem er die "Zweite" in St. Pauli trainiert hatte, nach Estland ging, um die Nachwuchsarbeit beim dortigen Verband aufzubauen, wollte der ihn nachholen. "Eine witzige Geschichte", erzählt Hopp, dessen doppelte Staatsbürgerschaft dabei eine nicht unbedeutende Rolle spielte. "Er hat versucht, mich als seinen alten Co-Trainer anzuwerben. Das wurde jedoch abgeblockt, die wollten nicht zwei Deutsche haben. Zweimal hat er's vergebens versucht. Beim dritten Mal hat er gesagt: Ich kenne da einen Norweger, der Trainer ist. Da meinten die: Ein Norweger, sehr gut! Und dann hatte ich einen Job."

Nach sechs Jahren in Estland wollte er etwas Neues machen. Er bewarb sich auf die ausgeschriebene Stelle beim FSV. "Das erste Skype-Gespräch war im April", erinnert sich Hopp. "Der erste Eindruck war super. Wir sind menschlich sofort miteinander klar gekommen. Und wenn dann auch die Zielrichtung die gleiche ist, dann hat man eine super Grundlage." Er freut sich auf sein neues Aufgabenfeld. "Es ist halt was Anderes. Ich habe das auch ein bisschen vermisst, dieses tägliche Arbeiten mit Spielern und Leuten", gesteht der 41-Jährige." In Estland war er oft individuell unterwegs. "Wenn man im Verband arbeitet, hat man zwischen den Spielen viel Zeit für Analyse und Hintergrundarbeit. Ich glaube, das kann ich hier mit einfließen lassen." In Zwickau hat er sich erstmal mit Cheftrainer Joe Enochs kurzgeschlossen. "Da habe ich auf jeden Fall das Gefühl, dass sich unsere Spielphilosophie deckt. Wir sind auf einer Linie", betont Hopp, der die Lage realistisch einschätzt: "Der FSV ist ein kleiner Verein mit bescheidenem Etat. Da muss man hart arbeiten und mit dem auskommen, was man zur Verfügung hat."

Nach dem Abstieg der A-Junioren aus der Regionalliga will Zwickau jetzt nicht kurzfristig etwas übers Knie brechen. "Grundsätzlich müssen wir die Basis stärken, auch bei den ganz Kleinen", erklärt Hopp. "Wie brauchen mehr Spieler und müssen so mit ihnen arbeiten, dass sie mal hochklassig spielen können. Aber das dauert halt." Sein Motto: In die Basis investieren, um mit eigenen Jungs zu versuchen, wieder oben anzugreifen. Ziel müsse es sein, Talente aus der Region zu entwickeln, die Zwickauer Tugenden und Mentalität verinnerlichen.

Die Pläne des 41-Jährigen sind wie bei Joe Enochs langfristig ausgerichtet. Er ist mit seiner Familie aus dem Ausland her- und hat eine Wohnung in Neuplanitz bezogen. Seine erste Aufgabe: "Die Menschen kennenlernen, Vertrauen aufbauen", unterstreicht Hopp. Ganz wichtig ist ihm eine gute Zusammenarbeit mit den Vereinen der Region, die in beide Richtungen funktionieren soll. Das Kooperationsabkommen mit dem ESV Lok läuft richtig gut. Es ist Geben und Nehmen, von dem beide Seiten profitieren. "Wenn man Veränderungen vorschlägt, dann muss auch für alle Beteiligten ersichtlich sein, dass es eine Verbesserung ist." Es gelte, gemeinsam mit Eltern und Verein stets die beste Lösung für den einzelnen Spieler und dessen Entwicklung zu suchen.

Da Lars Christian Hopp über die UEFA-Pro-Lizenz, die höchstmögliche Lizenz im Fußball, verfügt, hat der FSV das letzte Hauptkriterium für die Lizenzierung zum DFB-Nachwuchsleistungszentrum erfüllt. "Es sind nur noch Kleinigkeiten offen, wie die Anpassung von Veränderungen im Ausbildungskonzept. Aber wir sind optimistisch, dass wir das im Laufe der Saison 2018/19 abschließen können", meint Markus Seiler, der Administrative Leiter der "Jungen Schwäne". Er hat den Neuen mit dem Arbeitsumfeld und der aktuellen Situation im Nachwuchszentrum vertraut gemacht und ihm berichtet, was man vorhat.

Lars Hopp hat sich erstmal eine Übersicht verschafft über den gesamten Bereich, von der U 7 bis zur U 19. Er will rasch alle Übungsleiter kennenlernen und sich mit ihnen austauschen. "Die Trainer sind das A und O für uns", betont der 41-Jährige. "Wichtig ist, dass alle in eine Richtung arbeiten." Der FSV strebt eine einheitliche Spielphilosophie von den Großen bis zu den Kleinsten an. "Das muss dann runtergefiltert werden auf Punkte, die man einfordern kann", erläutert Lars Hopp. "Sprüche kann man sich ja viele an die Wand schreiben, aber das mit Leben zu füllen, das ist die Kunst."


Für Drittligisten freiwillig

Ein Nachwuchsleistungszentrum bildet die sportliche Anlaufstation für die besten Talente und Perspektivspieler einer Region, die in einem professionellen Umfeld gefördert werden. Ziel ist die Integration möglichst vieler eigener Talente in den Lizenzspieler-Kader, eine größere Identifikation der Fans mit jungen Lizenzspielern aus der eigenen Region und eine intensiv gepflegte Kooperation mit Amateurvereinen der Region.

Die 36 Lizenzvereine der Bundesliga und 2. Bundesliga sind per Lizenzierungsstatut zum Aufbau eines Leistungszentrums für Talente nach festgelegten Kriterien verpflichtet. Auch für die Vereine in den Ligen unterhalb der beiden höchsten Spielklassen in Deutschland, der 3. Liga und der Regionalliga, besteht die Möglichkeit, ein Leistungszentrum aufzubauen. Immer mehr Vereine streben diesen Status als Qualitätssiegel für ihre Nachwuchsarbeit an. In Sachsen führen RB Leipzig, der FC Erzgebirge Aue, die SG Dynamo Dresden und der Chemnitzer FC ein solches Leistungszentrum im männlichen Bereich.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

    Lesen Sie auch
    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...