Gongschläge zum historischen Neustart

Klingenthal hat seit gestern wieder eine Oberschule. Warum das für den ländlichen Raum im Freistaat Sachsen ein Novum darstellt.

Klingenthal.

Mit mehreren Gongschlägen eröffneten gestern Marion Fischer und Thomas Müller den Unterricht an der neuen Klingenthaler Oberschule. Sie sind die Klassenleiter der beiden fünften Klassen, mit denen ein neues Kapitel der Klingenthaler Bildungspolitik aufgeschlagen wird. 44 Mädchen und Jungen aus Klingenthal und Nachbarkommunen konnten sich zudem über kleine Geschenke zum Schuljahresbeginn von Bürgermeister Thomas Hennig (CDU) freuen, der den Fünftklässlern viel Erfolg für ihren neuen Lebensabschnitt wünschte. Die Aufgaben des Schulleiters übernimmt der Klingenthaler Carsten Schlosser. Er wird im ersten Unterrichtsjahr wöchentlich drei Tage in der neuen Schule sein.

"Es ist ein historisches Datum für Sachsen. Erstmals wird im ländlichen Raum des Freistaates wieder eine Oberschule eröffnet. Das wurde mir vom Kulturministerium bestätigt", freute sich ein sichtlich zufriedenes Stadtoberhaupt. Hennig dankte auch den Eltern, die in den vergangenen Monaten den Bemühungen des Stadtrates vertrauten und ihre Kinder an einer Schule anmeldeten, die es zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben hat.

Hinter Hennig liegen beim Kampf um die Oberschule ereignisreiche Monate. Allein im Herbst 2017 hatte er drei Elternabende veranstaltet, dazu gab es im Schulzentrum am Amtsberg einen Tag der offenen Tür zum Schnuppern.

Das Klingenthaler Vorhaben fand nicht überall Zustimmung. So mancher Zwischenschritt erwies sich deshalb als nervenaufreibende Zitterpartie. So stand trotz der 52 im Vorfeld von Eltern gegebenen schriftlichen Willensbekundungen erst am Abend des 6. März endgültig fest, dass die notwendig Zahl von 40 Fünftklässlern zur Bildung von zwei Klassen erreicht wird. Ein großes Plus für Hennig war, dass er bei seinen Bemühungen immer darauf verweisen konnte, dass der Stadtrat geschlossen hinter dem Projekt stehe und auch die Wirtschaft das Projekt unterstütze. Inzwischen kamen sogar noch vier Schüler hinzu.

Dass es von Seiten der Lehrer mehr Bewerbungen gab, als im ersten Jahr der Oberschule in Klingenthal benötigt werden, wertet Hennig ebenfalls als ein sehr positives Signal für die Zukunft.

Im Schulzentrum auf dem Amtsberg sind durch Umbaumaßnahmen zwei Klassenzimmer für die beiden fünften Oberschulklassen hergerichtet worden, auch die neuen Lehrer haben ein eigenes Domizil. Vorgenommen wurden die Arbeiten von Mitarbeitern der stadteigenen Wohnungsgesellschaft.

Bürgermeister Hennig hofft nun, dass im Frühjahr 2019 der Grundstein gelegt wird für einen Anbau an das Schulzentrum, mit dem 12 bis 15 Klassenzimmer für die neue Oberschule entstehen. Die Kosten sind mit rund 2,5 Millionen Euro veranschlagt. Bei der Finanzierung des Baus hofft die Stadt auf Fördermittel vom Freistaat. Hennig hat aber bereits mehrfach deutlich gemacht, dass man im Ernstfall auch bereit sei, den Bau über Kredite abzusichern. "Ich schließe keine Schule mehr zu", sagte das Stadtoberhaupt gestern.

Klingenthal als Bildungsstandort bietet nun wieder ein Spektrum an, das von der Grund- und Oberschule bis zum Ski-Gymnasium reicht. Dazu kommt eine von drei deutschen Berufsfachschulen für Musikinstrumentenbau. Und diese kann in wenigen Tagen auf ihr 175-jähriges Bestehen blicken.


Kommentar: Zeichengesetzt

Mit der Wiedereröffnung einer Oberschule hat Klingenthal für den ländlichen Raum in Sachsen ein Zeichen gesetzt, das historisch zu nennen ist. Am Zustandekommen der Bildungseinrichtung haben viele Akteure Anteil - bis hin zu Lisa Petzold, die in den Bürgerfragestunden des Stadtrates das Thema auch zu Zeiten hinterfragte, in denen die Chancen für eine Realisierung utopisch erschienen. Bürgermeister Thomas Hennig konnte das Vorhaben mit großem persönlichen Engagement letztlich auch deshalb umsetzen, weil der Stadtrat geschlossen hinter ihm stand. Auch das ist ein Zeichen für die Klingenthaler Zukunft.


Zeittafel

Juli 2005: Der Vogtland-Kreistag beschließt mit 35 Ja-, 13 Nein-Stimmen und 13 Enthaltungen die Schließung der damaligen Klingenthaler Mittelschule zum Schuljahresende 2007/08.

Juni 2011: Zur Einweihung des Internats auf dem Amtsberg mit Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Landrat Tassilo Lenk (beide CDU) bringt der damalige Bürgermeister Enrico Bräunig (SPD) die Mittelschule wieder zur Sprache - ohne Reaktion.

Februar 2014: Die Fraktion "Pro Klingenthal - meine Stadt" bringt den Antrag ein, das Thema Oberschule auf die Tagesordnung zu setzen. Damit werde sich der im Mai zu wählende Stadtrat beschäftigen, sagte Bürgermeister Thomas Hennig (CDU).

Juni 2014: Beim Besuch von Ministerpräsident Tillich bei der KMW Engineering spricht auch Geschäftsführer und CDU-Stadtrat André Karbstein das Thema Oberschule an.

August 2014: Eine Oberschule für Klingenthal findet laut Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) keine Zustimmung ihres Ministeriums.

Juni 2015: In der Bürgerfragestunde des Stadtrats bringt Lisa Petzold zum wiederholten Mal das Thema Oberschule in Gespräch.

Mai 2017: Für die Rückkehr einer Oberschule setzt die Stadt alle Hebel in Bewegung, sagt Bürgermeister Hennig zum Bürgerstammtisch.

Juni 2017: Für eine Wiedereinrichtung einer Oberschule laufen Gespräche mit der Bildungsagentur Zwickau.

November 2017: Von 52 Elternhäusern liegen Willensbekundungen vor, die künftigen Fünftklässler in Klingenthal anmelden zu wollen.

Januar 2018: Der Stadtrat unter- mauert das Oberschul-Vorhaben mit einem einstimmigen Beschluss.

Mai 2018: Kultusminister Christian Piwarz (CDU) übergibt den Bescheid zur Betreibung einer Oberschule. (tm)

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