93-jährige Plauenerin durchlebt Angst aus Bombennacht ein zweites Mal

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Die als Neideitel bekannte Ruth Müller-Landauer hat erstmals das Luftschutzmuseum unter dem Plauener Schlosshang besucht. Am kommenden Samstag ist das Museum im Rahmen einer "Freien Presse"-Veranstaltungsreihe für die Öffentlichkeit zugänglich.

Plauen.

Fest umklammert Ruth Müller-Landauer die Hand von Gert Müller, als der Chef des vogtländischen Bergknappenvereins den Schlüssel zu einem abgesperrten Keller umdreht und sie mit Helm und Grubenlicht unter den Plauener Schlosshang führt. Vor ihnen öffnet sich ein in den Berg getriebener und mit roten Ziegeln ausgekleideter Schacht, der direkt neben dem offiziellen Luftschutzmuseum "Meyerhof" liegt. Die zierliche 93-Jährige versinkt in einem Jacken-Ungetüm. Draußen ist Hochsommer, im Felsenkeller sind nicht einmal 10 Grad. Müller-Landauer ist niemand, der lange den Mund hält. Die 93-Jährige lebt ihre Paraderolle als Neideitel. Jetzt schweigt sie. Ihre Augen sind aufgerissen, um gegen die Dunkelheit anzukommen und jeden Zentimeter der Höhle abzutasten. War es dort, in jener Nische? Ruth Müller-Landauer ist an einen Ort zurückgekehrt, den sie 77 Jahre mied. Der in ihr Beklemmungen auslöst und Erinnerungen hochkatapultiert.

Eine sternenklare Nacht. Die Glocken der katholischen Kirche läuten in die Stille. Voralarm. Ein 15-jähriges Mädchen packt seine vierjährige Schwester an der Hand, die Mutter nimmt den dreijährigen Bruder auf den Arm. Sie rennen die Treppen hinunter, den Hirtenweg, der vom oberen Teil des Hradschins auf kürzestem Weg zur Syrastraße führt. Ihr Ziel sind die Keller in den Hinterhöfen der Häuserzeile. An unbeschwerten Tagen war das Mädchen bei der Oma zu Besuch und lief mit seinen Rollschuhen am Gasthof "Meyerhof" vorbei, bahnte sich durch den Trubel der Großstadt vor den Geschäften Richtung Neustadtplatz seinen Weg. Jetzt rennt es um sein Leben. Motorengeräusche am Himmel. Tiefflieger. Sie schießen. Es ist der Anfang vom Ende.

Die Nacht vom 10. auf den 11. April 1945 geht als die Nacht des schwersten Bombenangriffs auf Plauen in die Geschichtsbücher ein. Es ist ein Bombenteppich, der sich in kürzester Zeit über die Stadt legt. Fast 5000 Tonnen Bombenlast werfen die Alliierten innerhalb von nur wenig mehr als zwanzig Minuten ab. Auch auf die Wohnbebauung. Historiker Gerd Naumann schreibt über jene Nachtoperation der Briten und Amerikaner, dass sie in der Absicht erfolgte, "die Stadt aus der Landkarte zu löschen". Am Ende des Krieges sind 76 Prozent der Stadt an der Weißen Elster zerstört. Plauen war nicht nur die Stadt, aus der die weiße Spitze in die Welt ging, sondern auch Panzer und Flugzeugteile fürs Naziregime gefertigt wurden.

Ruth Müller-Landauer steht in der Juliabendsonne und atmet tief ein. Vor ihren Augen läuft ein Film. Ihr Bruder hat keine Erinnerungen mehr an jene Nacht vor bald 80 Jahren. "Er war zu klein", sagt seine große Schwester. Als sie die Treppen hinunterliefen, rauschte ein Tiefflieger auf die kleine Gruppe zu. Über ihren Köpfen stellte der Pilot für einen Moment das Feuer ein, schoss erst hinter ihnen weiter. "So schafften wir es bis in den Keller", erzählt Ruth Müller-Landauer. Jetzt ist es Gert Müller, der schweigt. Dabei bestreitet der 74-Jährige seine Führungen ohne Punkt und Komma. "Wahnsinn", murmelt er dann.

Eine halbe Stunde hockte die Familie unter der Felsendecke, dicht gedrängt mit anderen. Der Bombenhagel grollte. Ein tonnenschwerer Diabaskoloss löste sich durch die Erschütterungen und stürzte von der Decke, begrub aber niemanden. In einem benachbarten Keller gab es wegen eines solchen Steinschlags Opfer. Beide Tunnel sind heute wegen Einsturzgefahr gesperrt. "Es war fürchterlich, wir hatten schreckliche Angst", sagt Müller-Landauer und lässt ihren Blick den Hang hinauf schweifen.

Viel hat sich an der Syrastraße verändert. Die letzten Häuserruinen wurden Anfang der 1970er abgerissen. Auf dem Amtsberg entsteht mit dem Campus-Gelände ein junges Zentrum. Die Keller aber retteten nicht nur ihr Leben, sondern auch das Hunderter Plauener. Bevor die Stadt brannte, krochen die Kinder in die Keller eingestürzter Häuser, um dort Gläser mit eingekochten Erdbeeren zu bergen. Hamstern, überleben. "Es war in dem Moment alles ganz unwirklich", sagt sie heute. "Die Tragweite dessen, was da geschehen war, verstand ich erst viel später."

Ein Jahr nach dem Ende des Krieges begann Ruth Müller-Landauer eine Tanzausbildung, studierte Gesang und ging später an Theater, kehrte bald aber nach Plauen zurück. Die Tanzpädagogin ist Trägerin des sächsischen Verdienstordens. Bis heute ist sie Vorturnerin ihrer Sportgruppe. Es war das Geburtstagsgeschenk der Frauen, die 93-Jährige bei einem Gang nicht allein zu lassen, der ihr alles abverlangte.

Die Entdeckertour der "Freien Presse" führt am Samstag, 30. Juli, ins Luftschutzmuseum "Meyerhof" (ab 6 Jahre) und auf die Schlossterrassen, 10 bis 18 Uhr laufen Führungen. Eintritt 5 Euro, ermäßigt 2,50 Euro.

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