Alt-Bürgermeister gestorben

Gerhard Berndt war von 1950 bis 1953 Bürgermeister von Hohenstein-Ernstthal. Am Donnerstag wurde er beigesetzt.

Hohenstein-Ernstthal.

In der Folge der Bürgermeister von Hohenstein-Ernstthal reihte sich Gerhard Berndt in den Jahren 1950 bis 1953 ein. Ein langes, bewegtes Leben blieb ihm beschert, er starb Weihnachten vergangenen Jahres im Alter von 95 Jahren. Am Donnerstag fand die Trauerfeier mit anschließender Beisetzung auf dem Hohensteiner St. Christophorifriedhof statt.

Die wenigsten Bürger der Stadt werden seinen Namen noch kennen, zu lange ist seine aktive Bürgermeisterzeit her. Aber dennoch war er eine markante Persönlichkeit, der es durch Verdienste für Hohenstein-Ernstthal in schwerer Nachkriegszeit sehr wohl gebührt, noch einmal Würdigung zu erfahren. Vorausgeschickt, er war ein dynamischer, kreativer Mensch mit Visionen für die Stadt, der einst Augenoptiker in Waldenburg gelernt hatte, der aber als Bürgermeister trotz aller materiellen Mängel bei der Wiederaufbauarbeit Anfang der 50er-Jahre die Bürger motivierte und selbst mit Hand anlegte. Er verwaltete die Stadt nicht nur, sondern war stets auf ihr Bestes bedacht, er war ein Mann der die Bürger und die damals noch existierenden privaten Unternehmen ebenso verstand in die Aufgaben der Stadt in einen Plan für zusätzliche Arbeiten alljährlich einzubinden. Viele der damaligen Objekte haben heute noch Bestand. Das Jahr 1952 sei da herausgegriffen. Insgesamt 147 Vorschläge wurden aus allen Kreisen der Bevölkerung unterbreitet, 68 davon wurden 1952/53 in den Plan zur Verbesserung und Verschönerung der Stadt aufgenommen. Berndt überwachte die Realisierung, er hob in jenen Jahren das Bergfest wieder aus der Taufe, leitete den Bau des Pfaffenbergstadions in die Wege, der 1957 seinen Abschluss fand. Kein Wunder, dass es so lange dauerte. Um das Planum für den Sportplatz zu schaffen, gab es weder Bagger noch Radlader oder anderes Gerät, mit Hacke und Schaufel gingen die Bürger freiwillig zu Werke. Auch beim Seifenkistenrennen rund um den Rosa-Luxemburg-Platz zeigte er sich aktiv, ebenso fuhr er mit den Heimatfreunden des Freundeskreises Geologie in alte Schachtanlagen ein, um sie zu erhalten. Mit Kultur und Natur war er eng verbunden. Er setzte sich an der Seite des Archivars Dr. Karl Streller und des Museumsleiters Willi Riedel für die Erweiterung des Stadtmuseums ein, pflanzte 1953 auf dem Pfaffenberg eigenhändig 25 Bäume. Lang ist die Liste von dem, was er in den wenigen Jahren seines Bürgermeisterdienstes anschob. Auch zeigte er sich selbst bei Kleinigkeiten einfallsreich und einfühlsam. Als ihm 1953 der Brief eines Bürgers erreichte, mit dem Anliegen, die Karl-May-Straße umzubenennen, da Karl May ein Nationalist und Chauvinist gewesen sei, versenkte er das Schreiben nach Rücksprache mit Richard Fritzsche vom Kulturbund in den Papierkorb. So behielt die Karl-May-Straße von 1929 bis heute ihren Namen.

Er ärgerte sich täglich über das Zuspätkommen der Rathausmitarbeiter. So ließ er eines Tages eine Minute nach Arbeitsbeginn vom Hausmeister alle Außentüren des Rathauses abschließen. Eine halbe Stunde später schloss er die Eingangstür des Rathauses wieder auf und jeder einzelne musste ihm erklären, warum er zu spät zur Arbeit kam. Der Parteisekretär und der Gewerkschaftsvorsitzende waren auch darunter, sie rebellierten, allerdings ohne Erfolg, aber die Aktion des Bürgermeisters zeigte für eine ganze Zeit Wirkung.

Sein eigentlicher Wunsch war es nicht, Bürgermeister zu werden und zu bleiben, er wollte mehr Gerechtigkeit in die Gesellschaft einbringen und Staatsanwalt werden. So begann er im Herbst 1953 ein Studium der Staats- und Rechtswissenschaften in Potsdam-Babelsberg. Auch in dieser Tätigkeit, die sein Leben bis zum Eintritt ins Rentenalter prägte, vertrat er trotz damaligen Zeitgeistes seine eigenen, äußerst menschlichen Grundsätze. So galt bei Gerhardt Berndt das Prinzip: "Nicht strafen, sondern erziehen! An das Gute im Menschen glauben!" In diesem Sinne trat er lange Zeit in der "Rechtsberatung per Ätherwelle" im Rundfunk auf, plauderte im Sachsenspiegel des Senders Dresden jeden Sonnabend über Rechtsfragen.


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