Eine Zeit roher Tyrannei

Studentin Anna Willisch aus Hohenstein-Ernstthal hat eine Arbeit über die Jahre 1933 bis 1945 in ihrer Heimatstadt geschrieben. Sie erinnert damit an ein düsteres Kapitel.

Hohenstein-Ernstthal.

Das Böse hat sich nicht irgendwo abgespielt, in der Ferne, in irgendeiner großen Stadt. Es passierte direkt vor unserer Haustür. Oft waren die Täter "gute Bekannte" von nebenan. Es geht um die schlimme Zeit zwischen 1933 und 1945. Wie aktuell ist die Zeit, in der Nachbarn Jagd auf ihre Nachbarn machten?

Studentin Anna Willisch aus Hohenstein-Ernstthal hat eine wissenschaftliche Arbeit verfasst zu dem Thema, was sich in den Jahren der Nazi-Diktatur in Hohenstein-Ernstthal abgespielt hat. Die junge Frau hat mit Heimatforschern gesprochen, hat in Archiven alte Zeitungen und Akten gewälzt, ist Friedhöfe abgegangen. Morgen Abend stellt Anna Willisch im Textil- und Rennsportmuseum ihre Arbeit vor. Die bittere Erkenntnis: Auch in Hohenstein-Ernstthal wurden Menschen gejagt. Aber. Es gab auch Menschen, die sich dem perfiden System entgegengestellt haben. Da ist zum Beispiel Pfarrer Rietzsch. 1921 hatte er in der Christophori-Kirche die Stelle als erster Pfarrer angetreten. "Er war von Anfang an der NSDAP gegenüber skeptisch", berichtet Anna Willisch. Vom 24. zum 25. Juni 1933 ereignete sich in Hohenstein-Ernstthal die sogenannte Blutnacht. SA-Leute hätten Mitglieder der SPD und KPD mit Fußtritten, Knüppeln und Pistolen an die Gasthäuser Stadt Glauchau und Stadtkeller getrieben, so die Studentin in ihrer Arbeit. Eines der insgesamt 31 Opfer: Willi Gründig. Zuerst schütteten ihm die Männer von der Sturm-Abteilung Lauge ins Gesicht; dann schmierten sie im Kalk über den Kopf.

Schließlich landeten die Misshandelten im Amtsgerichtsgefängnis. Pfarrer Rietzsch kam als Seelsorger und erschrak, als er die Verletzungen sah. "Er erstattete Anzeige. Ein eingeleiteter Prozess wurde zwar niedergeschlagen. Aber so erfuhren viele Hohenstein-Ernstthaler von den Misshandlungen", so Anna Willisch in ihrer Arbeit. Und: Das war der Beginn der Feindschaft zwischen Pfarrer Rietzsch und der Ortsgruppe der NSDAP. Der Geistliche grüßte nur selten mit dem Hitler-Gruß, weigerte sich, Hitler und die NSDAP in seine Predigten einzubinden. Rietzsch blieb standhaft und schrieb viele Jahre später, im Jahre 1956, einmal rückblickend: "Es war eine Zeit der rohesten Tyrannei, gemeine Verlogenheit, brutalste Gewalttätigkeit, die bis zur Mordgier ausartete. Wortbrüchigkeit, Knebelung jeder freien Meinung ... waren an der Tagesordnung."

Stadtchronist Wolfgang Hallmann hat die Arbeit von Anna Willisch, in der auch Beispiele für die menschenverachtende Hetzjagd auf Juden in Hohenstein-Ernstthal aufgeführt werden, betreut. "Es ist eine einwandfreie, beeindruckende Arbeit", sagt er. "Es ist gut, dass sich junge Menschen mit dieser Zeit auseinandersetzen."

Der Vortrag von Anna Willisch beginnt am Donnerstag, 18.30 Uhr. Er findet im Textil-und Rennsportmuseum, Antonstraße, in Hohenstein-Ernstthal statt.

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