Zwei Bänke und 250 Stimmen gegen rechte Gewalt

Es reicht! Das sagten sich zahlreiche Menschen in Zwickau und versammelten sich am Freitagabend vor der Gedenkstätte für das erste NSU-Mordopfer.

Zwickau.

Etwa 250 Menschen haben sich am Freitagabend an der Gedenkstätte für das erste Mordopfer des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU), Enver Simsek, am Rande des Zwickauer Schwanenteichparks versammelt. Sie legten Blumen nieder und entzündeten Kerzen. Zwischenfälle gab es keine, wie die Polizei am späten Abend meldete.

Nach dem Absägen des Gedenkbaumes und der Zerstörung einer Gedenkbank durch unbekannte Täter hatten Privatpersonen und Vereine um das Bündnis für Demokratie und Toleranz zu der Aktion aufgerufen. Nach einer Schweigeminute bat Mitorganisator Chris Schlüter die Teilnehmer, auch selbst ans Mikrofon zu treten, um ihre Gedanken zu teilen. Die Schändung der Simsek-Gedenkstätte gehe ihm seit Tagen nicht aus dem Kopf, sagte der 32-Jährige. "Ich trage Wut und Unverständnis in mir. Was für Menschen sind das, die dieses Mahnmal zerstören?" Für ihn sei die Aufarbeitung des NSU-Terrors längst noch nicht abgeschlossen. Auch die Zivilgesellschaft in Zwickau müsse sich weiter daran beteiligen, auf der Straße Haltung zeigen.

Das sahen viele Redner ähnlich. "Wir müssen zu diesem Thema im Gespräch bleiben, uns damit weiter auseinandersetzen", erklärten zwei Schüler und fügten an: "Wir wollen doch alle friedlich leben." Auch Leo Siberski, Generalmusikdirektor am Theater Plauen-Zwickau, trat ans Mikrofon: "Hass ist zwar nicht strafbar, es gibt aber Grenzen." In diesem Zusammenhang äußerte sich ein weiterer Redner zum Hass im Internet, der nicht mehr geduldet werden dürfe. "Es ist Zeit, dass endlich Ross und Reiter genannt werden."

Auch Laura Schiller vom Jugendclub "Lutherkeller", wo die angehende Erzieherin ein Praktikum absolviert, war mit mehreren Kindern und Jugendlichen zu der Aktion gekommen. "Es ist wichtig, dass auch Kinder davon erfahren und begreifen, was der NSU angerichtet hat", so die 21-Jährige. Im Jugendclub sei über rechte Gewalt, und was sich dahinter verbirgt, diskutiert worden. Das Mordtrio hatte von Zwickau aus operiert und hier auch ein Unterstützerumfeld. Insgesamt zehn Menschen fielen ihm zu Opfer.

Die Stadt hatte bereits kurz nach der Schändung des Mahnmals angekündigt, die junge Eiche für Enver Simsek in Kürze zu ersetzen. Zudem sollen Anfang November Bäume für die neun weiteren NSU-Opfer gepflanzt werden. Das Geld für deren Anschaffung will unter anderem der Zwickauer Lukas Buschmann, der jetzt in Leipzig lebt, bereitstellen. Der 27-Jährige hatte im Internet eine Spendenaktion initiiert, bei der 4000 Euro zusammenkamen. Auch die Stadtverwaltung hat ein Spendenkonto eingerichtet.

Nach der Zerstörung der Gedenkbank hatten Privatleute eine neue, weiß angestrichene und gravierte Bank aufgestellt. Mittlerweile ist auch die erste Bank repariert und steht wieder an der Gedenkstätte. (jwa/sf/samü)

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