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Christian Berger nimmt den Pflanzschnitt vor: Der Baum kann auf Dauer nur einen Trieb ernähren, die Konkurrenz muss weg.

Foto: Andreas Kretschel

Gärtner schicken Bäume in Winterschlaf

Herbstzeit ist Pflanzzeit für Obstbäume. Ein Hohensteiner Gärtner erklärt, worauf es ankommt - und warum die Früchte früher besser gewachsen sind.

Von Ulrike Abraham
erschienen am 13.10.2017

Hohenstein-Ernstthal. Kahle Stämmchen pieken in den Oktoberhimmel, mit ihren nackten Wurzeln ähneln sie Besen. Stattliche Obstbäume sollen das einmal werden. Gärtner Christian Berger verpasst ihnen den Pflanzschnitt: Die Bäumchen müssen ordentlich Holz lassen, bevor sie in die Erde kommen. Es ist Herbst, doch in der Hohensteiner Baumschule haben Berger und seine Kollegen noch einmal alle Hände voll zu tun: Denn bevor der Garten in den Winterschlaf geht, erlebt die Saison einen letzten Höhepunkt.

Erst, wenn sie keine Blätter mehr haben, können Obstbäume gepflanzt werden, die ohne schützenden Erdballen daherkommen: Wurzelnackt heißt das in der Gärtnersprache. Müssten sie noch Blätter versorgen, würden sie vertrocknen. Die Pflanzzeit beschränkt sich also auf wenige Wochen im Frühjahr und Herbst - und ein bisschen helfen die Gärtner nach. "Das restliche Laub streifen wir ab", sagt Berger. Sonst könnten die Kunden erst Ende Oktober loslegen, wenn Bodenfröste die Erde verhärten.

Seit 41 Jahren ist Berger Gärtner. Nach Feierabend bewirtschaftet er seine eigenen tausend Quadratmeter. Topas, Rewena, Boskoop, Prinz Albrecht. Der 59-Jährige zählt auf, zwei Hände reichen nicht: Allein elf Apfelbaumsorten wachsen in seinem Garten. Vielfalt ist wichtig. Zum einen brauchen die meisten Apfel- und Birnensorten einen Partnerbaum, der sie befruchtet. Der muss von anderer Sorte sein, sonst produziert der Baum keine oder wenige Früchte. Die Sorten haben dabei ganz unterschiedliche Vorlieben. "Das ist wie beim Menschen", sagt Bergers Chef Uwe Siegert und lacht. In einer Art Baumpartnerbörse hat er aufgelistet, wer zu wem passt.

Vom Jonagold, dem beliebten Supermarktapfel, rät Berger allerdings ab. "Der sieht vor allem schön aus." Doch der Schönling ist empfindlich, vom Gärtner verlangt er einiges: Theoretisch müsse man alle zwei Wochen Pestizide verteilen, um ihn vor Krankheiten zu schützen.

Früher gab es davon weniger, bestätigt Berger den Eindruck vieler Hobbygärtner. Pilzkrankheiten wie Birnengitterrost etwa haben seit der Wende stark zugenommen. Dem Fachmann zufolge liegt das vor allem daran, dass die Luft zu DDR-Zeiten schlechter war: Als es rundum noch viele Kohleöfen und in der Stadt eine Nickelhütte gab, war die Luft voller Schwefel - und der wirkte quasi als Dauerpestizid.

Berger hält wenig von der Chemiekeule, in seinem Garten kommt sie kaum zum Einsatz. Wozu er stattdessen rät? Hinnehmen. Schwarze Stellen zum Beispiel, die durch Schorfpilze an den Äpfeln entstehen können. Hinnehmen, dass ein Baum mal keine Früchte trägt. Und das ist das zweite Argument für Vielfalt: Wenn eine Sorte aussetzt, hängt dafür vielleicht der Nachbarbaum voll.

Das Gärtnergeheimnis besteht also zum guten Teil aus Geduld, Genügsamkeit - und wohldosierter Brutalität: Berger übernimmt den Pflanzschnitt, bevor das nackte Bäumchen an den Kunden geht. Die Krone darf nicht zu dicht sein, sonst bekommt sie nicht genug Licht. Der Baum kann auf Dauer nur einen Trieb ernähren, die Konkurrenz muss weg. Dabei ist er nicht zimperlich. Berger lacht. "Das ist nichts für Zartbesaitete."

Eine Sortenbestimmung aller Obstgehölze nimmt am Samstag ein Fachmann vor: Zwischen 9 und 16 Uhr in der Baumschule Hohenstein-Ernstthal, Im Viertel 1. Dazu sollten Interessierte am besten drei Exemplare der Frucht mitbringen.

 
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