Soziologe: «SPD muss Traum von vereinigter Linke vergessen»

Wohin geht die SPD? Das weiß die älteste deutsche Partei so kurz nach der Wahlkatastrophe selbst noch nicht. Der renommierte Soziologe Heinz Bude meint, als Zukunftspartei habe die SPD wieder eine Chance. Und er rät: Abstand halten vom Ehepaar Lafontaine!

Berlin (dpa) - Bei der Bundestagswahl stürzte die SPD auf 20,5 Prozent ab. Im Osten und Südwesten ist sie ausgelaugt. Die älteste deutsche Partei ringt um ihren Status als Volkspartei.

Der Gesellschaftsforscher Heinz Bude warnt die SPD in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur davor, ihr Glück in einem radikalen Linkskurs zu suchen. Stattdessen müsse die SPD sich als Zukunftspartei neu erfinden. Parteichef Martin Schulz traut Bude diese Aufgabe nicht zu.   

Frage: Was muss die SPD jetzt machen? 

Antwort: Es ist gut und richtig, die Finger von einer erneuten Regierungsbeteiligung zu lassen und in die Opposition zu gehen. Die SPD muss eine programmatische Neuformatierung hinkriegen. Gleichzeitig darf sie den Willen zur Macht nicht verlieren. Das ist nicht so einfach.

Frage: Was bedeutet Neuformatierung konkret?  

Antwort: Der entscheidende Punkt ist, ob die SPD jetzt ein anti-kapitalistisches oder ein post-kapitalistisches Vorstellungsvermögen aufbaut. Sie müssen diesen sentimentalen Traum von der Wiedervereinigung der Linken vergessen. Wenn die SPD glaubt, sich dem Ehepaar Lafontaine (Linke-Vordenker Oskar Lafontaine und Fraktionschefin Sahra Wagenknecht) an den Hals werfen zu müssen, dann ist sie verloren. Wann sind Sozialdemokraten groß geworden? Wenn sie eine eigene Botschaft hatten. Neuprogrammierung heißt, die SPD ist eine Partei, die die Zukunft im Blick hat und Antworten für die neue Zeit nach dem Neoliberalismus findet.

Frage: In Großbritannien aber ist Jeremy Corbyn als linker Populist und harter Kapitalismus-Kritiker sehr erfolgreich. 

Antwort: Corbyn sammelt die Intelligenzia ein, die des Neoliberalismus überdrüssig ist und bringt das dann mit den Stimmen der Verzweifelten der Gesellschaft zusammen. Auch Jean-Luc Mélenchon in Frankreich versucht das. So ein demokratischer Sozialismus kann in begrenztem Maß funktionieren. Die Leute finden links wieder gut und spannend. Ich fürchte aber, die SPD würde sich mit so einer Position in einem Drittel der Wählerschaft einbunkern und würde da nie wieder rauskommen. 

Frage: Viele Arbeiter haben AfD gewählt. Sind die für die SPD verloren?

Antwort: Nein. Sie dürfen nur keine Angst davor haben zu sagen, dass sich durch die Zuwanderung die soziale Frage neu stellt. Natürlich verändert die Zuwanderung die Ungleichheit. Das merken die Leute doch. Die wollen von den Politikern Antworten und Beschreibungen hören, die glaubhaft sind. Aber man darf allerdings nicht den Fehler machen, sich in eine Konkurrenz um Ressentiments mit den Rechtspopulisten wie der AfD zu begeben. Da verlieren sie. Wenn die SPD es schafft, den von rechts abgeschöpften Solidaritätsbegriff wieder ein bisschen linker zu machen, dann hat sie eine große Chance.

Frage: Sie sind von Martin Schulz enttäuscht. Warum? 

Antwort: Er hat keinen Begriff von der Modernität der deutschen Gesellschaft. Es ist ja nicht verkehrt gewesen, im Wahlkampf zu sagen, lasst uns mal darüber reden, was alles schief läuft. Er hat daraus aber eine bloße Menschlichkeitsnummer gemacht. Schulz hat sich völlig vergaloppiert in der Übernahme der kleinen Probleme der kleinen Leute. Da ist keine Zukunft rausgekommen, das ist sein großes Problem. 

Frage: Sollte die SPD ohne Schulz neu anfangen?

Antwort: Das ist überhaupt keine Frage.

Frage: Ist die neue Fraktionschefin Andrea Nahles die richtige Wahl? 

Antwort: Ich finde, das ist die beste Personalentscheidung. Als Arbeitsministerin hat sie sich bereits mit den Fragen der digitalen Arbeitswelt einen starken Zugriff auf die Zukunft gesichert. Das verbindet sie mit einer geerdeten Persönlichkeit, katholisch mit Eifler Hintergrund. Ihr großer Vorteil gegenüber Schulz ist, dass das bei ihr nicht provinziell ausgehen wird. Industrie 4.0 mit den Chancen und Risiken, das muss sozialdemokratisch durchdekliniert werden. Die SPD muss sagen: die erste Halbzeit in der Digitalisierung haben die USA gewonnen, die zweite Halbzeit gewinnen wir - mit der Sozialdemokratie an der Spitze. 

Frage: Wie viel Zeit hat die SPD, sich neu zu erfinden?

Antwort: Wir leben in Weltläufen, wo vier Jahre eine lange Zeit sind. Politisch, ökonomisch, kulturell. Die SPD muss in zwei Jahren mit einer neuen Botschaft kommen. Das ist ernsthaft eine Frage auf Gedeih und Untergang.  

Frage: Packt die SPD das?

Antwort: Unterschätzen Sie nicht die Intelligenz der Deutschen. Die übergroße Mehrheit ist mit ihrer persönlichen Situation zufrieden, spürt aber, im großen Ganzen stimmt etwas nicht in diesem Land. Hier steht eine Tür offen. Die SPD muss die Orte von sozialer Intelligenz okkupieren, dann hat sie auch wieder eine 40-Prozent-Chance. Ich bin da ganz zuversichtlich.

ZUR PERSON: Heinz Bude ist einer der bekanntesten deutschen Soziologen und Inhaber des Lehrstuhls für Makrosoziologie an der Universität Kassel. Er ist Autor zahlreicher Bücher, darunter «Bildungspanik. Was unsere Gesellschaft spaltet» und «Das Gefühl der Welt. Über die Macht von Stimmungen».

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6Kommentare
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  • 3
    0
    Täglichleser
    13.10.2017

    Danke Pedaleur und Freigeist für die Antworten auf das Thema einer vereinten Linke. SPD und KPD wollten damals für das allgemeine Volk (Arbeiter) etwas tun. Das war gemeinsame Schnittstelle. Darüber hinaus wollten sie andere Wege gehen. SPD und KPD haben auf jedenfalls das Parlament angenommen. Das die KPD und alle seine Mitglieder mit Mord und Totschlag vorgehen wollten, ist nicht korrekt. Fakt ist sie hätten damals zusammenkommen können. Die gemeinsamen Schnittstellen. Und heute gibt es sie ja immer noch die Gemeinsamkeiten zwischen Linke und SPD. Und nach wie vor hat man Probleme aufeinander zuzugehen. Unverständlich angesichts des Rechtsrucks in der Gesellschaft.

  • 2
    0
    Freigeist14
    12.10.2017

    Pedaleur@,die KPD hat sich mit der Übernahme der Stalin-Theorie über den "Sozialfaschismus" so verrannt,daß die Verständigungen über eine gemeinsame Basis mit der SPD im Kampf gegen die NSDAP weiter beschädigt wurden.Andererseits waren rechte SPDler nicht bereit für einen gemeinsamen Kampf und suchten eher die Nähe zum konservativen Zentrum. Das die KPD das Ermächtigungsgesetz nicht mit ablehnte lag einfach daran,daß nach dem Reichstagsbrand ihren Mitglieder in den Untergrund gezwungen wurden oder bereits verhaftet waren.

  • 0
    2
    Pedaleur
    12.10.2017

    @Taglichleser: Weil die Sozialdemokratie sich zur Demokratie bekennt und ihre Ziele im Gegensatz zu den Kommunisten mit parlamentarischen Mitteln- und nicht mit Mord und Totschlag- erreichen will. An die Ablehnung des Ermächtigungsgesetzes erinnern Sie sich aber?

  • 1
    0
    Nixnuzz
    12.10.2017

    Lebt eigentlich noch jemand aus dem alten Reichstag, der in der SPD etwas auslösen kann? Selbst Vertreter der alten Schule mit Sonderausbildung in Moskau stehen aus biologischen Gründen nicht mehr zur Verfügung... Wie jede Großgruppierung steht diese unter Macht- und Gruppenzwang. Ob es also eine korrigierende Moskaufraktion noch gibt..?? Und eine Zuwendung zu braunen Gedankenträgern dürfte wohl in Gänze nicht erfolgen...

  • 0
    3
    Täglichleser
    10.10.2017

    Es ist Fakt, dass die gespaltene Linke geholfen hat, 1933 die Nazis an die Macht zu bringen. Was sagt Ihr dazu liebe Sozialdemokraten? Heute sind wir schon so weit, dass mit der rechten AfD geschäkert wird.

  • 4
    1
    Freigeist14
    09.10.2017

    Wer nach dem renommierten Soziologe googelt,kommt bald zu der Erkenntnis,daß seine Publikationen die ideologische Rechtfertigungsgrundlage für eine Politik der "Neuen Mitte" ist,die nicht mehr über die ungleiche Verteilung von Reichtum reden will,weil man sich von jedem politischen Ansatz der Umverteilung des gesellschaftlichen Eigentums längst verabschiedet hat .Lieber redet man von "Chanchen -u.Leistungsgerechtigkeit". Das Heinz Bude einer vereinigten Linken kritisch gegenüber steht und vor den "Leibhaftigen" in Gestalt der Ehepaars Lafontaine warnt,erscheint da nur logisch. Neoliberaler Zeitgeist im Gewand der Soziologie sollte sich nicht zum Ratgeber einer schwachen Sozialdemokratie anmaßen.



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