Der Soundtrack zum Töten

Neonazis, die im NSU-Prozess aussagen, nennen für ihre Szene-Zugehörigkeit fast alle ähnliche Gründe: Spaß an der Musik. Klingt harmlos - doch diese Melodien und Texte dienen dazu, Mord und Totschlag zu feiern. Thomas Kuban dokumentiert das seit Jahren.

Beim Vorspielen der rassistischen Lieder drehte sich die Sicht des Richters um 180 Grad. Plötzlich konnte sich im Gerichtssaal keiner der Logik entziehen, die die Bundesanwaltschaft zuvor mit Argumenten beschworen hatte. Nicht nur wegen Volksverhetzung hatte sie die in der Neonazi-Szene als Kult gehandelte Band "Landser" angeklagt, sondern auch wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung. Die Bandmitglieder selbst hatten sich über Jahre als "Terroristen mit E-Gitarre" gefeiert.

Besonders ihr "Afrika-Lied" hatte es Gewalttätern angetan. Die Skinheads, die 1999 in Guben den Asylbewerber Farid Guendoul zu Tode hetzten, hatten sich zuvor im Auto mit dem Lied in Laune gebracht. Es regt an, als "Affen" verunglimpfte Afrikaner in einen leck geschlagenen Kahn zu setzen und zum Ersaufen aufs Meer zu schicken. Die Täter, die im Sommer 2000 in Dessau den Mosambikaner Alberto Adriano tot traten, beschallten sich mit demselben Lied.

Das Gerichtsverfahren gegen "Landser" entwickelte sich 2003 in Berlin zum Wallfahrtsort der Neonazi-Szene. In den Zuschauerreihen sangen kahlköpfige Pilger jede Zeile der vorgespielten Hetzlieder mit, stumm zwar, aber erkennbar textsicher. Erst durch die "sinnliche Wahrnehmung" der Musik und der lautlos mitsingenden Zuschauer sei die aufpeitschende Wirkung deutlich geworden, hielt die Zeitung "taz" die Worte des Richters fest. Ziel der Band sei, "propagandistisch auf die Jugend Deutschlands einzuwirken, um Hass und Emotionen zu verbreiten". Hatte der Senat den Vorwurf der kriminellen Vereinigung zunächst nicht geteilt, revidierte er seine Einschätzung. "Landser" wurde verboten, als erste Musikgruppe, die man je als kriminelle Vereinigung einstufte.

Allerdings unterband man dadurch weder den Ungeist des "Afrika-Liedes" noch Bestrebungen der Landser-Mitglieder, allen voran Sänger Michael Regener, sich nach der Haft erneut zu betätigen. Unter dem Spitznamen "Lunikoff" ist Regener heute Sänger der "Lunikoff-Verschwörung", die bei Rechtsrock-Festivals bundesweit für Zulauf sorgt. Im September wurde sie als Hauptattraktion des Rechtsrock-Konzerts im vogtländischen Zobes gepriesen.

Doch wirkt die Musik nicht nur für alkoholisierte Prügel-Nazis als Gewalt-Katalysator. "Die Musik ist heutzutage eines der wichtigsten Mittel, unsere Ziele und Ideen weiterzugeben ... Denn es ist zweifellos so, dass man über Musik in der Lage ist, den Jugendlichen Denkanstöße zu geben." Dieses Urteil fällte die Vereinigung "Weiße Bruderschaft Erzgebirge" vor Jahren im Interview mit einem Szene-Magazin. Die "Weiße Bruderschaft Erzgebirge" wurde von den Johanngeorgenstädter Zwillingsbrüdern Maik und André E. gegründet. Während sich Maik E. als Szene-Vordenker profiliert hat, agierte sein Bruder André über Jahre im Hintergrund. Er und seine Frau gehörten zu den engsten Vertrauten des Trios Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. André E. mietete für das Trio des "Nationalsozialistischen Untergrundes" (NSU) von April 1999 bis August 2000 in einem Chemnitzer Plattenbaugebiet einen Unterschlupf. Bis zum Auffliegen 2011 gingen André E. und seine Frau in den NSU-Domizilen in Zwickau ein und aus. Zusammen mit Beate Zschäpe ist André E. derzeit Angeklagter im NSU-Prozess am Oberlandesgericht München.

In den ersten Prozesswochen war E.s Zwillingsbruder Maik stets Gast auf der Zuschauer-Empore, wo er Qualitäten als Netzwerker bewies. Mehrfach brachte er verurteilte Bomben-Bauer aus unterschiedlichen Teilen der Republik mit. Aus der bayerischen Kameradschaftsszene gehörte Karl-Heinz St. zu seinem Gefolge, einst Mitglied der "Wiese-Gruppe", die 2003 einen Anschlag mit aus Tellerminen gewonnenem Sprengstoff geplant hatte. Ihre Bombe sollte zur Grundsteinlegung eines Jüdischen Zentrums explodieren, doch flog das Attentat zuvor auf. Anführer Martin Wiese wurde zu sieben Jahren Haft, Karl-Heinz St. zu vier Jahren und drei Monaten verurteilt. Auch aus der Szene im Aachener Land nahe Köln, wo zwei mutmaßlich vom NSU verübte Sprengstoffanschläge stattfanden, hatte Maik E. auf der Prozess-Zuschauer-Empore einen Sprengsatzbastler im Schlepptau. "In der Synagoge hängt ein schwarzes Schwein. In die Parlamente schmeißt die Handgranaten rein" - ob sich die Straftäter auf den Zuschauerrängen von solchen Zeilen der Rechtsrock-Band "Tonstörung" inspiriert fühlten, ist nicht verbrieft.

Auf alle Fälle konterkarierte die Vita solcher Zaungäste beim NSU-Prozess das Auftreten von Neonazis, die unten im Saal als Zeugen aussagen mussten. Diese beriefen sich fast unisono auf den Spaß-Faktor. Nur der Musik und der Feten wegen seien sie in der Chemnitzer Szene gewesen. In jener Szene, die dem Terror-Trio beim Abtauchen half.

Zeugin Antje B. aus Chemnitz gehörte dazu. Sie stellte alles harmlos dar. In der rassistischen Band "AEG", kurz für "Auf eigene Gefahr", hatte sie selbst gespielt - zusammen mit ihrem damaligen Mann, Szene-Versand-Händler Michael P. Im Prozess zu dieser Band befragt zählte sie noch einen Riesaer Kameraden, den heutigen Chemnitzer Bauunternehmer Lars F. und "einen "Wilko" auf. Dann sei noch jener Andreas G. dazugestoßen, der später nach Baden-Württemberg zog und in der Band "Noie Werte" in eine andere Liga aufstieg. Hatte die Formation "AEG" nur lokal begrenzte Bedeutung, so genossen "Noie Werte" ähnlich wie "Landser" bundesweit Kultstatus.

Von der Musik dieser Band ließ sich der NSU inspirieren. Dass der "Nationalsozialistische Untergrund" eine frühe Version des Bekennervideos zur Migranten-Mordserie mit den "Noie Werte"-Titeln "Kraft für Deutschland" und am "Puls der Zeit" unterlegte, nannte das aus Chemnitz stammende "Noie Werte"-Mitglied Andreas G. eine "Unverschämtheit". Wie es dazu gekommen sei, könne er nicht erklären, versicherte er dem BKA. Er bestritt jeden Kontakt zum Trio. Andere Zeugen dagegen machten klar, wie nah die Band Uwe Mundlos vor dessen Abtauchen gekommen war.

"Noie Werte" seien auf dem Geburtstags-Konzert des sächsischen Szene-Kopfes Jan W. in der Chemnitzer Gaststätte "Wohlfahrt" aufgetreten, sagte der Zeuge Thomas S. der Polizei. Besagter Jan W. steht im Verdacht, dem abgetauchten NSU eine der ersten Schusswaffen besorgt zu haben. An das Geburtstagskonzert erinnerte sich Thomas S. deshalb so genau, weil er Mundlos bei diesem mit einem Sprengstoff-Beschaffer aus der Szene bekannt gemacht haben will. Während Mundlos nach dem Abtauchen in Chemnitz in einem von Jan W. aufgelegten Szene-Magazin Artikel verfasste und einen baseballkeulenschwingenden Bart Simpson fürs Heft entwarf, ließ Jan W. seine Kontakte spielen und produzierte mit der erwähnten Band "Landser" deren letztes Album vor dem Bandverbot. Die Produktion der CD "Ran an den Feind" brachte mehrere Beteiligte vor Gericht. Dank dem Zeugen Thomas S. leuchteten Ermittler das Vertriebsnetz aus. Zwar zog der Zeuge viele Aussagen im "Landser"-Verfahren zurück, nachdem er von der zuvor erwähnten Antje B. und einem der Band-Mitglieder aufgesucht und bedroht worden war. Doch reichte die Beweislage aus, Jan W. zu verurteilen.

Im NSU-Verfahren ist der wankelmütige Zeuge vom "Landser"-Fall selbst Beschuldigter, weshalb er sich im Gericht aufs Schweigerecht berief. In Polizeivernehmungen indes hatte er ausgepackt und eine Menge Spuren geliefert - zum Unmut der Szene. Dort besann man sich auf eine im Umgang mit namentlich bekannten Gegnern oft genutzte Drohung. Während man in Liedtexten "Messer in Judenleiber flutschen" (Tonstörung) lässt, Schwule "ausradieren" (Before God) und Punks verschwinden lassen will (Stahlgewitter), hält man für Einzelpersonen konkrete Hinrichtungsformen bereit - meist Aufhängen. Solches drohte die Formation "Zillertaler Türkenjäger" auf einem Platten-Cover den Nazi-Gegnern Campino, Sänger der Toten Hosen, sowie Farin Urlaub, Lead-Sänger der Ärzte, an. Auch TV-Moderator Mola Adebisi landete wegen seiner Hautfarbe am Galgen. 2009 bedruckte die Band "Deutsch Stolz Treue" ihre Fan-Shirts mit der Drohung "Eure Galgen werden schon gezimmert".

Ähnliche Behandlung sieht ein Ex-Mitglied der Band "AEG" auch für den Zeugen und zudem als V-Mann enttarnten Thomas S. vor. In einem Facebook-Chat deutet der Mann zu Thomas S. an: "Es gibt genug Bäume in Deutschland."


Interview: "Spaß an melodiös verpackten Mordfantasien"

Buch-Autor Thomas Kuban, der sich mit versteckter Kamera über ein Jahrzehnt unter Neonazis mischte, über die Wirkung von rechter Szene-Musik

Der Film "Blut muss fließen" (Textzeile der Band "Tonstörung") ist hochgelobt und erschien jüngst als Buch. Der Mann mit dem Pseudonym Thomas Kuban, der dafür Neonazi-Konzerte dokumentierte, lebt unter ständiger Bedrohung. Die "Freie Presse" hat mit ihm gesprochen.

"Freie Presse": Was denken Sie, wenn Neonazis behaupten, sie gehörten nur aus Spaß an der Musik zur Szene?

Thomas Kuban: Diese Behauptung klingt im ersten Moment absurd. Schon wenn man das verharmlosend eingesetzte Wörtchen "nur" streicht, sieht es aber anders aus. Denn im Dunstkreis der Nazi-Musik können Ausländerfeinde ihren Hass ausleben und gleichzeitig eine Art Kameradschaftsgefühl erleben. Wenn sie bei Konzerten gemeinsam abhitlern, spielen sich gruppendynamische Prozesse ab, mit denen ein Gefühl der Stärke verbunden ist. Demonstrationen sind im Vergleich dazu langweilig. Daher motzen NPD und Co. Kundgebungen gern mit Bands auf. Organisierte Nazis nutzen Musik gezielt als Mittel, um Jugendliche anzulocken - Rechtsrock ist vertonter Hass. Im konspirativen Bereich werden Morddrohungen gegrölt: "In Majdanek, in Majdanek, da machen wir aus Juden Speck." Oder: "Wetzt die langen Messer auf dem Bürgersteig, lasst die Messer flutschen in den Judenleib." Wer Spaß an dieser Musik hat, hat folglich Spaß an melodiös verpackten Mordfantasien, die sich gegen Juden, Ausländer und Demokraten richten. Diesen "Spaß" kann man in der Tat nur in der Nazi-Szene haben.

Gibt es Anhaltspunkte, dass, wer mitgrölt, schneller zuschlägt? Wenn man die Texte hört, könnte man das vermuten.

Um das belastbar einschätzen zu können, müsste man Lebensläufe von Nazi-Gewalttätern analysieren. Das habe ich nicht getan. Klar ist allerdings, dass Musik starke Emotionen wecken kann. Man denke im unpolitischen Bereich an "Beatles"-Fans, die einst vor Verzückung reihenweise in Trance fielen. Nazi-Musik transportiert hingegen keine "Love and Peace"-Stimmung, sondern Fremdenhass. Bei internationalen Konzerten habe ich wiederholt erlebt, dass deutsche oder österreichische Nazis auf osteuropäische Rechtsextremisten losgingen, sich angestaute Aggressionen also unmittelbar entluden.

Das Lied "Döner-Killer" verhöhnt die Opfer der NSU-Mordserie, mit dem Titel feierte die Szene die Täter, wundert Sie das?

Wundert mich nicht. Das Gedankengut von Nazis ist extrem menschenverachtend. Gerade "Gigi & die Braunen Stadtmusikanten" haben schon vor ihrem Song "Döner-Killer" ein Gewaltopfer verhöhnt. Sie veröffentlichten nach dem Messer-Attentat auf den Passauer Polizei-Chef Alois Mannichl den Titel "Lebt denn der alte Mannichl noch".

Sie sind Anfeindungen und Bedrohungen ausgesetzt. Warum ist Enttarnung für die Szene so schlimm?

Ich war mit versteckten Kameras in der konspirativ organisierten Nazi-Szene unterwegs. Also im Bereich, den die braune Bande besonders abschottet, weil sie hier massenhaft Straftaten begeht. Die Öffentlichkeit bekommt davon nichts mit, weil Polizei und Verfassungsschutz meist nichts unternehmen. Darauf habe ich aufmerksam gemacht. Plötzlich war zu sehen, wie Skinheads, NS-Black-Metaller und andere ungeniert "Sieg Heil" schrien, volksverhetzende Lieder anstimmten und die Arme zum verbotenen Hitlergruß hoben. In der Folge wurden einige vor Gericht gestellt und verurteilt. Manche fürchteten um ihren Arbeitsplatz, wenn sie im Fernsehen zu erkennen waren. Entsprechend groß waren ihre Rachegelüste.

Hat sich die Berichterstattung über Rechtsextremismus seit Auffliegen des NSU verändert, was muss besser werden?

Es hat seit dem Auffliegen der Terrorgruppe NSU eine Reihe exzellenter Recherchen und Berichte gegeben. Eine grundlegende Veränderung in der Medienbranche kann ich aber leider nicht feststellen. Das fängt bei der NSU-Berichterstattung selbst an. Zwischen all der berechtigten Kritik an Verfassungsschutzämtern und Polizei vermisse ich bis heute Selbstkritik vieler Verlage und Sender. Sie hätten einst in Recherchen bezüglich der unaufgeklärten Mordserie investieren müssen. Nicht einmal jetzt versuchen sie mit aller medialen Macht, die unzähligen offenen Fragen zu klären, die es immer noch rund um den NSU gibt. Ganz zu schweigen von der Nazi- Bewegung insgesamt: Es fehlen immer noch Geldgeber, die kontinuierliche tief gehende Recherche flächendeckend sicherstellen. Die zeitintensive, kostspielige und gefährliche Arbeit wird nach wie vor schwerpunktmäßig von unterfinanzierten Freiberuflern gemacht. Und das, obwohl die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland buchstäblich zu einem Flächenbrand zu werden droht.

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