Deutschlernen nach Gehör: Wenn der "Gönig Gümmelgörner gaut"

Sachsen stehen mit Hochdeutsch auf Kriegsfuß. Aber wie die Sprache lernen, wenn es nur aufs Gesprochene ankommt?

Dresden. "In der Schule lernen die Kinder schreiben, aber sie lernen es nicht gut genug." Dieser Satz fiel kürzlich in Dresden. Gesagt hat ihn nicht irgendwer, sondern ein Pädagoge. Einer, der 1987 im vogtländischen Netzschkau sein Abitur ablegte, Deutsch-Lehrer wurde und heute in der deutschen Bildungspolitik mitmischt. Udo Michallik ist Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, in der alle Bundesländer in Bildungsfragen zusammenarbeiten.

Michallik ist bei weitem nicht der erste und einzige, der auf Schwächen bei der Deutsch-Vermittlung und in der Rechtschreibung hinweist. Und nicht nur in Sachsen. Doch auch hier ist der Deutsch-Unterricht an den Grundschulen im Fadenkreuz der Kritiker.

Dass Deutsch gelehrt wird, steht im Lehrplan, aber nicht wie. Jede Schule darf selbst entscheiden, welchem von zahlreichen Systemen sie den Vorzug gibt. Es gibt sie in Reinkultur und als Mix verschiedener Methoden. Bildungswissenschaftler in Leipzig sprechen bereits von einem "Dickicht". Selbst Sachsens Kultusministerium vermag es nicht zu lichten. Nirgends werde erfasst, wer wie Deutsch lehrt.

So lernen viele kleine Sachsen nach der Methode "Lesen durch Schreiben". Die Kinder erhalten in der ersten Klasse eine Anlauttabelle. Dort ist beispielsweise der Buchstabe "A" mit dem Bild eines Apfels illustriert. Will das Kind "Affe" schreiben, vergleicht es den Apfel-Anlaut mit dem Beginn des neuen Wortes. Das setzt sich mit den anderen Lauten fort, bis dann in Druckschrift dasteht: "AFE". Das Doppel-F hört man nicht, und ist bei diesem System zur freien Sprachentfaltung zunächst nicht wichtig. Diese Art zu schreiben kann sich über mehr als ein Schuljahr hinziehen. Die auch Schweizer Modell genannte Methode lässt bewusst falsch schreiben, etwa: hir gibs file Fögel. Das irritiert Eltern und treibt Wissenschaftler auf die "Balme".

"Zeitverschwendung" sei es, so Agi Schründer, Potsdamer Professorin für Grundschulpädagogik. Wie Josef Kraus, Chef des Deutschen Lehrerverbands, hält sie es für falsch, dass Grundschüler das gerade erst Gelernte wenig später neu und dann richtig lernen müssten. Der Dresdner Michael Bär, Vater eines Fünfjährigen kurz vor der Einschulung, lehnt es ebenfalls ab. "Wo soll das hinführen?", fragt er. Doch die künftige Schule für seinen Sohn bietet kein anderes System an. Für Dialektsprecher, Migrantenkinder und Kinder aus sogenannten bildungsfernen Schichten ist das Schweizer Modell zudem eine hohe Hürde. Gümmelgörner gauen - aber wie?

Andere Schulen in Sachsen arbeiten noch nach der sogenannten Fibel-Methode. Das ist das vor allem Älteren bekannte Schreiblernsystem. Hier werden von Anfang an die Worte richtig geschrieben. Manche sagen, es werde nach altväterlicher Art gepaukt. Vergleichsstudien zeigen allerdings, dass die "Pauker" den "Freischreibern" am Ende überlegen sind. Diese Erkenntnis setzt sich derzeit langsam durch. Doch noch ein Weg bietet sich an. Das überwiegend "ABC der Tiere" genannte System setzt auf die Wortsilben. Wörter werden in diesen Klanggruppen erfasst und aufgeschrieben. Auch das System hat Vor- und Nachteile, gilt auch nicht als perfekt. Wie keins der Systeme für sich genommen.

Nun hat Sachsens Kultusministerium die Notbremse gezogen. In einem Schulleiterbrief zur "Qualitätssicherung im Fach Deutsch Grundschule" pocht es auf Standards.

"Rechtschreibung von Anfang an", wird dort gefordert. "Unabhängig von der Methode des Schriftspracherwerbs ist eine Vernachlässigung der Rechtschreibung nicht zulässig."
Über zwei Jahrzehnte hat Sachsen die wöchentlichen Deutschstunden an Grundschulen von zehn auf sechs gekürzt, sagen Praktiker. Nun fordert auch der wichtige Rat für deutsche Rechtschreibung: Gut Deutsch will Weile haben. Es brauche mehr Lern- und Übungszeit, Rechtschreibung müsse ein permanenter Lernprozess bleiben. "Und wieder den Stellenwert in der Gesellschaft bekommen, der ihr gebührt", so das Ratsmitglied Ludwig Eckinger.

Sachsens Lehrerverbandschef Jens Weichelt will mehr Konstanz und altersgerechtes Lernen. "Keine reformpädagogischen Umwege", sagt er. Bei ihm kommen oft Elternbeschwerden an. Seiner Erfahrung nach ziehen sich einmal erworbene sprachliche Unsicherheiten durch alle Schuljahre. Aus der Praxis weiß Hans-Joachim Wunderlich, Hauptgeschäftsführer der IHK Chemnitz, wie sich das in Sachsen auswirkt. "42 Prozent unserer Ausbildungsbewerber hat ein geringes mündliches und schriftliches Ausdrucksvermögen", sagt er. Jeder Zweite könne nicht richtig rechnen. "Wir kommen in eine schwierige Lage."

 

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
8Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 0
    0
    MBeesk
    28.04.2016

    Immer wieder wird gerne an der Methodik "Lesen durch Schreiben" (LdS) und dem "Spracherfahrungsansatz" mit "freiem Schreiben" kein gutes Haar zu lassen, weil sie bewusst nicht-normkonforme Schreibungen zulassen - die Rechtschreibung werde so vernachlässigt, Falsches präge sich ein.
    Dem wird dann das Lernen mit Fibeln gegenübergestellt. Dort werde von Anfang an richtig schreiben gelehrt.
    Aber warum fragt eigentlich niemand einmal nach den Inhalten der so hochgepriesenen Fibeln? Denn auch in den meisten Fibeln, die derzeit so auf dem Markt sind, wird gerade nicht von Anfang an Rechtschreibung gelehrt! Natürlich werden keine falsch geschriebenen Wörter benutzt - aber gerade am Anfang werden solche Wörter eingeführt, die eher untypisch für die deutsche Orthografie sind oder sogar Ausnahmeschreibungen darstellen. Wer Wörter wie "Limo", "Mama" gelehrt bekommt, wird auf einen orthografischen Holzweg geführt: dem kurzen Vokal folgt hier ausnahmsweise kein doppelt dargestellter Konsonant, sondern nur ein einfach dargestellter. Dass die Schreibung mit doppelt dargestelltem Konsonanten in solch einem Fall aber eigentlich die Regel wäre, muss dann auch im Fibellehrgang später erst mühsam wieder eingeübt werden! Auch nach solch einer Fibelmethode, die bestimmte, angeblich "lautgetreue" Wörter im Anfangsunterricht als Regelfall einführt, sind also Fehlschlüsse über die Rechtschreibung programmiert und somit Fehlschreibungen wie "Muta" (für Mutter) gerade bei selbst geschriebenen Texten nicht ausgeschlossen! Auch die gängige Fibel-Methodik lehrt also nicht von Anfang an, was richtige Rechtschreibung ausmacht!
    In der Fachdidaktik gibt es übrigens schon neue Ansätze, die solche Fibelmethodik UND LdS hinter sich lassen und neue Wege beschreiten, Stichwort "silbenanalytischer Ansatz" (Röber, Bredel u.a.). Der systematisch regelhafte Aufbau deutscher Wörter wird hier zum ersten Mal von Anfang an in den Mittelpunkt gestellt. Zugang dazu erfolgt über den Sprachrhythmus und den Silbenaufbau. Grundlegend am Anfang sind allein Wörter mit betontem Langvokal, einfachem Konsonanten und unbetonter Reduktionssilbe ("gemurmeltes e"), wie "Rose", "raten", "Blüte". Alles Weitere wird darauf aufgebaut.
    Dieser Ansatz ist allerdings nicht mit dem erwähnten "ABC der Tiere" gleichzusetzen. Denn leider macht dieser silbenorientierte Fibellehrgang dieselben Fehler wie andere Fibellehrgänge: Auch hier werden nicht die regelmäßigen Silbenstrukturen deutscher Wörter von Anfang an eingeübt, sondern die am Anfang gelernten Silben ("ma", "li", "mo") werden entgegen der Silbenkombinationsregeln im Deutschen zu falsch zu lesenden Wörtern wie die oben genannten Ausnahmeschreibungen "Limo" und "Mama" zusammengesetzt und den Kindern fälschlich als grundlegend präsentiert!

  • 0
    3
    aussaugerges
    12.04.2016

    Und der Unterrichtstag in der Produktion war ein ganz wichtiger Faktor.

    Das geht aus Profiterwirtschaftung heute schon gar nicht mehr.

    Wir hatten jetzt erst Bilder von Bohrmaschienen mit den Kollegen angesehen. ( zum Klassentreffen)

    Da müste ja heutzutage überall ein Anwalt sein wegen den $$.

  • 2
    1
    vomdorf
    12.04.2016

    Es durfte doch nichts bleiben, was nach DDR aussah. Unzählige neue Lehrmethoden mussten mehr oder weniger erprobt werden um ganz schnell festzustellen, dass das alles, oder wenigstens fast alles, Mist war.
    Man kann allerdings auch den Eindruck gewinnen, dass man das Volk dumm halten will. Wer nicht richtig lesen kann, tut es nicht und wenn, versteht er vieles nicht. Ein Schelm, der Arges dabei denkt.

  • 2
    4
    Pixelghost
    12.04.2016

    Ich lebe als "Hochdeutschler" seit 1982 in der Stadt mit drei O, jetzt Chemnitz. Wörter mit G und K, P und B, D und T lasse ich ihr schon mal buchstabieren.

    Ne Dasse Gaffe...

  • 3
    0
    saxon1965
    12.04.2016

    Und wieder zeigt sich, was Föderalismus in der Bildungspolitik bewirkt. Wie kann ein Staat die Bildung seines Nachwuchses, das Erlernen der eigenen Muttersprache so vernachlässigen?! Für alle Kinder "unter der Norm" sollte es Förderunterricht geben und nicht ein Angleichen des Lehrniveaus nach unten für alle Schüler.

  • 7
    1
    DerWundePunkt
    12.04.2016

    Mensch Stonep, 70er Jahre da war hier doch noch DDR! So etwas Abartiges wie didaktisch sehr gut aufgebaute Lehrbücher (und vor allem überall die Gleichen), gleicher Lehrplan in allen Bezirken (respektive Bundesländern), gut ausgebildete Lehrer, die ihr Wissen nicht nur aus dem Internet beziehen und es auch ohne Internet vermitteln können, das geht doch gar nicht.

  • 3
    1
    Mabel
    12.04.2016

    Lieber Gott ich danke Dir, dass Du dem Minister nicht nur Amt, sondern auch Verstand gegeben hast. Nun gib ihm auch die Kraft, sich gegen innovationswütige Lehrer durchzusetzen.

  • 7
    0
    Stonep
    12.04.2016

    Was spricht eigentlich dagegen, so zu unterrichten wie in den 70 Jahren in Sachsen. Das die Ergebnisse dieser Wissensvermittlung nicht so schlecht sein können, beweist doch Herr Michallik.
    Veränderungen sind schon erforderlich, da aber Fehler in der Ausbildung kaum oder nur schwer wieder zu korrigieren sind, sollte man mit einem gewissen Fingerspitzengefühl hier vorgehen und nicht ständige Änderungen herbeiführen.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...