Vitamin D-Pillen für alle?

Der Januar war einer der sonnenärmsten der letzten Jahre - Doch Sonne liefert wichtiges Vitamin D - Ob Tabletten nötig sind, ist umstritten

In den Wintermonaten fühlen sich viele Menschen schlapp, sind infektanfällig und schlecht drauf. Das kann an zu wenig Sonnenlicht liegen, der wichtigsten Quelle für Vitamin D. Ein Spaziergang im Freien hilft. Doch wer in geschlossenen Räumen arbeitet oder aufgrund von Bewegungseinschränkungen nicht ins Freie kommt, gerät schnell in eine Unterversorgung. Ob man dann zu Nahrungsergänzungen greifen soll oder nicht, wird kontrovers diskutiert.

Wie ist Deutschland mit Vitamin D versorgt?

Nicht so gut: Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat in zwei großen Gesundheitsstudien (DEGS1 und KiGGS) festgestellt, dass mehr als die Hälfte der Menschen mit Vitamin D unterversorgt ist. Vier Prozent der Kinder und zwei Prozent der Erwachsenen litten sogar unter einem schweren Mangel. Schwer heißt, dass bei ihnen bereits Krankheitszeichen wie Knochenerweichung und Skelettverformung festgestellt wurden. Fast jeder Sechste hatte einen leichten Mangel. Bei dieser Gruppe war der Knochenstoffwechsel bereits gestört. Zwischen 41 und 44 Prozent waren unterversorgt. Ihre Vitamin-D-Werte waren zu niedrig, sie zeigten aber keine Krankheitszeichen.

Wie wird der Vitamin-D-Spiegel gemessen?

Durch eine Blutuntersuchung. Gemessen wird dabei die Konzentration von "25-Hydroxyvitamin D", einem hormonähnlichen Stoff, der aus Vitamin D2 und D3 in Leber und Nieren gebildet wird. Beide entstehen durch Sonnenlicht, Vitamin D3 zusätzlich durch tierische Lebensmittel und Vitamin D2 durch pflanzliche Kost, so das RKI.

Wann ist ein Untersuchungsbefund nicht in Ordnung?

Wenn die 25-Hydroxyvitamin-D-Konzentration unter 50 Nanomol pro Liter (nmol/l) Blutserum liegt. Andere Studien sprechen bereits bei unter 75 nmol/l von Unterversorgung. Ein schwerer Mangel besteht bei unter 12,5 nmol/l.

Bezahlt die Krankenkasse die Blutuntersuchung?

"Wenn ein Arzt bei einem Patienten einen Vitamin-D-Mangel vermutet, wird er eine Laboruntersuchung veranlassen und auf der Basis der Ergebnisse entscheiden, ob eine zusätzliche Vitamin D-Gabe erforderlich ist", sagt Hannelore Strobel, Sprecherin der AOK Plus. In diesem Fall sei die Untersuchung Kassenleistung. Möchte der Patient aber auf eigenen Wunsch sein Blut untersuchen lassen, muss er das selbst bezahlen. Das kostet laut Kassenärztlicher Vereinigung Sachsen knapp 20Euro.

Wie gefährlich ist eine Vitamin D-Unterversorgung?

Bei einem schweren Mangel kommt es dem RKI zufolge zur Entkalkung und Verformung der Knochen sowie zu einer Muskelschwäche, was besonders bei älteren Menschen Stürze und Knochenbrüche begünstigen kann. Doch bereits bei leichtem Mangel sei ein Risiko für Knochenbrüche durch Osteoporose wissenschaftlich gut belegt. Dr. Stefan Karger und Professor Andreas Roth von der Uniklinik Leipzig haben Ende 2017 im Ärzteblatt Sachsen eine Arbeit veröffentlicht, in der sie auch eine Infekthäufung und ein höheres Risiko für die echte Grippe einer Vitamin D-Unterversorgung zuordnen, da das Vitamin die Abwehrkräfte stärke. Den beiden Ärzten zufolge erhöhe ein Mangel auch das Risiko für Infektionen bei diabetischem Fuß. Für Herz- und Gefäßerkrankungen oder Krebs fanden sie im Gegensatz zum RKI keinen Nachweis. Horst Boss, wissenschaftlicher Beirat des Deutschen Naturheilbundes, sagt hingegen, dass alle Zivilisationskrankheiten mit einem Vitamin D-Mangel verknüpft sind .

Welche Nahrungsmittel enthalten viel Vitamin D?

Der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) und den Uniklinikärzten zufolge ist die Möglichkeit, Vitamin D über die Nahrung zuzuführen, im Alltag schwer umzusetzen. Um den empfohlenen Mindestbedarf von 20 Mikrogramm oder 800 Internationalen Einheiten zu decken, müsste man 400 Gramm fetten Seefisch oder acht Gramm Lebertran oder ein Kilogramm Leber essen - jeden Tag! Das über die Haut aufgenommene Vitamin D sei effektiver und bliebe mindestens doppelt so lange im Blut nachweisbar wie das aus der Nahrung oder aus Nahrungsergänzungen, so die Ärzte.

Wie lange muss ich in die Sonne, um genug Vitamin D zu bilden?

Das ist von der Jahreszeit abhängig. Im Winter ist die Sonnenstrahlung nicht stark genug, um ausreichend Vitamin D bilden zu können, informiert die DGE. In unseren Breiten gelingt das meist nur zwischen März und Oktober. In dieser Zeit reichen täglich zwischen zehn und 20 Minuten Aufenthalt in der Sonne, wobei Gesicht, Hände und Teile von Armen und Beinen unbedeckt sein sollte. Auch Dr. Karger und Professor Roth von der Uniklinik Leipzig haben ermittelt, dass bereits ein kurzer Aufenthalt in der Sommersonne, lediglich mit Badebekleidung, bis zu 20.000 Internationale Einheiten, also 500 Mikrogramm Vitamin D liefert. Das ist das 25-fache des täglichen Bedarfs. Das so erzeugte Vitamin D kann der Körper auch für einige Wochen speichern. Horst Boss vom Naturheilbund rät im Sommer etwa dreimal pro Woche zu einem kurzen Sonnenbad von 15 bis 20 Minuten. Erst danach sollte Sonnenschutz aufgetragen werden. Denn eine Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 20 genügt, um 95 Prozent der UV-Strahlung zu blocken. Das RKI rät, etwa 15 Minuten mit ungeschützten Armen und Gesicht bei sonst bekleideter Haut in die Sonne zu gehen. Längere Sonnenbäder seien hautschädlich und unnötig.

Sollte man Vitamin D als Nahrungsergänzung einnehmen?

Hier sind sich die Experten uneins: Das RKI und die Leipziger Uniklinikärzte sehen keinen Grund zur Nahrungsergänzung für Jedermann. Lediglich Risikogruppen, das sind vorwiegend ältere Menschen über 65, die in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind, oder Osteoporosekranke und Patienten mit einem nachgewiesenen Mangel sollten aus ihrer Sicht Vitamin D künstlich zuführen. Die DGE sieht das anders: "Die Ernährung mit üblichen Lebensmitteln reicht nicht aus, um die gewünschte Versorgung bei fehlender Sonneneinstrahlung sicherzustellen", sagt Sprecherin Antje Gahl. Der Referenzwert bei fehlender körpereigener Bildung betrage 20 Mikrogramm oder 800 Internationale Einheiten pro Tag. Dieser Wert sei von der DGE aus Studien abgeleitet worden und gelte für alle Altersgruppen ab dem ersten Lebensjahr. Auch der Deutsche Naturheilbund empfiehlt jedem eine Nahrungsergänzung. Aus ihrer Sicht sind die Werte für den Mindestbedarf viel zu niedrig angesetzt. Ab dem Schulalter sollten täglich 1000 Internationale Einheiten zugeführt werden, also 25 Mikrogramm. Für Schwangere empfehlen sie sogar 4000 Internationale Einheiten, was 100 Mikrogramm entspricht.

Welche Vitamin D-Präparate sind geeignet?

Ingrid Dänschel, Vizechefin der Hausärzte in Sachsen, empfiehlt standardisierte Präparate aus der Apotheke. Es gibt sie in unterschiedlichen Dosierungen, zum Beispiel mit 20.000 Internationalen Einheiten für eine Anwendung einmal im Monat oder mit 1000 für den täglichen Gebrauch. Die Präparate gibt es als Arzneimittel mit geprüftem Wirkstoffgehalt und als Nahrungsergänzungen. Nahrungsergänzungen müssen nicht zugelassen, sondern lediglich registriert werden. Ihre Zusammensetzung wird daher nicht geprüft, so die DGE.

Zahlt die Kasse Vitamin D-Präparate?

"Verschreibungspflichtige Arzneimittel sind im Rahmen ihrer zugelassenen Anwendungsgebiete zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnungsfähig", sagt AOK Plus-Sprecherin Hannelore Strobel. Nichtverschreibungspflichtige Mittel würden nur zur Behandlung von Osteoporose oder bei länger dauernder Cortisonbehandlung von der Kasse übernommen. Nahrungsergänzungen seien "Lebensmittel" und kein Fall für die Kasse.

Was passiert, wenn ich Vitamin D überdosiere?

Laut RKI ist eine Überdosierung durch Sonnenlicht nicht möglich. Über Nahrungsergänzungen aber schon. Dann entstehen im Körper zu hohe Kalziumspiegel, die zu Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit oder gar zu Herzrhythmusstörungen führen können. Die Verbraucherzentrale informiert in ihrem Portal "Klartext Nahrungsergänzungen" über eine Warnung der Arzneimittelkommission, wonach im November 2017 eine 78-jährige Patientin und ein 60-jähriger Patient nach täglicher Einnahme von bis zu 50.000 Internationalen Einheiten, also 1250 Mikrogramm Vitamin D mit akutem Nierenversagen stationär behandelt werden mussten. (sw)

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