Handbikerin will nun durchstarten

Andrea Mörbe aus Chemnitz ist wegen einer seltenen Erkrankung an den Rollstuhl gebunden. Über den Sport fand sie ein neues Lebensgefühl.

Chemnitz.

Ihr Glück scheint sie immer noch nicht so richtig zu fassen. Erst wenige Stunden zuvor wurde ihr neues Handbike geliefert. Bei der Übergabe vergoss Andrea Mörbe Tränen. Bevor sie nun eine erste Strecke nahe ihres Wohnhauses absolviert, streicht sie noch einmal liebevoll über den Rahmen. Dann nimmt sie mit geübten Handgriffen Platz. Der Helm, den sie sich in derselben Farbe "Lemon" kaufte, sitzt. "Ich gebe dem Bike den Namen George. So hieß mein Opa, den ich sehr verehre. Jetzt ist es gleich noch getauft", meint die Chemnitzerin mit Blick auf die paar Regentropfen, die gerade fallen. Doch von ihnen lässt sie sich keineswegs stören. "Es ist einfach super, ein anderes Fahrgefühl. Ich bin viel schneller unterwegs", gerät die 43-Jährige auch voller Dankbarkeit an ihren Sponsor Dirk Siegel von der Oberlichtenauer Baugesellschaft nach der ersten kleinen Tour ins Schwärmen.

Seitdem trainiert Andrea Mörbe, wenn es das Wetter zulässt, täglich - und visiert ehrgeizige Vorhaben an. Auf ihrem bisherigen "Gefährt" bestritt sie seit 2010 zwar jährlich bis zu fünf Läufe, die sie meist sehr erfolgreich beendete. So stehen bereits Siege und Spitzenplatzierungen in ihrer Klasse bei Halbmarathons beziehungsweise Marathons in Berlin und Hamburg sowie beim Dresdner Citylauf zu Buche. Doch nun, wenn größere Geschwindigkeiten möglich sind, möchte sie zunächst Normzeiten für die Deutsche Meisterschaft erreichen. Und vielleicht kann sie sich irgendwann sogar den ganz großen Traum von einer Paralympics-Teilnahme erfüllen.

"Man muss aber erst einmal sehen, wie ihr Körper die Belastungen verkraftet", sagt Physiotherapeut Gerd Krähmer und warnt ein wenig vor zu viel Euphorie. Gleichzeitig möchte er sie aber nicht entmutigen, wieder etwas Neues in Angriff zu nehmen. Er betreut Andrea Mörbe, die an der unheilbaren Glasknochenkrankheit leidet, im Admedia-Zentrum (EAP) Chemnitz seit vielen Jahren. Neben den Eltern gehört er zu den wichtigsten Vertrauenspersonen. Er zeigt sich sehr angetan, wie seine Patientin engagiert und selbstständig ihr Leben organisiert. "Der Sport hilft ihr dabei in vielen Sachen, wirkt sich positiv auf ihre Krankheit aus, stärkt die Muskeln. Und auch für den Herz-Kreislauf ist es für Andrea, die ja überwiegend im Rollstuhl sitzen muss, eine Supersache. Und sie kommt raus, lernt viele Leute kennen", meint der 49-Jährige, der deshalb ihre Ambitionen von jeher unterstützt.

Von Gerd Krähmer kam auch die Idee mit dem Handbike. Andrea Mörbe - von Kindesbeinen an trotz ihres Handicaps immer aktiv - fand während der Schulzeit Ausgleich bei Touren im Rennrollstuhl. Wieder zurück in ihrer Heimatstadt, gehörte Basketball zu ihren Leidenschaften. Bei Trainer Andreas Kretzschmar durfte sie während der Einheiten der Chem-Cats nicht nur zuschauen, sondern an der einen oder anderen Übung teilnehmen, war mittendrin im Team und saß oft bei Auswärtsfahrten mit im Bus. Als dann die Niners begannen, eine Mannschaft für Rollstuhlbasketball aufzubauen, gehörte sie zu den ersten Protagonisten - leider nicht lange. "Da gibt es im Spiel kein Pardon, es geht hart zu. Das war alles nicht optimal für meine Krankheit, die Ärzte rieten mir davon ab", meint Andrea Mörbe. Sie suchte weiter - und als sich diese Perspektive mit dem Handbike ergab, war sie Feuer und Flamme. Das erste Liegerad besorgte sie sich über das Internet, sie kam schnell gut zurecht, zeigte sich begeistert: "Ich wusste gleich, das kann was werden, und hatte mir in den Kopf gesetzt: Ich schaffe das." Beim USC Magdeburg fand sie einen Verein von Gleichgesinnten, nimmt inzwischen an deren Trainingslehrgängen teil. Über den Radverein Osterweddingen buchte sie ihre Lizenz für Rennen. 2010 absolvierte sie beim Chemnitzer Citylauf ihren ersten Wettkampf über fünf Kilometer.

Gerd Krähmer ist seither auch der wichtigste Begleiter ihrer Leidenschaft. Mit ihm spricht sie Trainingspläne ab, fragt um Rat bei Problemen. "Ihr Herangehen, ihr Ehrgeiz verdienen alle Anerkennung. Sicher gibt es auch Rückschläge oder Tiefpunkte, in Gesprächen lässt sie sich aber schnell wieder aufbauen", berichtet der Physiotherapeut, der sie gern unterstützt. Aber er ist sich sicher: "Um ihre Ziele zu erreichen, braucht sie aber jetzt mit diesem modernen Handbike professionelle Hilfe." Deshalb nahm er für sie schon einen ersten Kontakt mit dem Chemnitzer PSV auf. Seitens des Radsportvereins sind die Reaktionen positiv. Andrea Mörbe könnte sich beispielsweise gut vorstellen, künftig auch auf dem Zementoval im Sportforum einen Teil ihres Trainings zu absolvieren.

Aktuell sucht sie sich die verschiedensten Strecken dafür aus: Radwege, Parkplätze vor Einkaufseinrichtungen an Sonntagen, die Tartanbahn im Stadion. Auch fährt sie mal mit dem Zug an die Elbe sowie zweimal pro Woche an den Markkleeberger See, um 30 bis 40 Kilometer am Stück zu bewältigen. Für diese Tour nahe Leipzig ist sie übrigens auf den medizinischen Transport angewiesen, da die Wagen der Mitteldeutschen Regionalbahn für Rollstühle völlig ungeeignet sind. Darüber hinaus nutzt sie - vor allem bei schlechtem Wetter oder im Winter - zu Hause ihr Modomed (eine Art Ergometer). Wenn der Fernseher zur Ablenkung läuft, paukt sie mehrere Stunden Kraft.

Andrea Mörbe leidet seit der Geburt an der Glasknochenkrankheit (Störung des Binde- und Stützgewebes), die äußerst selten vorkommt. Das wurde nicht sofort erkannt, erst nach mehreren Jahren fand ein Kinderarzt in Leipzig die Ursache. "Während der Zeit in der Krippe entwickelte sie sich langsamer als andere. Und als sie sich einmal gestoßen hatte, waren die Knochen sofort durch", erinnert sich ihr Vater Stefan. Weitere Brüche an Armen und Beinen mit langen Krankenhausaufenthalten folgten bis in das Jugendalter hinein. Deshalb lernte sie neun Jahre an einer Spezialschule in Tangermünde, lebte im Internat. "Mit der Pubertät hörten die Brüche auf, die letzten hatte ich mit 16", berichtet die Chemnitzerin, die wegen dieses Gendefekts eine Größe von 1,28 Metern erreichte. Sie kann nur mit Unterstützung ein paar Schritte gehen, bewegt sich in der eigenen Wohnung ähnlich wie eine Robbe.

Doch wie schwierig ihr Leben für Außenstehende erscheint: Sie selbst klagt nicht, auch wenn sie immer wieder mit neuen Widrigkeiten konfrontiert wird. So beispielsweise mit der Tatsache, dass die Zahl der auf Rezept gewährten physiotherapeutischen Behandlungen ebenso für sie rapide zurückging, obwohl diese für ihr Krankheitsbild, für die Stabilität des Knochenbaus, enorm wichtig sind. Deshalb bezahlt sie einen Teil nun aus der eigenen, nicht gerade üppig gefüllten Tasche.

Lieber erzählt Andrea Mörbe stolz, dass sie seit 25 Jahren eine eigene Wohnung hat und ihren Haushalt fast ohne Hilfe bewältigt. Zudem baute sie sich einen großen Freundeskreis auf, unternimmt allein Urlaubsreisen. Sie hat sich nie unterkriegen lassen, geht offen auf die Menschen zu, sprüht vor Selbstbewusstsein und Unternehmungslust. Und immer wieder betont sie: "Der Sport tut mir so gut, er ist mein Lebensinhalt." Die nächste Tour mit ihrem Lieblingsstück kann sie kaum erwarten ...

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