Ein Hüne auf dem Weg nach oben

Tom Hartmann ist das größte Talent des Judoclubs Stollberg. Als amtierender Mitteldeutscher Meister nahm er jüngst sogar an den Bundestitelkämpfen teil. Dabei zeichnet ihn eine ganz besondere Stärke aus.

Stollberg.

Wer im Alter von gerade 16 Jahren fast 100 Kilo auf die Waage bringt, der ist entweder stark übergewichtig oder groß und durchtrainiert. Auf Tom Hartmann trifft ganz sicher Letzteres zu. Der Gym-nasiast, 1,92 Meter lang, ist das herausragende Talent in den Reihen des 1. Stollberger Judoclubs. Sogar an den Deutschen Meisterschaften im westfälischen Herne nahm er kürzlich teil. "Zum ersten Mal seit der Wende hatten wir dort wieder ei-nen Athleten am Start", sagt Vereinschef Holger Seifert.

Dreimal pro Woche trainiert der Blondschopf in der Sporthalle seiner Schule, des Carl-von-Bach-Gymnasiums. Die Trainingsumfänge sind ihm freigestellt, doch der gebürtige Stollberger ist ehrgeizig. Den sprichwörtlichen inneren Schweinehund muss er selten überwinden. "Wenn ich mich dazu zwingen müsste, dann hätte ich schon längst aufgehört", sagt er. Die Einstellung hat sich ausgezahlt: Anfang dieses Jahres wurde Tom Hartmann zunächst U-18-Landesmeister in der nach oben offenen Gewichtsklasse ab 95 Kilogramm, kurze Zeit später folgte in Schönebeck (Sachsen-Anhalt) der Titel des Mitteldeutschen Meisters.

Dabei briet der Verein für den jungen Mann keine Extrawurst. "Er hat sich durch die Gewichtsklassen durchkämpfen müssen, wie alle anderen auch", sagt sein Trainer Richard Neumann. Familiär vorbelastet - auch sein Vater war Judoka - stand Tom Hartmann im Alter von sieben Jahren zum ersten Mal auf der Matte, bei einem Schnuppertraining. "Ich hatte da auch schon andere Sportarten ausprobiert, aber beim Judo hatte es mir am besten gefallen", erinnert er sich. Seinem Coach zufolge habe sich das Talent rasch gezeigt. "Mit dem weiß-gelben Gürtel hat er Gegner geschlagen, die zwei Ränge über ihm waren", so Neumann. Mittlerweile trägt er braun. Vom Alter her dürfte er sogar schon den schwarzen Gürtel besitzen, doch damit will er sich Zeit lassen. "Die Vorbereitung auf die Prüfung dauert etwa zwei Jahre."

Seine Stärken und Schwächen kennt der 16-Jährige, der in seiner Freizeit auch noch viermal pro Woche ins Fitnessstudio geht und dort Krafttraining macht, genau. Abgesehen von verschiedenen Techniken und Würfen, liege seine größte Qualität in der ersten Minute. "Da versuche ich den Kampf für mich zu entscheiden." Was in der Regel auch gelinge, wie sein Trainer anfügt. Bei den Mitteldeutschen Meisterschaften habe sein längster Kampf 25 Sekunden gedauert. Die größte Stärke sei aber gleichzeitig auch eine Schwäche. Denn überstehe der Gegner den kritischen Beginn, dann tue sich sein Schützling in der Folge mitunter schwerer. Neumann macht keinen Hehl daraus, dass Größe und Gewicht des 16--Jährigen diesem auf der Matte nicht gerade abträglich sind. "Solche Faktoren spielen auf jeden Fall eine Rolle, das war bei den Deutschen Meisterschaften wieder zu sehen."

Dort war Tom Hartmann nämlich erstmals selbst physisch im Nachteil. Schon im ersten Kampf musste er gegen einen 140-Kilo-Brocken ran und unterlag. In der Hoffnungsrunde wartete dann ein noch schwereres Kaliber - das Aus. "Gegen Sportler aus Leistungszentren, in denen ganz andere Trainingsumfänge möglich sind, steht man da schnell auf verlorenem Posten", so Neumann, der im Vorfeld durchaus mit einer Überraschung geliebäugelt hatte. Dennoch sei die Teilnahme eine wertvolle Sache gewesen, aus der wichtige Lehren gezogen werden könnten. "Zum Beispiel wie es ist, vor einem großen Publikum zu kämpfen." Selbst den Weg in ein Leistungszentrum zu beschreiten, hat Tom Hartmann indes nicht vor. Die Zukunft, sagt er, soll weiter in seiner Heimatstadt liegen, auch wenn er seit dem vergangenen Jahr für die HSG Mittweida in der Landesliga kämpft - denn Stollberg nimmt an keinem Ligabetrieb teil. Der 16-Jährige, der sein Leben als Judoka wirklich lebt und auch im Alltag auf Laster wie Zigaretten und Alkohol verzichtet, glaubt, dass ihm seine Sportart auch abseits der Matte einiges nützt. "Es geht dabei nicht nur um Durchsetzungsvermögen, Selbstvertrauen und Teamfähigkeit", sagt er. Judo trage darüber hinaus auch viel zu einer inneren Ausgeglichenheit bei.

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