50 Jahre Karl-Marx-Kopf in Chemnitz: Welche Momente haben Sie mit dem Monument erlebt?

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24 Stunden lang hat der Künstler Olaf Nicolai das Karl-Marx-Denkmal gefilmt. Eine der Möglichkeiten, diesen Ort zu erfahren. Anlässlich des 50. Jubiläums der Einweihung des Monuments bittet die "Freie Presse" Leserinnen und Leser um ihre Erlebnisse und Meinungen zu dem Monument.

Es hätte auch viel schlimmer kommen können. Dann stünde ein fast 20 Meter hoher Ganzkörper-Marx samt Sockel nahe der Brückenstraße, von dem man in Augenhöhe insbesondere die Schuhspitzen hätte bewundern - oder verfluchen - können. Es wurde dann aber doch der "Nischel", eine der weltgrößten Porträtskulpturen, das Karl-Marx-Monument.

Die Größe des Denkmals, das die SED-Führung unter Walter Ulbricht der 1953 umbenannten Stadt Chemnitz verpasste, war in etwa umgekehrt proportional dem Verständnis dieser Führung von den Ideen des Sozialökonomen und Philosophen aus Trier, der über sich geschrieben hatte: "Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein 'Marxist' bin!" Gegen Vereinnahmung und die Dogmatisierung seiner Ideen, die schon kurz nach dem Tod seines Mitstreiters Friedrich Engels mit Eduard Bernstein begann, konnte er sich nicht mehr wehren. Und so blickt denn nun der 7,1 Meter hohe, von dem sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel geschaffene, 40 Tonnen schwere Kopf des Karl Marx auf die Stadt, die seinen Namen wieder abgewählt hat. Ihr Bild aber prägt er noch immer.

Das Denkmal wurde am 9. Oktober 1971 vor etwa 250.000 Menschen eingeweiht, von denen nur ein Bruchteil freiwillig an dieser Feier teilgenommen haben dürfte. Denn selbst staatstreuen DDR-Bürgerinnen und -Bürgern war damals eher zweifelhaft, ob ein solch gewaltiger "Nischel" in der "Schädelgasse", wie daraufhin die damalige Karl-Marx-Allee im Volksmund genannt wurde, den Ideen der Autoren des "Kommunistischen Manifests" und dem Verfasser des "Kapitals" gerecht wird. Aber wie schon die Band Fehlfarben sangen: "Keine Atempause, Geschichte wird gemacht" - so wurden auch Denkmäler gemacht. Und nun stand er halt da, der "Kopf", der "Nischel", der "Schädel" mit dem ernsten, gütigen, aber auch etwas traurigen Blick, der dem Volksmund nach daher rührte, dass er nicht in den seinerzeit gegenüberliegenden Intershop gehen konnte. Dabei hätte Marx die Einrichtung dieser durchaus kapitalistischen Westgeldsammelstellen durchaus verstanden, wie er auch den "real existierenden Sozialismus" nie als den Sozialismus verstanden hätte, den sich die Arbeiterklasse in hoch entwickelten kapitalistischen Ländern erkämpfen sollte. Aber leider war das Erbe des Karl Marx so aufgeteilt, dass der Westen das Kapital, der Osten das "Kommunistische Manifest" hatte, wofür man sich im Zweifel aber nichts kaufen konnte.

Inzwischen hätte Chemnitz das Monument, unter dem zahllose von der SED verordnete Aufmärsche, die ersten freien, friedlichen Demonstrationen 1989/90 und inzwischen politische Veranstaltungen von links bis rechts, aber auch Konzerte und Ausstellungen stattfanden, mehrfach verkaufen können. Hat es aber - zum Glück - nicht getan.

So steht es denn immer noch, und der aus Karl-Marx-Stadt stammende Künstler Olaf Nicolai konnte es im vergangenen Jahr im Rahmen des Kunstprojekts "Gegenwarten" 24 Stunden lang filmen. In einer Nahaufnahme, nur Augen, Nase, Mund, die im Tageslauf verschiedene Schatten werfen, mal heller und mal dunkler sind. Dazu sind die Geräusche um das Denkmal zu hören, Autos, Busse, spielende, streitende Kinder, unverständliche Unterhaltungen von Erwachsenen. Am Dienstag und Mittwoch wurde der Film in verschiedenen Museen rund um die Welt gezeigt. Trotz Nahaufnahme brachte er Marx dem Publikum nicht nahe, aber der Film stellte Marx neben und in das alltägliche Leben - aus dem er seine Erkenntnisse gewonnen hatte.

Dieser Film ist eine Möglichkeit, das Chemnitzer Denkmal zu erfahren. Eine andere sind die zahllosen Selfies, die inzwischen vor dem Marx-Kopf gemacht und in alle Welt geschickt werden. Anlässlich des bevorstehenden 50. Jubiläums der Einweihung des Marx-Denkmals an der Brückenstraße bitten wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit der Skulptur mit uns zu teilen.


"Mein Marx"

Haben Sie die Einweihung erlebt? Wie haben Sie das Denkmal damals empfunden, wie empfinden Sie es heute? Hat sich da etwas verändert? Hat der riesige Kopf im Zentrum der Stadt heute eine andere Bedeutung als zur Zeit seiner Einweihung? Wie finden Sie es, dass er manchmal verfremdet, beklebt, behütet, verhüllt wird? Gibt es persönliche Erlebnisse, die Sie mit dem Ort verbinden?

Schreiben Sie uns bitte über Ihre Momente mit dem Marx-Monument an folgende Adresse: Freie Presse, Lokalredaktion Chemnitz, "Mein Marx", Brückenstraße 11-15, 09111 Chemnitz. Per E-Mail: red.chemnitz@freiepresse.de. Zusendungen (Text und Bild) werden in Auszügen veröffentlicht. (fp)

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