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Hartmannfabrik Chemnitz: Wer die starke Frau hinter dem Erbauer war

Wenn am 3. Mai die Hartmannfabrik als Zentrum der Kulturhauptstadt Chemnitz eröffnet wird, steht Richard Hartmann als Grundsteinleger für das Industriedenkmal im Fokus. Wegbereiterin für den Erfolg des Eisenbahnkönigs war die sparsame Tochter eines Gastwirtes.

Chemnitz.

Hinter jedem erfolgreichen Mann steht bekanntlich eine starke Frau – so zumindest sagt es ein viel zitiertes und oft salopp dahergesagtes Sprichwort. Wie viel Augenhöhe Richard Hartmann seiner Frau Bertha Hartmann tatsächlich vor dem Hintergrund der damaligen gesellschaftlichen Gepflogenheiten zugestanden hat – darüber darf spekuliert werden. Denn eigentlich sei nicht viel von ihr bekannt, sagt Gästeführer Eberhard Fiebig. Doch das Wenige, was man von ihr weiß, offenbart: Die Tochter eines Gastwirtes und Fleischers bereitete ihrem Ehemann den erfolgreichen Weg entscheidend mit. Darüber erzählt Fiebig am Freitag, den 26. April, auch, wenn er als Richard Hartmann verkleidet wieder zu einer Stadtführung in Chemnitz einlädt.

Bertha war die Eintrittskarte in die bürgerlichen Kreise von Chemnitz

Bertha Hartmann wurde am 29. Dezember 1813 als Bertha Oppelt geboren. Ihr Vater Wilhelm Oppelt betrieb eine Wirtschaft namens „Oppelts Garten“ an der Annaberger Straße. In dieser Gastwirtschaft lernten sich die Tochter des Hauses und der spätere Eisenbahnkönig kennen. Richard Hartmann war 1832 als junger Zeugschmied-Geselle vom Elsass in die junge Industriestadt Chemnitz gewandert und hatte sich hier niedergelassen. Im Sommer 1837 wurde Bertha schwanger, im Oktober darauf heiratete das Paar. Der erste Sohn, Johann Wilhelm Richard Hartmann, kam vier Monate nach der Hochzeit zur Welt.

Bertha Oppelt muss für den vier Jahre älteren Richard Hartmann eine gute Partie gewesen sein, denn mit der Heirat habe er die „Eintrittskarte“ in die bürgerlichen Kreise der Stadt erhalten, berichtet Eberhard Fiebig und erwähnt, dass in „Oppelts Garten“ auch der Herrenverein „Das Austerkränzchen“ gegründet wurde – eine elitäre Freimaurer-Gruppe. Fakt ist: 1837 war auch das Jahr, in dem Richard Hartmann mit einem Geschäftspartner eine Maschinenbauwerkstatt für Spinnmaschinen gründete und damit zum Unternehmer wurde.

Berthas Sparstrumpf sicherte das erste Patent

In diesem Zusammenhang kursiere eine überlieferte Geschichte, verrät der Gästeführer Fiebig. Dank Berthas Geschäftssinn habe sich Richard die Patentrechte für eine neu entwickelte Vorkrempelmaschine namens „Continue“ sichern können. Die Erfindung soll Hartmann zuvor einem Erzgebirger abgekauft haben – mit dem Geld, das Bertha für solche Zwecke gespart hatte und wofür ihr Mann monatlich immer zwei Gulden bei ihr abliefern musste. Insgesamt 1500 Gulden sollen laut Fiebig so in Berthas Sparstrumpf zusammen gekommen sein.

Spinnmaschinen, Dampfmaschinen, Lokomotiven: Richard Hartmann baute sein Portfolio stetig aus. 1848 erhält er als einer der ersten Lokomotivenbauer mit der Königlich-Sächsischen Staatseisenbahn einen großen Kunden für sein neues Produkt – der Grundstein für den Aufstieg zum Eisenbahnkönig von Sachsen. Schließlich umfasste das Imperium der Richard Hartmann AG (später Sächsische Maschinenfabrik) mit immer neuen Produktionsstrecken eine Fläche von 260.000 Quadratmetern mit 116 Gebäuden und 22 hohen Schornsteinen, die sich von der Chemnitz bis zum Schloßteich erstreckten. Die jetzt sanierte Hartmannfabrik ist die einzig erhaltene Produktionshalle. Der Grundstein für das als Maschinenbauhalle genutzte Bauwerk wurde vor 160 Jahren im Juni 1864 gelegt. Und sie ist ebenso Bestandteil der Führung von Eberhard Fiebig wie die Hartmann-Villa an der Kaßbergstraße 36, wo die Tour um 16.30 Uhr am Freitag startet.

Wilhelmine – die uneheliche Tochter des Eisenbahnkönigs

Richard Hartmann starb 1878. Zehn Jahre zuvor waren zwei Söhne und ein Schwiegersohn Gesellschafter seines Unternehmens geworden, das nach der Jahrhundertwende und vor dem Ersten Weltkrieg seine umsatzreichsten Jahre erlebte. Und Bertha Hartmann? Nebst ihrer Sparsamkeit hatte sie ihrem Mann insgesamt acht Kinder geschenkt. Sie starb neun Jahre vor ihrem Mann im Alter von 55. Und es existiert auch noch ein pikantes Detail aus dieser Ehe, das den Namen Wilhelmine trägt. Die uneheliche Tochter von Richard Hartmann wurde 1847 geboren – im gleichen Jahr, in dem Eugen, das drittjüngste Kind von Bertha geboren wurde. (suki)

Anmeldung Gästeführung unter eberhard-fiebig@web.de

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