Wie es sich mit der neuen Straßenbahn fährt

Erste Fahrzeuge der jüngsten Generation starten in den Linienbetrieb. Für die alten Tatra-Bahnen gibt es bereits Interessenten.

Gute Nachrichten für alle, die regelmäßig mit der Straßenbahn unterwegs sind: Bis Ende des Jahres sollen alle Bahnen der neuen Fahrzeuggeneration Skoda Forcity Classic nach Chemnitz geliefert sein. Das hat Jens Meiwald, Vorstand des Nahverkehrsbetriebes Chemnitzer Verkehrs-AG, am Mittwoch anlässlich des ersten fahrplanmäßigen Einsatzes der neuen Skoda-Bahnen bekannt gegeben. Fünf der insgesamt 14Fahrzeuge im Gesamtwert von rund 35 Millionen Euro sind demnach bereits in Chemnitz, die ersten von ihnen nun auch im Linienbetrieb unterwegs.

Sie und die übrigen Bahnen lösen die noch aus DDR-Zeiten stammenden Tatra-Straßenbahnen ab, die wegen ihrer hohen Einstiege bei vielen Fahrgästen unbeliebt sind und auch nach Einschätzung der CVAG zeitgemäße Beförderungsstandards nicht mehr erfüllen. Vor allem ältere Fahrgäste, Menschen mit Behinderungen und Eltern mit Kinderwagen beklagen sich immer wieder über beschwerliches Ein- und Aussteigen.

Die erste der neuen Skoda-Bahnen hatte sich, mit Blumen geschmückt, am Mittwoch um 10.41Uhr an der Endstelle Gablenz in Richtung Hutholz auf den Weg gemacht - begleitet von Livemusik, etlichen Hobbyfotografen und -filmern sowie mit für diese Tageszeit ungewöhnlich vielen Fahrgästen an Bord. Fast alle von ihnen waren eigens nach Gablenz gekommen, um bei diesem Ereignis dabei zu sein. "Ich bis sonst eigentlich nicht so oft mit Bus und Bahn unterwegs", sagte Volker Bauer, der aus dem Lutherviertel zur Endstelle gelaufen war. "Aber das hier interessiert mich schon", so der 65-Jährige.

Im Vergleich zu den vor etwa 20Jahren in Dienst gestellten Variobahnen fallen die Unterschiede dem ersten Eindruck nach nicht allzu riesig aus. Dank Luftfederung rumpelt es unterwegs nun noch weniger; der Antrieb ist selbst an Steigungen so leise, dass er vom Umluftgeräusch der Klimaanlage übertönt wird. Im Inneren geht es ähnlich geräumig zu wie in den älteren Fahrzeugen, die Haltestellenansagen und die Anzeigen an den Monitoren sind dieselben. Das neue Design der Sitzbezüge ist bereits aus einigen kürzlich in Dienst gestellten Bussen der CVAG bekannt.

Völlig neu hingegen ist, dass in den neuen Bahnen Fahrgäste während der Fahrt per W-Lan im Internet surfen können - kostenlos. Im Inneren, jeweils in Nähe der breiten Türen, gibt es zudem mehrere sogenannte Multifunktionsbereiche mit extra viel Platz für Menschen mit Rollstuhl oder Kinderwagen.

"Das ist kein Fahrzeug vom Reißbrett", betont Karsten Kleine-Heinzmann, der Leiter der CVAG-Schienenfahrzeugwerkstatt in Adelsberg. Der Hersteller Skoda Transportation habe die Bahnen der Modellreihe Forcity an die spezifischen Wünsche des Chemnitzer Nahverkehrsbetriebes angepasst und weiterentwickelt. Die Antriebstechnik etwa, die ein hundertprozentiges Niederflurfahrzeug ohne Stufen erlaubt, sei so von Skoda noch nie produziert worden. "Das sind technische Lösungen, wie es sie in keiner anderen Bahn der Welt gibt", bestätigt Zdenek Majr, Vorstandsmitglied des Herstellers Skoda Transportation.

Doch nicht nur wegen der Inbetriebnahme der ersten Fahrzeuge der neuen Straßenbahn-Generation gab es bei der CVAG am Mittwoch Grund zum Feiern. Finanzbürgermeister Sven Schulze, zugleich Vorsitzender des Aufsichtsrates der CVAG, überreichte Unternehmenschef Meiwald zugleich einen neuen Dienstleistungsauftrag. Er beauftragt das aktuell rund 600 Mitarbeiter zählende Unternehmen für weitere zweiundzwanzigeinhalb Jahre, den öffentlichen Personennahverkehr in Chemnitz zu gewährleisten. Einen entsprechenden Beschluss hatte der Stadtrat im Sommer 2017 gefasst. Nach europäischem Recht wäre auch eine Vergabe an ein Privatunternehmen aus dem In- oder Ausland denkbar gewesen.

Wenn der Vertrag im Sommer des Jahres 2042 ausläuft, werden die Skoda-Bahnen aller Voraussicht nach noch immer im Einsatz sein. Die zur Ausmusterung anstehenden Tatra-Bahnen möglicherweise auch - aber ganz sicher nicht in Chemnitz. Die meisten von ihnen sollen ins Ausland verkauft werden, sagt David Joram, Geschäftsbereichsleiter Technischer Service bei der CVAG. Erste Anfragen aus Osteuropa lägen bereits vor.

 

 

 

 

Leichter Einstieg, freies W-Lan, saubere Wagen - das sagen die ersten Fahrgäste

Ute Mothes, Sachbearbeiterin (62): "Der erste Eindruck ist, dass die neue Bahn sehr sauber ist. Ich hoffe, dass es so bleibt. Viele andere Straßenbahnen sind verschmutzt. Die Einstiege sind im Vergleich zu den alten Tatra-Bahnen besser, gerade für Leute, die auf einen Rollator angewiesen sind oder einen Kinderwagen haben. Das einzige, was ich mir noch wünschen würde, wären Pünktlichkeit und im Winter geräumte Haltestellen. Mitunter muss man erst Schneeberge überqueren, um zur Bahn zu gelangen."

Lucas Heimbach, Student (28): "Ich hatte über die neuen Bahnen in der Zeitung gelesen und mich darauf gefreut. Die Tatra-Bahnen waren arg in die Jahre gekommen. Modernes Design, wesentlich einfacherer Einstieg, gut sichtbare Haltestellenanzeigen und leisere Fahrgeräusche sind mir aufgefallen. Sicher geht mit der Tatra-Bahn auch ein Stück Verkehrsgeschichte vorüber, aber nach gut 40 Jahren Dienst ist das in Ordnung. Chemnitz ist die Stadt der Moderne, das sollten die öffentlichen Verkehrsmittel auch darstellen."

Arno Pfefferling, Technischer Mitarbeiter (32): "Es ist schon ein großer Zufall, dass ich ausgerechnet zur Eröffnungsfahrt in der neuen Straßenbahn mitfahre. Die Innenausstattung in Blau und Weiß, dazu das Deckenbild von einem strahlend blauen Himmel mit Wolken, erinnert mich etwas an den CFC. Ich finde es gut, dass die CVAG mit der Zeit geht und einen W-Lan-Hotspot bereitstellt. Ich habe es ausprobiert, es funktioniert einwandfrei. Selbst Videos laden rasend schnell.

Pauline Frank, Auszubildende (20): "Die Bahn ist optisch sehr ansprechend. Ich hatte mich nur etwas gewundert, als sie an der Haltestelle Treffurthstraße vorgefahren ist und mit einem Blumenkranz geschmückt war. Sie ist gepflegt und sauber. Gut finde ich, dass es frei zugängliches W-Lan geben soll, auch wenn ich noch keine Schilder gesehen habe, die die Fahrgäste darauf hinweisen. Insgesamt meine ich, dass die neuen Straßenbahnen für Chemnitz eine sinnvolle Investition sind."

Bewertung des Artikels: Ø 4.3 Sterne bei 10 Bewertungen
7Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    3
    d0m1ng023
    28.09.2019

    Wow, da fühlt sich ja fast wie im Westen...

  • 8
    7
    698236
    25.09.2019

    Ich denke, dass wir mehr RESPEKT haben sollten, dass überhaupt solche luxuriöse Bahnen demnächst nach und nach in Chemnitz ihren Ensatz haben.
    Straßenbahnen kann man halt nicht wie eine Tafel oder 14 Tafeln Schokolade produzieren!!!!!!!!!!!!! Dank der Regierung in Dresden können wir uns den neuen Bahnen erfreuen. Und Dank natürlich dem Steuerzahler!

  • 8
    6
    698236
    25.09.2019

    Ich denke, dass wir mehr RESPEKT haben sollten, dass überhaupt solche luxuriöse Bahnen demnächst nach und nach in Chemnitz in Einsatz haben.
    Straßenbahnen kann man halt nicht wie eine Tafel oder 14 Tafeln Schokolade produzieren!!!!!!!!!!!!!

  • 17
    4
    MuellerF
    25.09.2019

    @ Deluxe & vitaminbonbon: Danke für Ihre Antworten! Es war nur eine Frage zum besseren Verständnis- kein Grund, gleich wieder die roten Daumen auszupacken!

  • 33
    0
    vitaminbonbon
    25.09.2019

    Die Fahrzeuge werden nach und nach weiter ausgeliefert. Die beiden zuerst gelieferten Bahnen waren im Zulassungs- und Testprozess und gehen nun in Betrieb. Und nun geht es sukzessive weiter...
    Beste Grüße,
    Detlef Müller

  • 33
    1
    Deluxe
    25.09.2019

    Weil kein Hersteller mehr als ein Dutzend Bahnen gleichzeitig produzieren kann, MuellerF.

    Schade, daß die Ära der Tatras nach 50 Jahren zu Ende geht. Die Schmalspurzüge waren noch 10 Jahre länger im Einsatz.

    Aber schön, daß wieder tschechische Bahnen bei uns fahren.

  • 5
    23
    MuellerF
    25.09.2019

    Warum gehen die neuen Bahnen erst nach & nach in Betrieb- gab es nicht bereits eine monatelange Testphase für die Fahrzeuge?



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