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Wo Männer in Chemnitz neuerdings Schutz finden können

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In vielen Städten gibt es Frauenschutzhäuser. In Chemnitz hat die Einrichtung 30 Plätze, wo Schutzsuchende mit ihren Kindern Zuflucht finden. Drei solcher Plätze gibt es jetzt auch für Männer.

Chemnitz.

Die Gewalt gegen Männer ist vielschichtig. In einer aktuellen Studie der Bundesfach- und Koordinierungsstelle für Männergewaltschutz berichten drei Viertel der Opfer über körperliche Gewalt. Noch höher (97 Prozent) sind die Zahlen für psychische Gewalt wie Demütigungen, Stalking oder massive Grenzüberschreitungen.

Wenn es gar nicht mehr geht, Männer nicht mehr von selbst aus der Gewaltspirale herauskommen, gibt es für sie deutschlandweit 41 Plätze, in denen sie eine Zuflucht finden – offenbar zu wenige: Statistisch gesehen kommt auf 689 Anfragen nur ein Platz.

In Chemnitz existiert ab 1. Dezember ein weiteres Angebot für Männer: Die Stadtmission hat eine Wohngemeinschaft für zwei Schutzsuchende sowie eine Einzelwohnung eingerichtet, in der ein Mann mit seinen Kindern vorübergehend leben kann.

Der Sozialträger stellt für das neue Männerschutz-Projekt eine Vollzeitstelle bereit, die Julia Mühlberg und Stephan Hanschke jeweils zur Hälfte übernehmen. Die beiden Sozialfachkräfte bringen jahrelange Erfahrung aus der Suchthilfe, der Jugendbetreuung und der Arbeit in Wohnprojekten mit.

Die Adressen der beiden Wohnungen bleiben geheim, betroffene Männer werden über Beratungsstellen, von Ärzten oder über eine Koordinierungsstelle vermittelt. Auch für die Polizei bietet sich mit der neuen Einrichtung eine Möglichkeit, Betroffenen ein Angebot zu machen. Opferberaterin Mercedes Nobis erinnert sich an einen Mann, der 1 Uhr nachts verzweifelt bei der Polizei Hilfe suchte, weil er über Jahre psychischer und physischer Gewalt zu Hause ausgesetzt war. Erst am Nachmittag habe man ihm einen Platz in einer Schutzeinrichtung in Plauen anbieten können. „Der Mann war extrem dankbar“, erzählt Mercedes Nobis.

Sie sagt, dass es seit 2019 in Chemnitz 99 Anzeigen von Männern wegen häuslicher Gewalt gegeben habe. Bei psychischer Gewalt sei es allerdings schwierig, eine Anzeige aufzunehmen. „Der Bedarf einer Schutzeinrichtung für Männer ist da, zwar nicht so stark wie bei Frauen, aber er ist da.“ Zum Vergleich waren im gleichen Zeitraum 1389 Frauen die Opfer. Für sie gibt es in Chemnitz ein Frauenschutzhaus mit 30 Plätzen.

Peter Wild berichtet, dass es unter Männern eine hohe Dunkelziffer von Hilfesuchenden gebe. Das Eingeständnis von Gewaltproblemen passe nicht zum typischen Männerbild, sagt der Sozialarbeiter, der viele Jahre in der Männerarbeit unterwegs war. Im Durchschnitt vergingen 22 Monate, bis sie sich überhaupt Hilfe suchen.

Dass auch Männer Opfer häuslicher Gewalt sind, sei in der Gesellschaft ein Tabu-Thema, sagt auch Karla McCabe, Vorstandsvorsitzende der Stadtmission. „Normalerweise sind Männer immer die Täter.“ Aber Gewalt gehe auch von Frauen aus. „Manche Männer denken, das ist normal, weil sie beispielsweise von ihrer Mutter als Kind missbraucht wurden.“

Drei Monate mit Möglichkeit zur Verlängerung

Die Männer sollen in den neuen Räumen in einem gewaltfreien Umfeld zunächst zur Ruhe kommen und sich danach ein neues Leben aufbauen können. Dabei stehen ihnen die beiden Sozialarbeiter zur Seite. Das ist nicht alles: „Wir bauen ein Netzwerk an Hilfsangeboten auf und begleiten die Männer während der Zeit bei uns und auch danach“, sagt Sabrina Jäger, Leiterin der Beratungsstelle bei der Stadtmission. Dazu gehören psychologische und rechtliche Beratung, Hilfe bei Arbeits- oder Wohnungssuche. Auch Plätze in einer Kita könnten kurzfristig angeboten werden. „Es geht darum, die Männer zu stabilisieren.“

Die Schutzsuchenden könnten zunächst für drei Monate in den Wohnungen bleiben. Danach werde in einem sogenannten Clearing-Gespräch evaluiert, ob die Zeit noch einmal verlängert wird.

In Deutschland gibt es nicht in jedem Bundesland Männerschutz-Projekte. Sachsen ist einer der Vorreiter. Auch das neue Angebot in Chemnitz finanziert größtenteils der Freistaat. Nach Dresden, Leipzig und Plauen ist es die vierte Einrichtung. (cma)

Die Beratungsstelle für die Männerschutzeinrichtung ist unter der Telefonnummer 0371 - 6004858 oder der E-Mail mse@stadtmission-chemnitz.de zu erreichen

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