Die Bullerbüer

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Ferien in Bullerbü. Wir reden hier nicht von diesem kleinen, schwedischen Fantasiedorf der großen, fantastischen Astrid Lindgren. Die Frau hat uns eine Welt hinterlassen, in die jedes Kind spätestens mit fünf gerne auswandern würde. Wie schön das aussehen würde im Ausweis – Geburtsort: Bullerbü. Müsste man dann nicht automatisch angelächelt werden? Man würde unser Gesicht nach Sommersprossen absuchen und uns für nette Typen halten.

Ich hätte meine Kinder sehr gerne in Bullerbü entbunden. Könnte für den Lebenslauf von Vorteil sein, besser als Zeugniskopfnoten.

Leider ist Astrid Lindgren nun fast zwanzig Jahre tot und Bullerbü, das winzige „Lärmdorf“, ein Ort der Fantasie. Gibt‘s nicht, jedenfalls nicht so. Also denken wir uns unser eigenes Bullerbü aus.

Szenen unseres Bullerbüs: Die Staubkörnchen tanzen im Sonnenlicht, die Waschmaschine hat Stress und im Garten scharren die Hühner, die sich im Frühjahr wie Kaninchen vermehrt haben. Mehrere Hennen hatten Kinderwunsch. Nun werden sie von ihrem Nachwuchs in die Verzweiflung getrieben, weil ihre Miniaturhühner durch den Hühnerzaun passen, täglich ausbüxen und unter dem Haselnussstrauch einen drauf machen. Kind 1 und Kind 2 haben ihre beiden Cousinen als Schlafgäste, was den erhöhten Geräuschpegel erklärt. Aus dem Kind-2-Zimmer kommt Konservenmusik. Wahrscheinlich hält jemand der Sängerin die Nase zu, und wahrscheinlich tut sie das selbst. Ich bin überzeugt, sie steht im Pool und hält sich die Nase zu, weil gleich jemand neben ihr eine Arschbombe machen wird.

Ich öffne die Tür und sehe, dass die Mädchen ihre spanische Lieblingsserie auf dem iPad anschauen. Hier wird gesungen und getanzt, danach kommt immer ein bisschen Schrift, und dann beginnt die nächste Folge. Der Raum wurde mit Schokoladenpapier dekoriert. Kind 2 bittet mich, der kleinen Bullerbü-Gemeinde Getränke zu servieren. Ich hole Zettel und Stift und nehme Bestellungen entgegen. Mein Sohn, Kind 1, gibt ebenfalls eine Getränkebestellung auf und bietet mir zum Dank einen Kaugummi an. Ich bin überwältigt von seinem Charme, will mir eine Spearmint-Streifen aus der Packung ziehen und bekomme einen leichten Stromschlag. Die Packung ist ein uralter Scherzartikel. Er lacht, ich lache mit.

Die Moral von dieser Geschichte ist, dass Frau Lindgren uns mit Bullerbü keinen Ort erfunden hat. Es ist der Blick, mit dem wir die Welt sehen dürfen. Ich schenke Ihnen jetzt meinen Lieblingssatz von ihr: „Wenn Kinder ohne Liebe aufwachsen, darf man sich nicht wundern, wenn sie selber lieblos werden.“

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