Die Königin zieht sich zurück. Denn ihre geheimnisvolle Kraft kann jene, die sie liebt, in einen Eisblock verwandeln. Da bliebt sie lieber einsam, aber auch frei. Bis sich ihre unerschrockene Schwester zu ihr durchkämpft und sie aus ihrer Isolation holt. Die schickt dann auch noch den falschen Prinzen in die Wüste, der sie nur ausnutzen wollte, und so besiegt die Liebe zwischen den Schwestern das Böse.

Wahre Liebe. Tapferkeit. Verantwortung. Selbstbestimmung. Wer hat sich das bloß ausgedacht? Alice Schwarzer? Ehrgeizige Pädagogen? Nein, es war die Firma Walt Disney.

Und dann hat die Firma Walt Disney die beiden jungen Frauen mit den Glubschaugen millionenfach vervielfältigen lassen. Auf Kleidern, Taschen, Büchern, Stiften, Pullis, Unterhosen prangen Anna und Elsa. Ich warte nur drauf, dass es auch noch Klopapier oder Streichwurst mit der Eiskönigin zu kaufen gibt. Mehr Marketing geht nicht.

Meine Große ist in demselben Jahr auf die Welt gekommen wie der Disney-Film: 2013. Eine Welt ohne die beiden Damen kennt sie also überhaupt nicht. Lange habe ich auf ihren Wunsch, „auch endlich mal was mit Anna und Elsa zu haben“, mit einem genervten „den Quatsch kaufe ich nicht“ reagiert.
Dann aber machte ich es wie Elsa: Ich hörte auf meine Schwester. Der Film sei ganz gut, behauptete die. Also setzte ich mich zusammen mit meiner kleinen Eiskönigin vor den Fernseher.

Denn was ist schlimmer: Kleine Mädchen, die „alles von Anna und Elsa“ haben wollen, ohne den Film je gesehen zu haben? Oder Erwachsene, die „alles von Anna und Elsa“ doof finden, ohne den Film je gesehen zu haben?
Mein Fazit: Meine kleine Schwester hatte mal wieder recht. Ich sage jetzt nicht, dass man seine Tochter unbedingt mit knöchellangem Ballkleid und Krönchen ausstatten muss, um sie zu einer selbstbewussten Frau zu erziehen. Aber als Vorbild ist mir die eigensinnige Elsa allemal lieber als zum Beispiel das Dornröschen, das nur passiv auf den Märchenprinzen wartet. Oder die Goldmarie, die belohnt wird, weil sie ohne Widerrede anderer Leute Haushalt schmeißt.

Meine Große liebt auch diese Märchen. Aber die Vorbildwirkung ist offenbar begrenzt. Zur fleißigen Haushälterin hat sie sich jedenfalls noch nicht entwickelt.
Stattdessen hört sie sich neuerdings Elsas Hymne „Lass jetzt los“ in der Version von Helene Fischer an. Da wünsche ich mir dann doch, das Kind wäre hochbegabt und von Geburt an zweisprachig. Dann würde ich einfach auf Englisch umschalten. Schade, dass ich nicht zaubern kann.

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