Posten in schwieriger Gemengelage

Zum Rücktritt von Bahnchef Rüdiger Grube

Rüdiger Grube hat die Brocken hingeworfen, nach fast acht Jahren als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn. Ein Schritt, der völlig unerwartet kam. Denn die Vertragsverlängerung war eigentlich ausgemachte Sache. Doch wie so oft steckt der Teufel im Detail. Es soll Streit über die Vertragslaufzeit gegeben haben. Ob das der wahre Grund für seinen Rückzug ist oder ob auch andere Unstimmigkeiten eine Rolle gespielt haben, bleibt vorerst offen.

Fest steht: Der 65-Jährige hinterlässt mit seinem abrupten Abgang eine Lücke im größten Eisenbahnverkehrsunternehmen Mitteleuropas, die sich auf die Schnelle nicht schließen lassen wird. Einen potenziellen Nachfolger gibt es nicht. Und: Der Schritt trifft den Konzern in einer schwierigen Phase. Grube hatte im Jahr 2015 ein dickes Reformprogramm auf den Weg gebracht, das noch längst nicht greift wie gewünscht. Sicher, bei der Pünktlichkeit hat die Bahn aufgeholt. Mit billigeren Tickets konnten auch Kunden auf die Schiene zurückgeholt werden, die scharenweise verloren gegangen waren, weil die Bahn den boomenden Fernbusmarkt anfangs ignoriert hatte. Auch bei der Versorgung der ICE-Züge mit Internet kann Grube einen Haken setzen. Hinzu kommt: Nach dem Milliardenverlust im Jahr 2015 wird der Staatskonzern für das abgelaufene Jahr 2016 wieder bessere Zahlen vorlegen.

Doch nach wie vor hat die Bahn mit Problemen zu kämpfen. Ein hoher Schuldenberg von 17,5 Milliarden Euro belastet. Das Unternehmen braucht zusätzliches Geld, damit die Schulden nicht aus dem Ruder laufen, aber trotzdem investiert werden kann. Das Güterverkehrsgeschäft steckt in einer schweren Krise. Bei der Sanierung des Konzernbereiches geht es seit über einem Jahr nicht voran, es mangelt an Effizienz bei der Auslastung und Steuerung der Züge. Allein das Streichen von Stellen und das Schließen von Belade- und Rangierstationen wird keine Trendwende bringen, sondern den Druck eher verschärfen. Um mehr Güterverkehr von der Straße auf die Schiene zu bringen, müssten die Preise für die Nutzung des Schienennetzes sinken. Das jedoch würde auch geringere Einnahmen für den Bund bedeuten - einen Teil der Dividende beansprucht jedes Jahr das Bundesfinanzministerium.

Ein Beleg für die schwierige Gemengelage bei dem Staatsbetrieb. Die Öffentlichkeit redet mit, und jede Interessengruppe hat eigene Erwartungen. Dennoch soll das Management den bundeseigenen Konzern wie eine Privatfirma führen und dabei möglichst viel Gewinn erzielen. Doch ist das wirklich das richtige Ziel? Bislang hat die Bundesregierung es nicht geschafft, zu definieren, wie der Verkehr auf der Schiene aussehen und welchen Umfang er haben soll. Erst dann können die richtigen Weichen gestellt werden. Dafür braucht es nicht nur den passenden Mann an der Spitze des Konzerns, sondern vor allem eines: politischen Willen. Der ist auf lange Sicht wichtiger als die Frage nach der Besetzung des Chefsessels.

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