Der Barkas kehrt nach Hainichen zurück

Die Stadt erlebt am Wochenende ihr erstes Framo- und Barkastreffen. Nicht ohne Grund: Einst liefen die kultigen Leichttransporter hier vom Werksband.

Steffen Rauter (68) im Frankenberger Erlebnismuseum "Zeit-Werk-Stadt", wo die Oldtimer auch zu sehen sind und sich der Geschichte des Fahrzeugbaus in Frankenberg, Hainichen und Chemnitz nachspüren lässt.
Der "Blitz" war ein Allrounder, der in der DDR im Gesundheitswesen, wie hier beim DRK in Hainichen (1969), der Wirtschaft, aber auch bei Polizei, Feuerwehr und Armee eingesetzt wurde.
Der Auslieferplatz des Barkas-Werks in Hainichen, ebenfalls im Jahr 1969. 2022 findet an diesem Standort nun das erste Framo- und Barkastreffen in Hainichen statt.

Von Manuel Niemann

Es wird eine Zeitreise, wenn am heutigen Freitag die ersten B 1000 und dessen Varianten auf das ehemalige volkseigene Betriebsgelände in der Gottlob-Keller-Straße einlenken, das heute zur Firma Sonnenberg gehört. Das erste Framo- und Barkastreffen, das die Barkas-Freunde Vorpommern veranstalten, lässt ein Stück Vergangenheit wieder auferstehen: "Dort war damals die Fahrzeugmontage des B 1000", sagt Steffen Rauter. Er muss es wissen. Einst leitete er hier sogar das Barkas-Werk. Das punische Wort für "Blitz" lieh dem Leichttransporter, eine der wenigen Neukonstruktionen der Autoindustrie der DDR, und dem Werk den Namen.

"Wir waren so etwa 800 Mitarbeiter, die für Hainichen am Band gearbeitet haben", sagt Rauter. Er erinnert sich noch gut, wie die Kunden ins Werk kamen, um ihre Fahrzeuge abzuholen. "Wir hatten auch einen Gleisanschluss am Werk, am Wochenende wurden sie da immer verladen und mit der Reichsbahn versandt." Zwischen 7500 und 8000 seien es im Jahr gewesen. "Die meisten waren, damals hieß es: für 'gesellschaftliche Bedarfsträger'", beschreibt er. "Die NVA, Krankenhäuser und Feuerwehren erhielten aus Hainichen Spezialausführungen verteilt über die Plankommission." Lediglich um die 200 Fahrzeuge einer solchen Jahresproduktion, schätzt er heute, erhielten Leute aus der Bevölkerung wie etwa Handwerker.

Rauter selbst hatte 1972 zunächst im Werk in Frankenberg angefangen und wechselte 1984 nach Hainichen, wo bis zum Werkleiter aufstieg - mit damals 32 Jahren. Bis die Wende kam, für ihn und die Belegschaft "wilde Zeiten" begannen, sagt er: Das Motorenwerk in Chemnitz ging an VW. Die Standorte in Hainichen und Frankenberg wurden abgestoßen und ein Transporterwerk daraus gegründet. "Das ging dann noch ein halbes Jahr, und 1991 wurde die Produktion eingestellt. In Frankenberg wurden anschließend noch Teile gefertigt", sagt er. 1994 war auch dort für ihn Schluss.

Jetzt ist er 68. Der erste Barkas wurde in Hainichen vor 61 Jahren gefertigt, gilt als Oldtimer und hat Fans, die ihre Schmuckstücke pflegen oder auch einmal in Hainichen vorbeifahren: "Voriges Jahr kam die Truppe aus Vorpommern nach Hainichen. Sie hatte direkt bei mir vor dem Haus geparkt und ist noch einmal an die Stelle gegangen, wo das Fahrzeug gebaut wurde." Das war der 60. Jahrestag jenes 16. Juni 1961, an dem der erste B 1000 in Hainichen vom Band lief. Die Idee entstand, Framo- und Barkastreffen, wie es sie in Verbindung mit dem Fahrzeugmuseum Frankenberg gegeben hatte, wieder aufleben zu lassen. Das Frankenberger Fahrzeugmuseum hatte seinen Hauptbestand in das Erlebnismuseum "Zeit-Werk-Stadt" abgegeben, sagt Rauter. "Die besten und schönsten Fahrzeuge aus dem Fahrzeugmuseum stehen jetzt dort", beschreibt er, "sind aber nur ein Teil der Ausstellung." Er war beim Förderverein des Fahrzeugmuseums dabei, erst kürzlich hatte dieser sich mit der Schließung aufgelöst. Ein Teil wolle sich jetzt im Frankenberger Heimatverein weiter engagieren, als Hainichener sei er da aber nicht aktiv. In Hainichen hilft er hingegen, die Idee aus dem Vorjahr zu realisieren: "Wir könnten das Treffen doch auch hier am Geburtsort des B 1000 machen", waren sie sich damals einig. Denn in Hainichen wurden die Fahrzeuge montiert. "In Frankenberg ist ja nie ein Auto gebaut worden", sagt Rauter. "Dort war zeitweise der Karosseriebau, und die Karosserien wurden dann mit einem Spezialfahrzeug nach Hainichen gefahren und dort zusammengebaut." Genau an dieser Stelle findet nun bis Sonntag das Treffen statt. "Der Haupttag ist der Samstag, wo von 10 bis 20 Uhr auch von unserer Seite ein Bierwagen dasteht, der Grill angeworfen wird und auch einen Kuchenbasar organisiert ist", sagt er. Der Tag ist für Besucher gedacht, die kostenlos auf das Gelände kommen. Tagesgäste zahlen mit ihrem Framo oder Barkas 5 Euro und finden auf der Freifläche an Halle 5 einen Stellplatz. "Mir liegt es auch am Herzen, dass die ehemaligen Barkas-Leute und deren Kinder und Enkelkinder, die hier noch wohnen, auch mal rauskommen", sagt Rauter. Die können zusammen quatschen, tüfteln, sich Tipps holen von Experten und Bastlern und zeigen, wie es damals war.

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