Was Forstexperten Sorgenfalten macht

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Trockenheit, Baumsterben und Stürme. Der Sachsenforst findet dagegen Rezepte. Jetzt kommt ein neues Problem hinzu.

Auerswalde .

Ullrich Göthel wusste genau, was er nicht werden wollte: "Ich habe die Metallspäne als Schüler bei der Arbeit in der Produktion gehasst." Deshalb entschied er sich für eine Ausbildung als Förster. Er könne sich noch genau erinnern, als er bei der Ausbildung massenhaft Fichten im Vogtland anpflanzen musste. "Das war ziemlich stupide und eintönig, aber die DDR brauchte Holz, vor allem für den Export", erläutert er.

Denn zu allen Zeiten werden Bäume gepflanzt, um das Holz später für den Bau von Möbeln, Terrassen oder für einen Haus-Dachstuhl zu verwenden. Beim Sachsenforst ist das heute nicht anders. "Das sind 95 Prozent des Kerngeschäfts, der Rest dient der Walderhaltung", erklärt Göthel. Trotzdem habe ihm das Pflanzen von verschiedenen Bäumen, die Pflege und die Erhaltung der Natur immer fasziniert. Diese Leidenschaft könne er jetzt mit einem Projekt in einem Wald am Fluss Chemnitz ausleben.

Nach der Wende studierte er an der Fachhochschule für Forstwirtschaft in Schwarzburg in Thüringen. Seit 22 Jahren ist er Revierförster beim Sachsenforst im Revier Chemnitz-Grüna, wozu eine Waldfläche von rund 1550 Hektar - das ist etwa ein Hundertstel der Fläche vom Saarland - rings um die Stadt Chemnitz gehört. Er ist so beispielsweise für den Rabensteiner Wald und den Zeisigwald zuständig, sehr beliebte Flecken von Chemnitz. Aber auch das Waldgebiet "Der Boden" an der B 107 im Lichtenauer Ortsteil Auerswalde gehört seit 2016 dazu. "Der Sachsenforst hat die Fläche von der Treuhand gekauft", erzählt Göthel. Ziel sei es gewesen, den Wald naturnah zu belassen. Denn seit etwa zehn Jahren hat angesichts des Klimawandels mit Stürmen, Trockenheit und Hitze ein Umbau des Waldes begonnen. In der sogenannten Chemnitz-Schleife wachsen 100 Jahre alte Eichen, Winterlinden und Hainbuchen. Dazwischen liegt Totholz. Der Wald, der einst zum Rittergut Auerswalde gehörte, diente schon immer zur Holzgewinnung. Auf dem Waldboden erkennt man noch alte Wege, die zum Entfernen der Baumstämme mit dem Pferdefuhrwerk gedient haben, erzählt der Revierförster.

Göthel spricht dabei von "Plünderwaldstrukturen" der Nachkriegszeit sowie noch geschlossenen Fichtenbeständen, die bei Wiederaufforstungsaktivitäten der DDR gepflanzt wurden. Aus dem Wald wurde Brenn- und Nutzholz geborgen. "Doch die Fichten wurden dem Wald zum Verhängnis", sagt Göthel. Hitze und Trockenheit machten den Bäumen stark zu schaffen. Durch den Trockenstress sind die Bäume obendrein anfälliger für den Befall durch Schadorganismen, insbesondere den Borkenkäfer. "Um umliegende Privatwälder vor dem Befall zu retten, haben wir uns 2021 entschlossen, die kranken Fichten zu fällen", erläutert Göthel. Nur noch die Baumstümpfe blieben im Boden, um bei Hochwasser Schwemmholz aufzufangen. Etwa 120 Jahre habe es den Fichtenforst gegeben, "jetzt erleben wir eine neue Ära". Denn der Sachsenforst begann nach der Räumung der Fichten mit dem Anpflanzen von knapp 8000 Laubbäumen. "Wir geben dem Hang und der Aue wieder ihre Ursprünglichkeit zurück", sagt Göthel. Die forstliche Nutzung werde komplett aufgegeben. Göthel: "Ab und zu wird man wie in diesen Tagen Waldarbeiter sehen, die mit der Säge hantieren." Die Jungpflanzen müssten von Farnen, Brombeersträuchern und Staudenknöterich befreit werden, damit sie Licht zum Wachsen haben. 1500 junge Weiden bilden seit vorigem Jahr einen Weichlaubholzgürtel am Ufer. Er soll mit seinen Wurzeln die Erosion bremsen und mit dem starken Stockausschlag einen raschen Wiederbewuchs nach Hochwasser oder Treibeis garantieren.

Weitere gepflanzte Baumarten ergänzen die Naturverjüngung aus Ahornen, Eschen und Birken. In Kleingruppen entstünden Strukturen, die spätere Biotopbäume mit Totholz und Höhlen begünstigten. Wird das Gebiet wieder Urwald? Göthel spricht von Wildnis, die sich dort entwickelt. Regenerationsprozesse auf der ehemaligen Fichtenfläche könnten fast unbeeinflusst von menschlichem Tun ablaufen. Dabei verschweigt er nicht, dass wegen der Energiekrise für viele wieder Brennholz interessanter geworden sei. Da das Waldgebiet in Auerswalde aus der forstwirtschaftlichen Nutzung genommen wurde, entfalle diese Nutzungsmöglichkeit. "Im gesamten Forstrevier Grüna gibt es keinerlei frei verkaufbares Brennholz mehr." Mit Restholz ausgestattete Flächen, welche nach Forstarbeiten zum Brennholzsammeln aufgesucht werden könnten, entstehen erst. Im Revier beginne jetzt die Durchforstungs- und Holzerntephase. Vermutlich Ende Oktober würden erste Flächen frei sein für die Brennholz-Nachlese.

Das könnte Sie auch interessieren

00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.