Die Zwickauer Pumpgun-Spur

Im Münchner Prozess galt jüngst viel Augenmerk der Tatwaffe der NSU-Mordserie. Sie soll über Jenaer Verbindungen zum Terror- Trio gelangt sein. Eine ihrer Pumpguns sollen die Terroristen dagegen in Zwickau gekauft haben.

Zwickau/Chemnitz.

Dass sich das Terror-Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe fühlte wie "die drei Musketiere", ist unwahrscheinlich. Für den "Nationalsozialistischen Untergrund" dürften die Degen schwingenden Roman-Helden vor allem eins gewesen sein: zu französisch. Und ihr Autor als Enkel eines französischen Adligen und einer haitianischen Sklavin zu schwarz. Allerdings wird die "Einer für Alle, Alle für Einen"-Romantik des Alexandre Dumas wohl gepasst haben. Unabhängig von ersonnenen Parallelen gibt es jemanden, der Uwe Mundlos sogar optisch mit den Musketieren verband. Der "Drei-Musketier-Bart" fehle. Und eine Wollmütze habe der "Andreas" immer auf dem Kopf gehabt, wenn er in den Laden gekommen sei. So hatte Hermann S. bei der Polizei Fotos von Uwe Mundlos kommentiert.

Der 43-Jährige, dessen Wohnung und Garten im Erzgebirge im Januar 2012 von Ermittlern nach Beweisen durchsucht worden waren, steht im Verdacht, dem Trio eine oder gar mehrere Waffen besorgt zu haben. Darunter eine der beiden Repetierflinten, sogenannte Pumpguns, die man im ausgebrannten Wohnmobil in Eisenach bei Mundlos' und Böhnhardts Leichen fand. Neben einer Winchester, mit der nach Einschätzung der Ermittler Mundlos im Angesicht nahender Polizisten erst Böhnhardt, dann sich selbst erschossen haben soll, fand man im Mobil eine Pumpgun vom Typ Mossberg Maverick 88, die bei Überfällen zum Einsatz gekommen sein könnte.

Diese Waffe hatte Holger G., einer der zusammen mit Beate Zschäpe Angeklagten im Münchner NSU-Prozess, auf Bildern wiedererkannt. Bei einem Treffen in der Zwickauer Wohnung des Trios habe Uwe Mundlos ihm die Waffe gezeigt, so G., mit dem Hinweis, er habe sie vom Inhaber eines Zwickauer Computerspiele-Ladens, in dem er, Mundlos, zeitweise gearbeitet habe.

Von welchem Laden die Rede war, fanden die Ermittler heraus, indem sie allen Spuren zu Computershops nachgingen. Übrig blieb jener Laden mit Niederlassungen in Zwickau, Chemnitz und Annaberg, dessen Logo man im Brandschutt der Wohnung an der Frühlingsstraße auf einer CD-Hülle gefunden hatte. Die zwischenzeitlich geschlossene Zwickauer Filiale hatte sich in der Innenstadt befunden vis à vis jener Neonazi-Boutique "Last Resort Shop", deren Betreiber auch in Kontakt zum Trio gestanden haben soll.

Hermann S. führte in der Zwickauer Filiale eine Zeit lang die Geschäfte, doch Inhaber war er nicht. Nach Holger G.'s Aussage hatten die NSU-Ermittler statt seiner zunächst den eigentlichen Betreiber der Computerläden in Zwickau, Chemnitz und Annaberg ihrer Beschuldigtenliste hinzugefügt: Den 36-jährigen Pierre J., dessen Chemnitzer Geschäft von der Staatsanwaltschaft erst vor Wochen erneut durchsucht wurde.

Pierre J. bestreitet jeglichen Kontakt zum Trio, wenngleich auch er auf Vergleichsfotos Uwe Mundlos als jenen "Andreas" erkannte, der im Zwickauer Laden regelmäßig vorbeigeschaut habe. Lang habe er sich dort aufgehalten, um mit Hermann S. zu reden. Diesen habe "Andreas" immer als Chef angesehen. Er selbst, sagte J., sei von "Andreas" als Inhaber nie für voll genommen worden. In Beate Zschäpe erkannte Pierre J. eine Kundin wieder, die sich unter dem Alias "Lisa Mohl" in seinen Geschäftslisten fand. Im Domizil des NSU-Trios hatten Ermittler das Gegenstück zum Kundenkartei-Eintrag entdeckt: eine Kundenkarte auf den Namen "L. Mohl".

Seit den Razzien Anfang 2012 bestreiten sowohl Pierre J. als auch sein ehemaliger Mitarbeiter Hermann S., die Mitglieder der Terrorzelle näher gekannt oder unterstützt zu haben. Dabei nahm, wie man aus anderen Zeugenaussagen weiß, zumindest letzterer es mit der Wahrheit nicht immer genau. Auch Ladeninhaber Pierre J. schob den Verdacht in Richtung seines Mitarbeiters. Hermann S. habe schließlich nicht nur für ihn Computerspiele verkauft, sondern auf eigene Rechnung mit allem Möglichen gehandelt: Motorräder, Möbel, Schmuck, Antikspielzeug. Einmal habe er auch eine Pistole bei ihm gesehen, deutsches Fabrikat, eine Walther, von der Hermann S. behauptet habe, es sei eine Schreckschusswaffe. Darauf angesprochen, räumte Hermann S. seinen Handel mit frei erhältlichen Waffen ein. Im Internet hatte er über die Plattform "Egun" Schusswaffen und Waffenbedarf angeboten. Bei jenen Geschäften, die die Polizei nachrecherchierte, handelte es sich um frei erhältliche, nicht um scharfe Waffen.

Auch "Andreas" habe zweimal eine Schreckschusswaffe von ihm gekauft, räumte Hermann S. ein. Der habe im Laden mitbekommen, wie er eine Pistole angekauft habe und diese später von ihm erworben. Ob Andreas gesagt habe, was er mit der Waffe anfange, wollten die Ermittler wissen. Habe er nicht, gab S. an. Dennoch hatte er gleich eine Antwort parat: "Es gibt viele Leute, die sich so was an die Wand hängen." Selbst im Laden seien ganz offiziell harmlose Plastikmodelle von Waffen verkauft worden. Diese dienten rein der Dekoration, so S. Zu was der hakenkreuzverzierte Dolch diente, den die Ermittler bei S. zu Hause entdeckten, blieb nebulös. Von einem Terror-Trio jedenfalls und von dessen Gesinnung habe er nie etwas mitbekommen, geschweige denn etwas mit scharfen Pumpguns zu tun gehabt, die in die Hände der Terroristen gelangt seien, beteuert S.

Im weiteren Verhör zog er sogar in Zweifel, ob Mundlos, dessen Bild man ihm zeigte, tatsächlich der Mann sei, den er als "Andreas" kannte. Das allerdings scheint eine Schutzbehauptung zu sein. Angesichts seiner Berichte gegenüber Freunden im Erzgebirge hatte er auf Mundlos' Fotos sehr wohl "Andreas" wiedererkannt. Einem Freund gegenüber hatte Hermann S. nämlich eingeräumt, dass er "die Drei aus dem Fernsehen" schon vorher gekannt habe. Seinem Freund gegenüber war S. offenherziger als bei der Polizei. Der Zeuge berichtete, Hermann S. habe erzählt, "die", also Mitglieder des Trios, hätten ihn vormals sogar darum gebeten, Geldscheine für sie zu wechseln. Ob es je zu einer Geldwäsche von mutmaßlich aus Überfällen stammendem Beutegeld kam, ist unklar.

Fakt ist, dass bei den mindestens 14 Raubüberfällen, die Mundlos und Böhnhardt zwischen 1998 und 2011 verübt haben sollen, mehrmals auch nummerierte Scheine über den Banktresen gingen. Dennoch waren niemals irgendwelche dieser gelisteten Scheine wieder aufgetaucht. Das hatte erst vor einigen Wochen der damals mit den Chemnitzer Banküberfällen betraute Chefermittler Gunter Rechenberg ausgesagt. Er war im NSU-Untersuchungsausschuss des sächsischen Landtags vernommen worden.

Noch ein weiteres Indiz lässt Hermann S.' Beteuerung, die Drei nicht näher gekannt zu haben, fragwürdig erscheinen. Immerhin entdeckten die Ermittler im Brandschutt der Wohnung im Haus Frühlingsstraße 26 noch einen Zettel, auf dem Hermann S.' Name nebst seinem Geburtsdatum vermerkt war. Auch der wievielte Geburtstag anstehe, stand dort. Die Notiz las sich wie ein gedächtnisstützender Merkzettel mit dem Zweck, Hermann S.' 35. Geburtstag keinesfalls zu vergessen.

So plausibel die Beteuerungen des Ladeninhabers Pierre J. in Chemnitz klingen mögen, mit den Dreien nichts zu tun gehabt zu haben, besagter Zettel aus dem NSU-Domizil lässt auch zu ihm Fragen offen. Auf dem Zettel war schließlich auch Pierre J.s Name vermerkt, nebst einer Chemnitzer Telefonnummer. Und bei dieser handelte es sich nicht um die eines seiner Läden. Nein, sie entpuppte sich als die Privatnummer. Somit stehen beide, Ladeninhaber J. und Filialleiter S. bei der Bundesanwaltschaft nach wie vor auf der Liste der Beschuldigten. Ob es zu einer Anklage kommt, ist, wie bei den sieben weiteren Beschuldigten, noch nicht sicher, sagte der Sprecher der Bundesanwaltschaft, Markus Köhler, der "Freien Presse": "Die Ermittlungen laufen noch."

Vater von Mundlos: Sicherheitsbehörden haben versagt

Der NSU-Untersuchungsausschuss im Thüringer Landtag hat gestern den Vater des mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Mundlos vernommen. Siegfried Mundlos warf den Behörden im Zusammenhang mit dem Abtauchen der Terrorzelle um Mundlos, Uwe Böhnhardt und und Beate Zschäpe im Jahr 1998 Versagen vor. "Man hätte die in den ersten vier Wochen fassen können", sagte der frühere Mathematikprofessor in Erfurt.

Im Münchner NSU-Prozess soll heute die Mutter des Neonazis Uwe Böhnhardt als Zeugin gehört werden. Brigitte Böhnhardt hatte das Trio nach eigenen Angaben bis Anfang Frühjahr 2002 mehrfach zusammen mit ihrem Mann in Sachsen besucht und sie nach Ansicht von Ermittlern auch mit Geld unterstützt. Von den Verbrechen habe sie aber keine Ahnung gehabt, sagte die Lehrerin einmal in einem ARD-Interview. (afp/dpa)

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...