Wer ist Beate Zschäpe wirklich?

Ihre Verteidiger wollen im Prozess zum Nationalsozialistischen Untergrund den Gutachter kippen, der über Psyche und Rolle der Frau zwischen zwei mordenden Neonazis befinden soll.

1München.

Ob Beate Zschäpe die mediale Aufmerksamkeit genoss, die sich im Oberlandesgericht München am Dienstag besonders auf sie richtete, ist nicht zu sagen. Ihr Blick jedenfalls wich den Kameras nicht aus. Geradewegs blickte die Hauptangeklagte im Prozess zum Terror des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) von ihrem Platz auf der Anklagebank in die Objektive.

Ähnlich forsch drängten auf der Zuschauer-Empore des Gerichtssaals 101 sechs Personen aus dem Thüringer NSU-Unterstützer-Umfeld teils im Thor-Steinar-Szene-Look auf freie Plätze im Journalistenblock. Offenbar wollten sie den Zeitungsleuten beim Mitschreiben in dem in die Schlussphase tretenden Prozess auf die Finger sehen. Unter diesen Neonazis befand sich der Altenburger Rechtsextremist Thomas G., dem Kameraden aus der sogenannten Hammerskin-Bruderschaft nach der "Freien Presse" vorliegenden Geheimdienst-Informationen eine Beziehung zur abgetauchten Zschäpe nachsagen. Thomas G. selbst behauptet, er habe vielmehr eine Beziehung zu Mandy S. aus dem NSU-Unterstützer-Netzwerk unterhalten. Den Namen der Schwarzenberger Friseurin hatte aber auch Zschäpe genutzt, als Alias.

Im Prozess ist der Punkt gekommen, an dem über Zschäpes Persönlichkeit und damit über ihre Rolle im abgetauchten Trio befunden wird. Der psychiatrische Gutachter Professor Henning Saß soll eine Einschätzung treffen. Zschäpe weigerte sich zwar beharrlich, sich von ihm begutachten zu lassen. Dennoch umfasst sein der "Freien Presse" vorliegendes vorläufiges Gutachten über 170 Seiten. Seine Erkenntnisse fußen hauptsächlich auf der Beobachtung Zschäpes während des inzwischen dreieinhalb Jahre andauernden Prozesses. Sie nehmen aber auch Bezug auf Zeugenaussagen über Zschäpes Charakter und auf ihre eigene Selbstdarstellung.

Saß soll die wichtigste Frage beantworten helfen: Stimmt Zschäpes Version, die sie in von ihren Anwälten verlesenen Erklärungen abgab. Dort präsentierte sie sich eher als Opfer, von den beiden mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt beeinflusst und entgeistert, aber hilflos angesichts der zehn Morde der beiden. Zschäpe als Opfer, das aus Liebe zu Böhnhardt und aus Pflichtgefühl gegenüber beiden Uwes, die sie als ihre "Familie" ansah, nicht aus der Dreiecksbeziehung ausbrechen konnte? Oder stimmt nicht vielmehr die Einschätzung der Bundesanwaltschaft? Diese sieht in Zschäpe eine Virtuosin der Manipulation. Eine Frau, die das "emotionale Zentrum" einer Menage à trois war, eines explosiven Dreiecks, zusammengeschweißt durch die Umstände des Abgetauchtseins. Mit beiden Uwes hatte Zschäpe noch vor dem Abtauchen aus Jena 1998 Liebesbeziehungen unterhalten. Inwiefern war es angesichts dessen nicht vielmehr sie, die nach dem Ende der Beziehungen die beiden Männer beeinflusste oder gar zu steuern vermochte?

Als Beleg für letztere Sichtweise dienen nicht nur zahlreiche Aussagen von Szene-Zeugen, sondern auch ein Brief, den Zschäpe aus der Haft heraus an einen Dortmunder Neonazi schrieb. In diesem schüttete sie zwar tagebuchartig ihr Herz aus, betonte aber zugleich ihr Durchsetzungsvermögen im Umgang mit Männern. Habe Zschäpe sich in den verlesenen Erklärungen vor Gericht als schwaches Anhängsel der Uwes präsentiert, zeige der Brief wohl ihren wahren Charakter, deutete Opferanwalt Alexander Hoffmann am Dienstag an. Im Brief an den Szene-Kameraden zeichne sie das Bild einer "selbstbewussten, selbstbestimmten Frau" , die in ihrer Selbstüberschätzung sogar zur "Überheblichkeit" neige, sagte Hoffmann. Ein Zug, der zur Opferrolle überhaupt nicht passen will.

Zschäpes Verteidigerin Anja Sturm unterbrach Hoffmanns Erklärung und forderte den Ausschluss der Öffentlichkeit. Immerhin offenbare eben jener Brief zu schützende Bereiche der Persönlichkeit ihrer Mandantin. Hoffmann zog seine Erklärung zunächst zurück, wenngleich es natürlich auch im psychiatrischen Gutachten um tiefe Einblicke in die Persönlichkeit der Angeklagten geht. Nicht überraschend setzte Zschäpe-Verteidiger Wolfgang Heer also auch dazu an, das Gutachten des Psychiaters zu kippen. In einem Antrag warf Heer dem renommierten Psychiatrie-Professor "methodische Fehler" vor und forderte seine Entbindung. Statt seiner benannte er einen eigenen Wunsch-Gutachter. Der Hauptpfeiler von Heers Argumentation provozierte einige Lacher im Saal. Als Dreh- und Angelpunkt der Fehlerhaftigkeit des Gutachtens machte Heer eben die "fehlende Exploration" Zschäpes aus, also eine Begutachtung in gemeinsamen Gesprächen, die ja nur unterblieben war, weil Zschäpe sich ihr verweigerte. Hätte Heers Einwand Erfolg, hieße das künftig: Angeklagte können erzwingen, ihre Gutachter selbst auszusuchen.

Heers Vorlesen seines 33-seitigen Antrags fraß am Dienstag den Großteil des 331. Verhandlungstages. Zum Schluss machte der Verteidiger klar, wozu sich Saß eben auf keinen Fall äußern könne: zur Frage, ob eine Sicherungsverwahrung Zschäpes nach einer Verurteilung nötig sei. Richter Manfred Götzl unterbrach danach die Verhandlung. Sie soll am Mittwoch fortgesetzt werden.

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