Ein Heim, ein Dorf, ein Stasimann

In der DDR verhörte Wilfried Pohl Republikflüchtlinge, heute betreibt er Flüchtlingsunterkünfte. Auch in Neudorf im Erzgebirge sollte er ein Haus übernehmen und stieß auf heftige Ablehnung. Nun soll ein neuer Betreiber einspringen - Gemeinde und Landkreis haben dem Druck anonymer Kritiker nachgegeben.

Neudorf/Radebeul. Das Flugblatt tauchte in der Weihnachtszeit auf. "Leute wehrt euch ... wacht auf - für Euch, für Eure Familien, für Eure Kinder!", lautet die Aufforderung auf dem Handzettel. Es wird informiert: "Unser Bürgermeister arbeitet auf der Suche nach neuen Asylbewerberunterkünften in unserem schönen Sehmatal mit dem ehemaligen Stasi-Offizier Wilfried Pohl Hand in Hand." Der Mann kenne sich bestens mit Flüchtlingen aus, "da er zu DDR-Zeiten sein Geld mit der Jagd auf Republikflüchtlinge verdiente". Pohl sei einer der skrupellosesten Peiniger gewesen, die das SED-Regime hervorbrachte, behaupten die anonymen Verfasser und wettern: "Dieser Herr Pohl wird tatsächlich wieder vom Staat und somit von unseren Steuergeldern bezahlt!"

Überall im Land herrscht Notstand bei der Aufnahme von Flüchtlingen. Auch der Erzgebirgskreis muss eine wachsende Anzahl an Menschen unterbringen. Knapp zwei Dutzend Asylbewerber hat er der 6600-Einwohner-Gemeinde Sehmatal zugewiesen. Die fand als Unterkunft ein marodes Haus im Ortsteil Neudorf am Fuße des Fichtelbergs, das eigentlich abgerissen werden sollte. Es wurde notdürftig hergerichtet; Ende Februar sollen dort 16 Flüchtlinge einziehen.

Als die Gemeinde die Pläne Anfang Dezember auf einer Informationsveranstaltung bekannt machte, schlugen ihr heftige Vorbehalte entgegen. Bürgermeister Andreas Schmiedel (Freie Wähler/Bürgerforum) sprach von Humanität und Solidarität, doch aus der Bürgerschaft hieß es, man brauche keine Wirtschaftsflüchtlinge. "Die sich nicht an Recht und Ordnung halten, haben nichts bei uns zu suchen", lautete eine Ansage. Andere sorgten sich: "Was ist, wenn diese Leute unbekannte Krankheiten einschleppen?"

Auf der Versammlung stellte sich auch der potenzielle Betreiber des Hauses vor: Wilfried Pohl, 59, Geschäftsführer der in Radebeul ansässigen ITB-Dresden GmbH. ITB steht für Immobilienbetreuungs-, Tourismus- und Beherbergungsgesellschaft. Hinter der Chiffre Beherbergung verbirgt sich eines der Hauptstandbeine der Firma mit 60 Mitarbeitern: der Betrieb von Asylbewerberheimen. Sieben Häuser in Sachsen mit weit über 1000 Flüchtlingen stehen in Verantwortung der ITB, darunter im Erzgebirgskreis das Heim in Drebach. In Neudorf sollte die Firma ein weiteres, wenn auch kleines Haus verwalten. Es geht, wie sonst auch, um Hausmeisterdienste, nicht um soziale Betreuung. Doch plötzlich wird alles anders, als nach der Einwohnerversammlung im Dezember das Flugblatt auftaucht, mit dem Hinweis: "Für mehr Informationen einfach bei Google Stasioffizier Wilfried Pohl eingeben".

Wer das tut, stößt im Netz auf einen Artikel der Tageszeitung "Die Welt" vom September vergangenen Jahres. Das Blatt hatte ein ganzes Team von Journalisten auf Wilfried Pohl angesetzt. Die fanden durchaus Spannendes heraus: Der gelernte Dreher und einstige Student der Kriminalistik hatte es in der DDR bis zum Hauptmann des Ministeriums für Staatssicherheit gebracht. Und er war damals offenbar an den Verhören einer jungen Mutter beteiligt, die später als "Frau vom Checkpoint Charlie" berühmt werden sollte.

Im Sommer 1982 wollte Jutta Fleck, die damals Jutta Gallus hieß, mit ihren beiden Töchtern aus Dresden über Rumänien und Jugoslawien in die Bundesrepublik flüchten. Sie wurden jedoch in Bukarest verhaftet und zurück in die DDR gebracht. Die Töchter lebten fortan bei ihrem Vater, von dem sich Jutta Gallus getrennt hatte. Sie selbst landete in der Untersuchungshaft der Dresdner Stasi-Zentrale. Wegen eines schweren Falles von "Republikflucht" wurde sie zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Nach dem Freikauf durch die Bundesrepublik kämpfte sie von Westberlin aus um ihre Töchter. An die monatelangen Verhöre durch MfS-Mitarbeiter in der Bautzener Straße in Dresden kann sich die heute 68-Jährige noch gut erinnern. Der "Welt" sagte sie über Wilfried Pohl: "Das war einer der Schlimmsten."

Wenn man den einstigen Stasi-Vernehmer heute befragt, hat er Schwierigkeiten mit der Erinnerung. Ja, er habe im September 1982, als Jutta Gallus in der Bautzener Straße einsaß, beim MfS in Dresden angefangen - "als Lehrling", wie er sagt. Ob er die Frau tatsächlich verhört hat, könne er nicht mehr sagen. "Was aber mit Sicherheit nicht stimmt: dass ich der Schlimmste war." Schließlich habe er in der Position auch keine Karriere gemacht, sei anderthalb Jahre später versetzt worden. Fortan sei er nur noch für die Zusammenarbeit mit Zoll und Volkspolizei zuständig gewesen, nicht mehr für Vernehmungen von Regimegegnern. Warum der Wechsel? "Vielleicht habe ich meine Arbeit dort nicht gut gemacht."

Wilfried Pohl will eigentlich nicht mehr mit Journalisten reden. Sein Foto in der Zeitung lehnt er ab. Er beklagt die tendenziöse Berichterstattung der "Welt", vor deren Reporter er in stundenlangen Gesprächen sein ganzes Leben ausgebreitet habe. In dem Artikel hieß es auch, seine Heime sorgten immer wieder mit menschenunwürdigen Bedingungen für Schlagzeilen. Tatsächlich ging es um ein Haus in Oberursel im hessischen Hochtaunuskreis, das Pohls zweite Firma S & L betreibt. Dort sei eine Container-Notlösung zum Dauerzustand geworden, verteidigt sich Pohl. Er habe Alternativen aufgezeigt, um die Missstände zu beheben, doch es gehe nicht voran. Das Landratsamt in Bad Homburg bestätigt Verzögerungen. Es gebe Probleme mit den Grundstücksverhältnissen, man wolle aber demnächst ausschreiben und neu bauen.

In dem "Welt"-Artikel wird auch die Frage aufgeworfen, ob man Flüchtlinge aus Terror- und Unrechtsstaaten, aus Krieg und Elend, den Kadern der letzten Diktatur auf deutschem Boden überlassen dürfe. Pohl findet es unangemessen, seinen Fall so zuzuspitzen. Er werde als unverbesserlich dargestellt, das sei nicht so. Er habe seine Schlüsse aus der Geschichte gezogen. "Ich würde aus heutiger Sicht vieles anders machen." In vielen offenen Gesprächen habe er sich mit den zuständigen Behörden in den Landkreisen Vertrauen erworben.

Im Erzgebirgskreis sagt Landrat Frank Vogel (CDU): "Bisher verläuft die fachliche Zusammenarbeit zwischen Behörde und ITB reibungslos." Bereits seit vielen Jahren unterhalte man vertragliche Beziehungen mit der Firma. Von der Stasi-Vergangenheit des Geschäftsführers will Vogel im August vergangenen Jahres erfahren haben. Doch nun rückt er ein Stück ab von Wilfried Pohl. In Neudorf soll ein anderer Heimbetreiber zum Zug kommen.

Bürgermeister Schmiedel hat den Mietvertrag für das Haus Siedlung 2 mit der Firma ITB nicht unterschrieben. Er kritisiert zwar die Flugblattaktion: "Ich kann nicht verstehen, warum dieser anonyme Weg gewählt wurde." Zugleich gab er aber dem Druck nach. Indirekt verweist er auf die Stimmung im Umfeld der Pegida-Demonstrationen. "Angesichts der politischen Großwetterlage mussten wir reagieren."

Der Bürgermeister fand den Verein "Schwach und stark" in Ehrenfriedersdorf, der nun einspringen soll. Der könne überdies weit mehr tun als die Firma ITB mit ihren reinen Hausverwaltertätigkeiten. Es gehe auch um andere Dinge als die reine Unterbringung: Wer betreut die Fremden? Wer begleitet sie bei Arztbesuchen und anderen Behördengängen? Wie können sie im Ort integriert werden? Wer vermittelt ihnen Deutschkenntnisse? Der Landrat habe diesem Vorgehen zugestimmt, so der Bürgermeister. Allerdings mit der Maßgabe, dass eine solche Einzelfallregelung die "absolute Ausnahme" bleibe.

Das klingt nachvollziehbar. Aber es gibt Leute, die hinter der Kritik an Wilfried Pohl eine andere Motivation vermuten. "Die Heimat Erzgebirge ist für alle da" - so heißt eine Facebook-Gruppe, die "Gastfreundschaft statt Fremdenhass" fordert. Zu dem anonymen Flugblatt schreiben die Betreiber: "Man muss kein Hellseher sein, um die eigentliche Intention hinter dem Schreiben zu erkennen: die Absicht, eine Unterbringung von Asylbewerbern zu verhindern, indem man den Gebäudeverwalter durch Rufmord aus dem Verkehr zieht." Aber auch die Autoren dieser Zeilen geben sich nicht zu erkennen. Im Erzgebirge hat man offensichtlich ein Problem, beim Flüchtlingsthema Gesicht zu zeigen.

Wilfried Pohl scheut sich davor nicht. Er sagt: "Fast 60 Jahre Leben in wenige Sätze zu packen, ist recht schwierig." Deshalb bot er dem Gemeinderat Sehmatal an, sich zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen zu äußern. Dazu kommt es nun nicht mehr. Morgen will Bürgermeister Schmiedel den Gemeinderat über den neuen Betreiber informieren.

 

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1Kommentare
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    Frohnau
    04.02.2015

    tja ist das alles denn wirklich so neu ?
    Ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Sind denn die Neudorfer tatsächlich so uninformiert?
    Im ganzen Artikel verstehe ich nur eine Sache und das ist die mit den "Zuzügern".
    Alles andere ist doch wohl so gewollt oder.
    Was für "Leute" haben sich den die Amis geholt?
    Stichwort "Rosenholzdatei" und dann gibt es noch Repräsentanten Deutschlands welche ... aber das sollten doch vor allem die Neudorfer Christen am besten wissen.
    Also was soll der Krieg um so ein Würstchen!

    Glück auf !



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