Nutztierhalter rüsten auf, um sich vor dem Wolf zu schützen

Nachdem im Februar ganz Sachsen zum Wolfsgebiet erklärt wurde, hat jetzt auch Thüringen ein erstes Gebiet ausgewiesen. Die Förderanträge für Schutzmaßnahmen zeigen die Ängste vor Übergriffen.

Chemnitz. 170 Nutztierhalter im Bezirk Chemnitz haben im vergangenen Vierteljahr beim Freistaat Fördermittel beantragt, um ihre Schaf- und Ziegenherden oder auch Wildgatter vor möglichen Wolfsübergriffen zu schützen. Seit der Freistaat im Februar ganz Sachsen zum Wolfgebiet erklärt und damit signalisiert hat, dass das streng geschützte Raubtier in absehbarer Zeit wohl in allen Regionen auftauchen wird, wollen viele nicht warten, bis Isegrim ihre Herden heimsucht. Das bestätigte das zuständige Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) in Dresden. Aus ganz Sachsen seien bisher 320 Anträge eingegangen. "Das zeigt die große Bereitschaft der Tierhalter, Vorsorge zu treffen", sagte Sprecherin Karin Bernhardt. Aus dem Erzgebirgskreis liegen rund 40, aus den Landkreisen Mittelsachsen und Zwickau je 50 Anträge vor. Aus dem Vogtland waren es bis gestern 25.

Einer der dort noch zögert, ist Gunter Rauh. Der Plauener besitzt in Kröstau bei Weischlitz ein Damwild- und ein Schwarzwildgatter von zusammen vier Hektar Fläche. Er würde gern seinen Wildzaun mit einem Unterwühlschutz versehen, um zu verhindern, dass sich ein Wolf unter dem Zaun hindurchbuddelt. Bei der preiswertesten Variante käme er auf 5000, bei der teuersten mit Gräben und Stahlgittern auf 15.000 Euro Kosten.

Die Tücken der Förderung

Eine 80-prozentige Förderung durch den Freistaat nach Vorlage der Rechnungen hat ihm das zuständige Förder- und Fachzentrum Zwickau zugesagt. Von den restlichen 20 Prozent, die in den nächsten zwei Jahren laut Umweltministerium die Heiz-Sielmann-Stiftung aufbringen will, sei keine Rede gewesen. Da er die Tierhaltung im Nebenerwerb betreibt, bliebe er zudem auf der Mehrwertsteuer sitzen. "Das heißt, ich muss 40 Prozent der Ausgaben selbst tragen", rechnet Rauh vor. Aus diesem Grund zögert er noch. Er weiß aber, dass der Freistaat nur für Schäden durch Wolfsrisse aufkommt, wenn der betroffene Nutztierhalter Vorsorge getroffen hat.

Karin Bernhardt vom LfULG versichert, dass die Sielmann-Stifung zu ihrer Zusage steht. Es würde gerade die Frage geklärt, auf welchem Weg der Antragsteller diese 20-prozentige Restförderung bekommt: "Auch das wird dann jedem über die Zwickauer Förderstelle mitgeteilt."

Unterdessen gibt es weiter Kontroversen darüber, wie viele Wölfe der Freistaat und Deutschland überhaupt verträgt. Den Wolfsbeauftragten des Landesjagdverbandes Sachsen, Friedrich Noltenius, der das Wolfsmonitoring innerhalb der Jägerschaft koordiniert, hat ein jüngster Vorfall nachdenklich gestimmt. Im Altkreis Bischofswerda sei ein Wolf offenbar mehrmals über den 2,10 Meter hohen Wildzaun eines Damwildgatters geklettert. Keiner habe das bisher für möglich gehalten. Acht tragende Hirschkühe seien dort seit März gerissen worden. Er habe in Absprache mit dem Tierhalter nun zwei Fotofalle installiert, die den gewieften Täter dokumentieren sollen. "Mich wundert es nicht, dass inzwischen 95 Prozent der Landbevölkerung den Wolf ablehnen", meint Noltenius.

Jägerschaft bleibt skeptisch

Unter den Jägern, die er auch heute bei einer Veranstaltung der Hegegemeinschaft Tharandter Wald für das Wolfsmonitoring motivieren will, reiche die Stimmung in Sachen Wolf von strikter Ablehnung, über zähneknirschende Duldung bis hin zu Resignation. "Ich als Jäger spreche keinem Wildtier das Recht auf Leben ab, erst recht keinem streng geschützten. Aber es muss die Frage erlaubt sein: Wieviel Wölfe können wir uns in einem Land mit kaum ungenutzten Flächen leisten?"

Während das Bundesumweltamt in Deutschland Platz für 440 Wolfsrudel sieht, sprechen andere Stellen von 1000 oder gar 1200 Rudeln. Man werden in den nächsten Jahren nicht umhinkommen, in die Wolfspopulation einzugreifen. "Aus meiner Sicht muss bei einer normalen Vermehrungsrate von durchschnittlich 4,5 Jungen der Bestand um 35 Prozent reduziert werden", sagt Noltenius. 2014 wurden in Sachsen zehn Rudel und zwei Paare bestätigt.

Fragen zur Förderung an das Förder- und Fachbildungszentrum Zwickau des LfULG, Besucheradresse: Werdauer Straße 70, 08060 Zwickau, Telefon: 0375 5665-0,
E-mail: zwickau.lfulg@smul.sachsen.de

Zwickauer Wölfin lebt jetzt in Thüringen

Inzwischen ist der Wolf auch in Thüringen angekommen. Es handelt sich um die 2014 im Landkreis Zwickau nachgewiesene Wölfin, die offenbar weiter gezogen ist. Das Thüringen Umweltministerium hat daraufhin rund um den Truppenübungsplatz Ohrdruf ein 2800 Quadratkilometer großes Wolfsgebiet ausgewiesen. Dort erhalten Nutztierhalter eine 75-prozentige Förderung für Schutzmaßnahmen.

Zu Pfingsten waren in einem Dorf im Kreis Gotha fünf Schafe getötet und sieben verletzt worden. Auch bei einem im Wartburgkreis getöteten Kalb wird ein Wolf als Täter vermutet. Ob es inzwischen mehr als den Zwickauer Isegrim gibt, ist noch unklar. (gt)

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3Kommentare
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  • 1
    1
    gelöschter Nutzer
    05.06.2015

    Ihr Hater. Das ist FP, nicht FB.

    Ich fand den Beitrag interessant.
    Und auch lustig weil ich so viele Parallelen zu üblichen FP Artikeln sehe.
    Bald gibt es TEGISW. Tierliebe Europäer gegen die isegrimmiesierung der Schafsweide. ...und Gegendemos.

  • 2
    0
    575042
    05.06.2015

    Sind jetzt all diejenigen, die zur Ernährung Fleisch brauchen im strafrechtlichen Sinne als Täter anzusprechen ? Vielleicht schafft es ja die "Freie Presse" irgend wann auch noch einmal, einen kompetenten Journalisten mit dem Thema Wolf befassen zu lassen ;-). Frau Thieme ist in diesem Sinne wohl eher die falsche Besetzung.

  • 3
    1
    05.06.2015

    Sehr geehrte Frau Thieme, vielleicht sollte man sich im Vorfeld zu solchen brisanten Themen besser informieren. Die Tiergattung "Dammwild" ist mir mehr als ungeläufig.



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