Unister-Falschgeldprozess auf der Zielgeraden

Einen Falschgeld-Deal im Juli 2016 haben vier Beteiligte mit dem Leben bezahlt. Ein fünfter, dessen Anteil an dem Betrug gerade verhandelt wird, fuhr knapp zwei Wochen später ins Untersuchungsgefängnis ein. Das Urteil im Prozess vor dem Leipziger Landgericht wird für nächsten Dienstag erwartet.

Leipzig. Am fünften Verhandlungstag im Unister-Falschgeldprozess berichteten am Mittwoch zwei Kriminalisten, wie sie auf Wilfried S. aufmerksam wurden, die Wohnung des S. in Unna durchsuchten und den Verdächtigen in Haft nahmen.
 
Unmittelbar nach dem Absturz des Flugzeugs, das der Unister-Chef Thomas Wagner gechartert hatte, um nach Venedig zu fliegen und den betrügerischen Kreditgeber zu treffen, begann die italienische Polizei mit der Sicherung von Beweismitteln. Der Hinweis auf den Kreditvermittler Wilfried S., der nun in Leipzig vor Gericht steht, kam vom Bundeskriminalamt, das Emails aus mehreren Quellen ausgewertet hatte. Am 28. Juli 2016 um 7.40 Uhr stand ein sächsischer Ermittlertrupp in Unna vor der Tür des S. Die Durchsuchung der Wohnung dauerte viereinhalb Stunden.
 
Der damalige Truppführer sprach am Mittwoch von einer 200-Quadratmeter-Eigentumswohnung, die der angeklagte Finanzvermittler mit seiner Frau in Unna bewohnte. S. wurde an jenem Tag festgenommen und in seinem Wohnort dem Haftrichter vorgeführt. Seine Frau hat die Wohnung, die ihr allein gehörte, inzwischen verkauft.
 
Durchsucht wurde einige Tage nach der Wohnung des S. auch das Domizil des Dortmunder Finanzvermittlers Heinz B., der bei dem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war. Hier stellten die Ermittler fünf Millionen Dateien sicher, aus denen sie die Anbahnung des Geschäfts teilweise rekonstruieren konnten. Die Ausdrucke füllen drei Aktenordner. Neben dem Unister-Deal hatte sich B. offenbar mit Diamantenhandel, Geld- und Autogeschäften befasst. Die Rede war von einem Tauschgeschäft über 250 Millionen Dinar und vom Handel mit Mercedes und Bugatti. Vor dem Unister-Deal war der Vermittler klamm. Mit dem ominösen Kredit hatte sich nicht nur der Unister-Chef, sondern auch B. finanziell Luft machen wollen.
 
Aus Emails von B. geht hervor, dass dieser offenbar den Charter des Kleinflugzeugs vermittelt hat, das für ihn selbst, Unister-Chef Wagner, Unister-Gesellschafter Oliver Schilling und den Piloten zur Todesfalle wurde.
 
Den Ermittlern liegen auch Handy-Verbindungsdaten der Beteiligten über die gesetzlich erlaubten drei Monate vor. Sie zeigen zum Beispiel, mit wem und wie oft Wilfried S. von April bis Juli 2016 Kontakt hatte. Anhand ausgelesener Handy-Geodaten wurde rekonstruiert, wann S. in Richtung Slowenien unterwegs war. In Ljubljana wickelte der Kontaktmann von S., der angebliche israelische Diamantenhändler Levy Vass, einen Teil seiner ominösen Geschäfte ab.
 
Ein Hamburger Geschäftsmann, der Ende Juni 2016 ein Gespräch mit B. und Wilfried S. über das Levy-Vass-Kreditmodell geführt hatte, sagte am Mittwoch aus, S. sei als direkter Kontaktmann zu Vass aufgetreten. Positive Referenzen habe er auf wiederholte Nachfrage hin nicht vorweisen können, weshalb für ihn, den Investment-Experten, das vorgeschlagene Geschäft "dubios" und keine Überlegung wert gewesen sei.
 
Das Auftreten des Wilfried S. bei dem Gespräch in Hannover nannte der Zeuge befremdlich: "S. passte dort überhaupt nicht hinein. Keine Visitenkarte, schmieriger Nadelstreifenanzug. Er hätte mir dort auch die Haare schneiden können." Bei dem Gespräch hätten B. und S. auch von einem kommenden, größeren Deal gesprochen. Damit war womöglich der Unister-Kredit gemeint.
 
Die persönlichen Verhältnisse des 69-jährigen S. sind von einer Privatinsolvenz geprägt, die nach dem Zusammenbruch einer früheren Firma, die Gesundheitsliegen herstellte, eröffnet worden war. Vor Gründung dieser Firma, der Thomsen GmbH, war S. als Angestellter im Außendienst für die Zigaretten- und die Pharmaindustrie tätig. Seit 2011 bezieht er Altersrente.
 
Bei Durchsicht der Fundstücke aus der Wohnung von Wilfried S. stolperte der Vorsitzende Richter Norbert Röger am Mittwoch über einen spanischen Kontoauszug, der die Überweisung von zehn Millionen Euro an Wilfried S. zu bestätigen schien. S. sagte, das sei ein Scherz gewesen, ein Jux unter Freunden. Deshalb habe er das Papier in seinem Büro aufbewahrt: "So viel Geld hätte ich doch gerne gehabt!"
 
Auf die Zeugenvernehmung eines Schweizer Diamantenhändlers, der seit Wochen unerreichbar ist, haben die Prozessbeteiligten am Mittwoch endgültig verzichtet. Kommenden Dienstag folgen die Plädoyers, das Urteil wird am Dienstagnachmittag erwartet.
 

 

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