500.000 Notfälle pro Jahr durch falsche Medikamenten-Einnahme

Die Hälfte der Wechselwirkungen wäre vermeidbar, sagt ein Aktionsbündnis. Ab Oktober soll es mehr Sicherheit beim Arzt geben.

Berlin/Chemnitz.

Medikamente können nicht nur Krankheiten heilen, sie können auch großen Schaden anrichten. Laut einer Studie des Bundesinstituts für Arzneimittel sind in Deutschland pro Jahr rund 500.000 Notaufnahmen in Krankenhäuser auf falsche Medikation zurückzuführen. Knapp fünf Prozent der Patienten sterben daran.

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit, ein Zusammenschluss von Vertretern der Gesundheitsberufe und von Patientenorganisationen, hält die Hälfte aller unerwünschten Arzneimittelwirkungen für vermeidbar. Anlässlich des heutigen Tages der Patientensicherheit stellen ambulante, stationäre und Pflegeeinrichtungen ihre Konzepte für mehr Medikamentensicherheit vor. "Besonders fehlerbehaftet ist der ambulante Bereich", sagt Bündnis-Vorsitzende Hedwig-Francois Kettner. 90 Prozent der Medikationsfehler würden dort passieren.

So nehmen vor allem ältere Patienten viele Mittel von unterschiedlichen Ärzten gleichzeitig ein. Hinzu kommen frei verkäufliche Pillen: 38 Prozent aller Arzneipackungen geben Apotheken laut Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände ohne Rezept ab. "Es fehlt eine Schnittstelle, die einen Überblick über die Medikation eines Patienten ermöglicht, um Wechselwirkungen zu vermeiden", sagt Professor Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.

In Sachsen gibt es seit Juli eine Arzneimittelinitiative (Armin), die diese Forderung erfüllt. Allerdings können sich bisher nur AOK-Plus-Versicherte an dem Modellprojekt beteiligen, die mehr als fünf Arzneimittel gleichzeitig einnehmen. Ein Arzt und ein Apotheker ihrer Wahl betreuen sie. Alle Arzneimittel werden gespeichert und auf Wechselwirkungen geprüft. Ab Oktober allerdings haben deutschlandweit alle Versicherten, die mehr als drei Arzneimittel gleichzeitig nehmen, das Recht auf einen gedruckten Medikationsplan vom Arzt. Ab 2018 sollen dann arzneimittelbezogene Daten auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert werden. In Krankenhäusern sind es nicht nur Zeit- und Personalmangel, die unerwünschte Arzneimittelwirkungen fördern. "Oft herrscht auch eine reformbedürftige Hierarchie. Es gilt, ein Klima zu schaffen, in dem jeder kritische Themen ohne Angst ansprechen kann", sagt Kettner. Und sie fordert Gremien oder Personen, die ausschließlich für die Arzneimittelsicherheit im Krankenhaus verantwortlich sind. Das sind zum Beispiel Stationsapotheker.

In Sachsen gibt es spezielle Stellen dafür an den Unikliniken Dresden und Leipzig sowie am Klinikum Chemnitz. Sie können Unheil verhindern. "In Dresden wurden im ersten Quartal 2016 bei 8000 Patienten 4100 arzneimittelbezogene Fehler identifiziert", sagt Stationsapothekerin Stephanie Braun. "Alle Wechselwirkungen werden nie zu verhindern sein", weiß Hedwig-Francois Kettner. 10.000 Todesfälle seien aber vermeidbar.

Interview: Verkannte Nebenwirkungen

Ein Arzneimittelexperte über mangelndeSorgfalt, unkritischen Medikamentenkonsum und fehlende Kontrolle

Chemnitz. Alle vier Sekunden wird in Deutschland ein Medikament falsch verordnet oder angewendet, hat das Aktionsbündnis Patientensicherheit ermittelt. Die Folgen können schwerwiegend sein. Darüber hat Stephanie Wesely mit dem Vorsitzenden der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Professor Wolf-Dieter Ludwig, gesprochen.

Freie Presse: Wo passieren die meisten Fehler bei der Arzneimittelbehandlung?

Wolf-Dieter Ludwig: Die ärztliche Verordnung ist am stärksten fehlerbehaftet. Oft kennt der behandelnde Arzt zum Beispiel nicht die Laborwerte des Patienten und die von ihm bereits eingenommenen Medikamente oder übersieht Allergien. Auch Vorerkrankungen des Patienten sind oft nicht ausreichend bekannt.

Ist daran die berühmte Fünf-Minuten-Sprechstunde schuld?

Der gegenwärtige Zeit- und Personalmangel ist auf jeden Fall ein wichtiger Faktor bei Medikationsfehlern. Trotzdem möchte ich die ärztliche Behandlung heute nicht als Fünf-Minuten-Medizin diffamieren. Denn auch der Patient hat Verantwortung für seine Sicherheit. Er sollte Medikamente, die er von anderen Ärzten bekommt oder selbst kauft, seinem Arzt immer mitteilen.

Ab Oktober haben Patienten, die drei oder mehr Medikamente täglich nehmen, Anspruch auf einen Medikationsplan. Ist das der große Wurf?

Das wissen wir noch nicht. Es ist zumindest ein richtiger Schritt. Aber erfolgreich ist der Medikationsplan nur, wenn er konsequent geführt wird - also wenn der Patient ihn zu jedem Arzt mitnimmt und auch frei verkäufliche Mittel in der Apotheke, und seien es nur Vitamine, dort eintragen lässt. Genauso wichtig ist es, dass der Arzt Veränderungen im Medikationsplan dem Patienten gründlich erklärt. Auch der Apotheker, wenn er aufgrund von Rabattverträgen ein anderes als das vom Arzt vorgeschlagene Mittel ausgibt.

Wie viele verschiedene Arzneimittel kann man gleichzeitig einnehmen, ohne dass die Wirksamkeit gefährdet ist?

Es wäre schön, wenn wir das wüssten. Fakt ist aber, dass ab drei Medikamenten das Risiko für Wechselwirkungen und auch für Nebenwirkungen steigt. Wir wissen, dass Ärzte mitunter Nebenwirkungen von Arzneimitteln nicht als solche erkennen, sondern darin eine neue Erkrankung sehen und ein weiteres Medikament dagegen verordnen. Außerdem, welcher Arzt kennt schon die Wechselwirkungen aller Medikamente? Derzeit sind 20.000 verschreibungspflichtige Mittel auf dem Markt. Ärzte sind zunehmend auf elektronische Verordnungssysteme angewiesen, um Symptome, die der Patient schildert, als Wechselwirkung zu erkennen.

Was sind das für Symptome, die die Patienten dann schildern?

Häufig Übelkeit, Erbrechen, Verdauungsprobleme, auch Herz-Kreislauf-Beschwerden und Schwindel. Oft zeigen sich auch Blutbildveränderungen sowie Hautprobleme.

Sollten sie die Mittel absetzen?

Nicht eigenmächtig, sondern nur nach Rücksprache mit dem Arzt. Dabei muss es das Ziel des Arztes sein, so wenig wie möglich Medikamente zu verordnen.

Viele Medikationsfehler passieren auch im Krankenhaus. Was sind die Ursachen?

Sie sind auch oft durch Zeit- und Personalmangel verursacht. Das Vier-Augen-Prinzip beim Stellen der Medikamente ist nicht immer möglich. Auf Station sollte es grundsätzlich einen Apotheker oder Verantwortlichen für die Fragen der Medikamentensicherheit geben. Dafür plädieren wir schon lange, finden aber wenig Gehör, denn das kostet Geld.

In Sachsen gibt es bereits Stationsapotheker.

Das begrüße ich sehr. Da soll mal einer sagen, Sachsen sei nicht fortschrittlich.

Medikationsfehler gehen oft auch auf Verwechslungen zurück. Welche Mittel werden besonders häufig verwechselt?

Es gibt einige Medikamente, die einen ähnlichen Namen oder ein ähnliches Aussehen haben, aber grundverschiedene Wirkstoffe enthalten. Zum Beispiel Lisino und Lisinopril. Das eine ist ein Allergiemittel, das andere gegen Bluthochdruck.

Lässt sich da nicht auch durch den Hersteller etwas machen?

Leider nein, denn wir haben keine Handhabe gegenüber den Herstellern. Sie sind angehalten, keine verwechselbaren Namen zu verwenden. Bei einigen haben wir auch schon Erfolge erzielt. Doch es gibt keinen Zwang.

Sollten nicht generell alle Medikamente nach ihrer Zulassung weiter überprüft werden?

Arzneimittel werden heute häufig schneller als früher zugelassen. Und die Zulassungsstudien werden bei Patienten in gutem Allgemeinzustand gemacht. Eine Langzeitbeobachtung ist deshalb sehr wichtig. Viele der heute schnell zugelassenen Mittel stehen unter weiterer Beobachtung. Man kann das an einem auf dem Kopf stehenden schwarzen Dreieck in der Fachinformation oder auf der Packungsbeilage erkennen. Jede Nebenwirkung bei diesen Medikamenten sollte der Arzneimittelkommission oder den Bundesoberbehörden wie dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte gemeldet werden.

Daten über Fehler in der Arzneimittelbehandlung sind schwer zu finden. Wie kommt das?

Die Kriterien über für die Erfassung sind leider sehr unterschiedlich. Seit 2015 gibt es ein vom Bundesgesundheitsministerium gefördertes Projekt bei der Arzneimittelkommission, mit dem anonym, ohne Schuldzuweisung an den Arzt und unter Beachtung des Datenschutzes für den Patienten Medikationsfehler erfasst werden. Mit Ergebnissen rechnen wir ab 2018. Jetzt kann ich nur an alle Gesundheitsberufler appellieren, alle Medikationsfehler zu melden. Nur aus Fehlern kann man lernen und Voraussetzungen schaffen, dass sie nicht mehr passieren.

Zur Person: Professor Wolf-Dieter Ludwig

Der Chefarzt der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie am Helios-Klinikum Berlin-Buch ist seit 2006 Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Er ist Mitglied der Europäischen Arzneimittelagentur und Herausgeber des unabhängigen Infoblattes "Der Arzneimittelbrief".

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