Die große Angst vor den Keimen

Immer mehr Menschen ekeln sich vor Dingen im öffentlichen Raum, hat eine Krankenkassenumfrage ergeben - und setzen auf Chemie. Ist das nötig?

Die Grippewelle mit fast 23.000 Erkrankten und 69 Todesfällen im Freistaat scheint vorüber zu sein. Auch die Infektionen mit Noroviren, die schwere Magen-Darm-Symptome auslösen, lassen wieder nach. Knapp 3500 Menschen in Sachsen waren in diesem Winter davon betroffen. "Mit guter Händehygiene ließe sich fast die Hälfte solcher Erkrankungen verhindern", sagt Dr. Ernst Tabori, Infektiologe und Ärztlicher Direktor am Deutschen Beratungszentrum für Hygiene. Doch was bedeutet gute Händehygiene?

Die Angst vor Keimen ist groß, ebenso die Bemühungen, sich diese vom Leibe zu halten. Immer mehr Menschen ekeln sich vor Dingen im öffentlichen Raum, hat eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) ergeben. Demnach scheuten sich 91 Prozent der 1015 Befragten vor der Nutzung öffentlicher Toiletten. Jede(r) Vierte trägt immer Desinfektionsspray und jede(r) Fünfte -tücher bei sich. "Das Ekelempfinden hat in den letzten vier Jahren weiter zugenommen", sagt Michael Stüwe vom Serviceteam der KKH in Chemnitz, mit Blick auf die Umfrageergebnisse von 2019 und 2015. Damals ekelten sich mit 87 Prozent zwar annähernd gleich viele Menschen vor der Benutzung öffentlicher Toiletten, aber die Zahl derer, die Desinfektionsmittel mit sich tragen, habe sich heute fast verdoppelt.

Sind die Menschen also hygienebewusster geworden? Weit gefehlt, wie die Umfrage belegt. Denn jeder Dritte wäscht sich vor Mahlzeiten nicht die Hände, obwohl Krankheitserreger auf diese Weise über die Lebensmittel auf die Schleimhäute gelangen, wo sie ideale Vermehrungsbedingungen vorfinden. 29 Prozent machen sogar beim Nachhausekommen einen Bogen ums Waschbecken. Dieses Missverhältnis - Desinfektionsspray statt Händewaschen - hat Professor Markus Egert in seinem Buch "Ein Keim kommt selten allein" angeprangert.

Der Mikrobiologe macht zwei Ursachen dafür aus: Die Werbung, die mit den Ängsten der Menschen vor Infektionen spielt, und das geringe Wissen über Keime und Hygieneregeln, zu denen Händewaschen zuallererst gehört. Desinfektionsmittel seien im Alltag eher überflüssig, meint Egert. Hier gebe es viel Halbwissen, vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Wie zum Beweis erkrankt besonders diese Altersgruppe häufig an Magen-Darm-Infektionen oder an grippalen Infekten.

80 Prozent der Keime werden über die Hände übertragen. Normales Händewaschen könnte die Hälfte der Atemwegserkrankungen verhindern, so Ernst Tabori. Desinfektionstüchern für den Alltag erteilt er jedoch keine gänzliche Absage: "Wenn es gerade keine Gelegenheit gibt, sich die Hände gründlich zu waschen, können diese Tücher eine gute Alternative sein." Auch bereits Erkrankte sollten sie benutzen, um ihre Keime nicht weiterzuverbreiten. Die meisten haften an Flächen, die oft berührt, aber selten gereinigt werden, zum Beispiel an Computertastaturen oder Eingabetasten von Geldautomaten und Fahrstühlen.

"Der Ekel - zum Beispiel gegenüber Fäkalien und Verdorbenem - ist aber überlebenswichtig und angeboren. Ekel ist zugleich der wirksamste Infektionsschutz, weil er uns Abstand zu diesen Dingen halten lässt", sagt Markus Egert. Aus seiner Sicht sei die anhaltende Abscheu vor öffentlichen Toiletten damit sogar positiv zu bewerten und kein Ausdruck von Hysterie. Allerdings machten aus seiner Sicht die öffentlichen Anlagen auch selten einen einladenden Eindruck. "Da sind ständig die Seifenspender leer, und Handtücher gibt es auch keine."

Die Benutzer versuchten, sich anderweitig zu schützen. Zum Beispiel, indem sie den Toilettensitz mit einer Papierschicht abdecken. Doch damit erreiche man das Gegenteil: "Beim Abpolstern berühren wir zwangsläufig mit den Händen den Toilettensitz, greifen uns vielleicht anschließend ins Gesicht. Eine Keimübertragung, die vermeidbar wäre." Besser sei es, sich mit den Oberschenkeln auf den Toilettensitz zu setzen, sein Vorhaben rasch zu Ende zu bringen. "Die Oberschenkel sind als Keimüberträger zu vernachlässigen." Unverzichtbar sei es jedoch, sich anschließend gründlich die Hände zu waschen. Gründlich heißt: mit Seife. "Bakterien und Viren bilden eine Art Film auf der Haut. Seife oder Spülmittel lösen ihn auf, klares Wasser jedoch nicht."

So wichtig wie das Waschen ist auch das Trocknen, um Keimen den Nährboden zu entziehen. Laut Tabori würden die besten Ergebnisse mit Einmalhandtüchern erreicht. Durch das Reiben der Haut beim Abtrocknen könne man nochmals Keime von den Händen entfernen. "Elektrische Händetrockner empfehle ich nicht", sagt er. Die Prozedur dauere meist zu lange, sodass wenige ihre Hände wirklich gründlich trocknen. Auch Turbotrockner mit einem kräftigen Luftstrom führten zu einem regelmäßigen Anstoßen der Hände an die Seitenwände des Gerätes. "Außerdem verwirbeln die Lufttrockner die Staubpartikel, zum Beispiel Hautschüppchen, an denen Keime haften. Die Hautpartikel sind wie ein fliegender Teppich für die Keime", sagt Ernst Tabori.

Richtiges Händewaschen

1. 30 Sekunden waschen reichen, um die Hände gut zu säubern. Seife ist dabei unverzichtbar.

2. Zuerst werden die Handinnenflächen durch Reiben gründlich gereinigt.

3. Anschließend werden die Fingerzwischenräume gründlich gewaschen.

4. Die Fingerkuppen brauchen eine Extrabehandlung, denn mit ihnen wird alles berührt.

5. Gut abspülen, am besten mit handwarmem Wasser, um auch lange genug durchzuhalten.

6. So wichtig wie das Waschen ist das Trocknen - am besten mit Papierhandtüchern.

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