Kein Impfstoff gegen Gürtelrose mehr

Die Krankheit nimmt zu und ist vor allem für Ältere gefährlich. Ärzte werben deshalb für eine Impfung. In Sachsen gibt es Wartelisten mit einer bestimmten Reihenfolge.

Über-60-Jährige leiden nach einer Gürtelrose besonders häufig unter anhaltenden Nervenschmerzen und Hautschäden. "Das müssen wir uns nicht antun", sagt Lothar Roder aus Oberlichtenau in Mittelsachsen zu seiner Frau. "Wir lassen uns impfen." Doch der 73-Jährige fragt derzeit Ärzte und Apotheken in seinem Umkreis ab, keiner hat Impfstoff gegen die Krankheit. "Wie kann das sein? Warum bekommen wir keine Impfung?", fragen die beiden.

Das gleiche Problem hat Ursula Uhlig aus Werdau im Landkreis Zwickau. Gemeinsam mit ihrem Mann ließ sie sich Anfang April impfen. Um vollständig geschützt zu sein, sind jedoch zwei Impfdosen im Abstand von mindestens zwei und höchstens sechs Monaten erforderlich. "Bei uns wäre das spätestens Anfang Oktober", so die Seniorin. Ursula Uhlig und Lothar Roder fühlen sich verhöhnt, wenn Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und die Deutsche Schmerzliga Senioren immer wieder zur Impfung mobilisieren wollen, um bleibenden Nervenschmerzen zuvorzukommen. "Sie müssten doch wissen, dass es keinen Impfstoff gibt", so die beiden.

Dr. Klaus Gehring vom Verband der Neurologen und Psychiater im Netz zufolge leide etwa jeder zehnte Gürtelrose-Patient dauerhaft unter solchen schmerzhaften Neuralgien. "Bei den über 60-Jährigen sogar jeder zweite."

Gürtelrose ist eine Folge einer Windpockeninfektion. Die Kinderkrankheit gelte deshalb zu Unrecht als harmlos. Denn ein Teil der auslösenden Herpes-Viren verbleibe im Körper. Bei geschwächten Abwehrkräften könnten sie Jahrzehnte später wieder ausbrechen - als Gürtelrose, auch Zoster genannt. Diese sehr schmerzhafte und ansteckende Krankheit nimmt in Sachsen seit Jahren zu: 1246 gemeldete Fälle gab es bis Ende Juli, 300 mehr als im vergangenen Jahr. Wöchentlich kommen etwa 35 neue Fälle hinzu.

Die Ständige Impfkommission empfiehlt den Schutz vor Zoster und seinen Komplikationen für alle Personen ab 60 Jahre. Immungeschwächte oder gesundheitlich Gefährdete können sich bei ärztlicher Empfehlung schon ab dem 50. Lebensjahr auf Kassenkosten impfen lassen. Da man die Gürtelrose mehrmals bekommen kann, wird auch bei durchgemachter Krankheit zu diesem Schutz geraten, sagt der Neurologe Klaus Gehring. Sinnvoll sei der Schutz aber wirklich nur für Personen, die bereits Windpocken hatten. Und wenn man das nicht mehr weiß? Laut Robert-Koch-Institut sei eine serologische Abklärung, also eine Blutuntersuchung, nicht erforderlich, um eine Windpockeninfektion nachzuweisen. Das Institut geht davon aus, dass fast jeder in Deutschland Aufgewachsene im Alter von über 50 Jahren in seinem Leben an Windpocken erkrankt war. Damit wird der Kreis der Anspruchsberechtigten entsprechend groß. Die Produktion kommt aber nicht nach.

Impfstoffengpässe sind bereits Alltag in Deutschland. Derzeit melden die Hersteller bei 20 Impfstoffen Lieferprobleme, wie aus Daten des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) hervorgeht. Die Bundesbehörde für Impfstoffe und Arzneimittel führt seit 2015 eine entsprechende Statistik. "Die Zehnerpackung des Gürtelrose-Impfstoffs Shingrix wird in begrenzten Mengen Ende August wieder zur Verfügung stehen, die Einzeldosis voraussichtlich erst Ende dieses Jahres", sagt Melanie Piatanesi, Sprecherin des Herstellers Glaxo Smith Klein (GSK) in Dresden.

Seitdem es den gut verträglichen und wirksamen neuen Impfstoff gebe, sei die Nachfrage in Deutschland überwältigend hoch, erklärt sie. Insbesondere nach der Zusage der Krankenkassen zur Kostenübernahme. "Doch derzeit kann GSK den hohen Bedarf nicht decken. Wir arbeiten aber mit Hochdruck daran, um den Schutz bald wieder sicherzustellen", erklärt Piatanesi. Impfstoff lasse sich jedoch nicht auf Knopfdruck nachproduzieren, sagt PEI-Sprecherin Susanne Stöcker. Die Erweiterung der Herstellungskapazitäten seien mehrere Jahre dauernde Investitionen.

Für Fälle wie diese hat die Ständige Impfkommission Handlungsanweisungen herausgegeben, um mit vorhandenen Impfstoffen bewusst umzugehen. So sollen die ab Ende August erwarteten Lieferungen zuerst für die Komplettierung begonnener Impfserien eingesetzt werden. Ärzte sollten nur dann neue Impfserien beginnen, wenn die zweite Impfung gesichert sei.

Im Gegensatz zu Ursula Uhlig müssen sich Lothar Roder und seine Frau also hinten anstellen. "Das macht nichts. Wir bleiben aber auf jeden Fall dran", sagt er.

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