Margot Käßmann: "Altern ist nichts Schreckliches"

Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, ist 2018 mit 60 Jahren in den Ruhestand gegangen. In ihrem neuen Buch erklärt sie, warum sie den Eintritt ins Rentenalter mit schönen Aussichten auf die besten Jahre verbindet. Gabriele Fleischer hat sich darüber mit ihr unterhalten.

Freie Presse: Loriot fand das Älterwerden gar nicht lustig. Er sagte einmal, dass Altern eine Zumutung sei. Würden Sie dem widersprechen?

Margot Käßmann: Ja. Ich merke natürlich, dass nicht mehr alles so leicht geht - und nicht nur, weil Hören und Sehen schlechter werden, je älter man wird. Auch die Hände zeigen ein gelebtes Leben. Nein, es ist nicht alles schön. Aber wir sehen Altern meist nur negativ. Dabei gibt es auch Positives. Der Leistungsdruck, unter dem viele in der Arbeitswelt stehen, oder die Lasten der Kindererziehung entfallen. Wir können die Zeit frei einteilen und gestalten.

Für Sie ist die 60 also keine Katastrophe, eher Aussicht auf eine entspannte Zeit?

Natürlich ist die 60 eine Zäsur, weil wir definitiv nicht mehr leugnen können, alt zu sein, im letzten Lebensabschnitt sind - und uns darauf vorbereiten müssen, dass das Leben endlich ist. Verinnerlichen wir das, leben wir bewusster. Wir werden uns beruflich nicht mehr verändern, sondern schauen dem Ende des Erwerbslebens entgegen. Aber eine Katastrophe ist das nicht. Wir sollten uns fragen, wie wir diese Lebensphase gestalten wollen und Dinge tun, die uns wichtig sind. Das möchte ich aktiv. Ja, mir geht es gut, und ich weiß, dass ich gegenüber anderen privilegiert bin. Ich wusste, dass ich finanziell abgesichert bin, als ich mich mit 60 für den Ruhestand entschieden habe. Und ja, ich empfinde es als großes Glück, wenn ich die freie Zeit für mich nutzen, sie mit Freunden, meinen vier Töchtern und sechs Enkeln verbringen kann.

Als Sie vor acht Jahren von Ihren Kirchenämtern zurückgetreten sind, wussten Sie da schon, dass Sie eher in den Ruhestand gehen werden?

Nein, und mein Arbeitsleben ging zu dieser Zeit auch noch weiter. Ich habe an der Universität geforscht und gelehrt, unter anderem auch in den USA, und war sechs Jahre Reformationsbotschafterin. Aber im niedersächsischen Beamtenrecht ist es möglich, mit 60, 63 oder 66 mit Abschlägen in den Ruhestand zu gehen. Das habe ich genutzt. Ich muss niemanden mehr versorgen und komme gut aus. Meine jüngste Tochter, die 27 ist, steht jetzt auch im Berufsleben. Aber ich nutze die Zeit für Dinge, die mir wichtig sind, in der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung, bei Terre des Hommes - und beim Bücherschreiben.

Ein guter Anlass, Ihren 60. Geburtstag ausgelassen zu feiern, wie Sie es im Buch beschreiben. Aber haben Sie es nicht auch deshalb getan, weil es der letzte runde gewesen sein könnte?

Ja, das stimmt. Die große Feier war schön und wird so nicht wiederkommen. Natürlich stand die Frage im Raum, ob ich alle in zehn Jahren wiedersehe und ich selbst noch da bin. Selbst wenn die Menschen älter werden, das Leben bleibt begrenzt.

Man liest im Buch heraus, dass Sie Ihr Glaube trägt, Sie regelrecht beschwingt macht. Muss man denn gläubig sein, um ohne Ängste alt werden zu können?

Der christliche Glaube war und ist für mich entscheidend. Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand. Das gilt für mich auch im Sterben. Aber auch ein Mensch, der nicht an Gott glaubt, kann zufrieden alt werden, wenn er Sozialkontakte hat.

Aber Sie kokettieren mit Ihrem Alter, wenn Sie es im Buch immer ansprechen. Dabei halten Sie sich fit, joggen, fahren Rad.

Nein, ein Kokettieren ist es nicht. Es sind eher pragmatische Überlegungen. Denn wer vorgibt, mit 60 noch so wie 40 zu sein, ist nicht ehrlich. Selbst wenn verbesserte Gesundheitsvorsorge, gesunde Ernährung und Sport für viele Ältere inzwischen selbstverständlich sind, so bleiben Altersspuren. Ja, es ist eine Versuchung, sich das Alter durch Operationen entfernen zu lassen. Dafür verurteile ich niemanden. Allerdings sieht jung gemacht nicht immer jung aus. Aber Altern ist nichts Schreckliches. Ich möchte die Menschen ermutigen, es anzunehmen. Denn gerade die Erfahrung der Älteren wird gebraucht.

Ist der heute gern genutzte Begriff Best Ager für die Generation 50 plus aus Ihrer Sicht dann eher eine Glorifizierung?

Es kommt darauf an, was jemand aus der verbleibenden Zeit macht und ob es doch die besten Jahre werden. Wichtig ist es, eine realistische Balance zu finden, nicht zu verleugnen, was an Veränderungen da ist, aber auch nach vorn zu schauen.

Aber es gibt viele ältere Menschen, die nicht so positiv denken, weil sie krank sind und Angst haben, nicht in Würde sterben zu können.

Das stimmt. Hier muss noch viel passieren. Ich erwarte von der Regierung und den Politikern auch, dass mehr in Pflegeeinrichtungen und Pflegedienste investiert wird. Wenn ich sehe, unter welchem Stress Pflegekräfte arbeiten und wie schlecht sie bezahlt werden, dann muss das endlich politisch geklärt werden. Warum investiert Deutschland 90 Millionen Euro in ein Militärmanöver? Das Geld wäre viel besser in Senioreneinrichtungen angelegt. Und noch etwas: Überall gibt es Geburtsvorbereitungskurse. Das ist auch gut so. Trotzdem: Wo gibt es Kurse zur Sterbevorbereitung? Auch darüber sollten wir reden. Und wir alle sollten uns mehr engagieren, damit Menschen in Würde sterben können. Das fängt bei einem selbst an. Wenn ich meine letzte Lebensphase nicht an Schläuchen verbringen will, brauche ich beispielsweise eine Patientenverfügung.

Und wie kompensiert man im Alter Verluste und Ängste?

Alle sollten frühzeitig dafür sorgen, dass sie ein Netzwerk an Freundschaften aufbauen. Nicht erst mit Eintritt ins Rentenalter. Aber es gibt auch Treffpunkte, wo Menschen zusammenkommen, beispielsweise in Vereinen und Chören. Solche Kontakte sind gerade für Menschen wichtig, die irgendwann krank sind und gepflegt werden müssen. Sie sollten nicht einsam sein. Natürlich ist mir klar, dass Pflege, wie wir alle sie uns wünschen, niemals voll bezahlt werden kann. Deshalb muss zivilgesellschaftliches Engagement professionelle Pflege ergänzen. Ich denke da an das Ehrenamt bei Hospizdiensten oder gute Nachbarschaft und Besuchsdienste bei Menschen, die allein sind.

Beim Übergang ins Rentenalter fallen trotzdem viele in ein Loch.

Jeder sollte das Arbeitsleben individuell auslaufen lassen können. Für viele funktioniert das Rentensystem, so wie wir es haben, nicht. Viele schaffen es gar nicht bis 67. Die Erhöhung des Rentenalters ist schlicht eine Rentenkürzung. Warum nicht auf 80 Prozent reduzieren oder auch mit 20 Prozent in der Firma arbeiten und Erfahrungen einbringen?

Viele müssen aber arbeiten, weil die Rente nicht reicht.

Wer das nicht will, sollte es nicht müssen. Alle Menschen sollten eine auskömmliche Rente haben, wenn sie ein Leben lang gearbeitet haben. Auch da ist die Politik gefragt. Die, die in Altersarmut leben, brauchen eine ganz andere Unterstützung. Das betrifft aus meiner Sicht vor allem Frauen. Hier muss mehr passieren, damit Erziehungsleistung für die Kinder anerkannt wird. Es ist gut, dass es zumindest mit der zweiten Mütterrentenreform im nächsten Jahr etwas weitergeht.

Margot Käßmann

Die Autorin war elf Jahre lang Landesbischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover und einige Monate Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Nach einer öffentlich gewordenen Alkoholfahrt trat sie 2010 von beiden Ämtern zurück. Bis zu ihrer Pensionierung im vergangenen Jahr war sie sechs Jahre Botschafterin für das Reformationsjubiläum.

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    1
    diklu
    05.01.2019

    Obgleich von der Warte eines Atheisten, Einzelgängers und AORAs (armutsgefährdeter ostdeutscher Rentenanwärter) aus gesehen, stimme ich den Ausführungen von Frau Käßmann zur Frage des Rentnerdaseins voll und ganz zu - die religiösen Bezüge logischerweise ausgenommen. Rente bedeutet keineswegs Ruhestand im wörtlichen Sinne, sondern vielmehr Befreiung, Selbststeuerung statt Fremdgesteuertsein und mithin ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten der Persönlichkeit.

    In zahlreichen Reportagen, Spielfilmen und Interviews allerdings wird der Übergang vom Erwerbsleben in den Rentnerstatus als psychische Belastung für die Betroffenen dargestellt, welche es zu meistern gelte. Dieser Tenor haftete beispielsweise jenem Freie-Presse-Beitrag vom Sommer 2018 an, in dem es um den ehemaligen Chemnitzer Polizeipräsidenten, Herrn Reißmann, ging. Vielleicht sind Menschen wie Frau Käßmann und meine Wenigkeit in dieser Hinsicht tatsächlich Ausnahmeerscheinungen - wer weiß. Apropos Ausnahme. Als solche soll heutzutage offenbar auch der Rentenbeginn einer weiblichen Person im Alter von 60 Jahren verstanden werden. Doch jahrzehntelang war genau dies die Normalität und hätte es auch weiterhin bleiben sollen, finde ich.

    Zumindest in Bezug auf meine Person stellt gerade die Berufstätigkeit die zentrale Quelle psychischer Destabilisierung dar. Nichts wird daher sehnlichster angestrebt als selbige hinter sich lassen zu können - bei guter Gesundheit, versteht sich. Ein umfangreiches Statement zu dieser Problematik und angrenzenden Themen werde ich nächsten Monat im Zusammenhang mit meinem 60. Geburtstag auf meiner Facebook-Seite publizieren. Vorab sei schon mal der nachfolgende Satz daraus zitiert. Alle Frauen aus meinem Bekanntenkreis dürfen sich nämlich bereits jetzt herzlichst eingeladen fühlen, gemeinsam mit mir - den Frühling meines Lebens begrüßend - zu tanzen, ggf. sogar in aller Öffentlichkeit auf der Straße, sofern es mir gelingen sollte, meinen Rentenbeginn 2024 gesund zu erreichen. Und an dieser Stelle erlaube ich mir hinzuzufügen, dass ich gern auch Frau Käßmann in den genannten Kreis einschließen würde, obwohl ich ihr bislang noch nie persönlich begegnet bin.

    Dietmar Kluge, Taura



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