Mehr als 500 Medikamente in Deutschland nicht lieferbar

Patienten in Sachsen klagen über Engpässe, die bedrohlich werden können. Apotheker sehen dafür nur eine Lösung.

Wer in der Apotheke ein Rezept vorlegt, erntet immer häufiger Schulterzucken. Denn viele Medikamente sind nicht lieferbar - darunter auch solche, die auf der Liste der versorgungsrelevanten Wirkstoffe des Bundesinstitutes für Arzneimittel (Bfarm) stehen. Das sind Mittel, die bei Nichtverfügbarkeit zu lebensbedrohlichen Zuständen führen oder notwendige Dauermedikationen unterbrechen. "Wir müssen unsere Kunden vertrösten oder mit ihrem Arzt über ein Austauschmedikament sprechen", sagt Rena Delling, Inhaberin der Küchwald-Apotheke Chemnitz. "Das kostet viel Zeit."

Zurzeit fehlten vor allem der Schmerzwirkstoff Ibuprofen, der Blutdrucksenker Ebrantil, Mittel gegen Diabetes und der Magenwirkstoff Ranitidin. Doch auch diverse Antibiotika und Psychopharmaka sind laut Bfarm nicht lieferbar - insgesamt mehr als 500 Arzneimittel.

Während anstelle von Ibuprofen ein anderes Schmerzmittel verordnet werden könne, sei das für Antibiotika oder Medikamente gegen psychische Krankheiten nicht so einfach möglich. Therapiewechsel seien schwierig und gefährdeten den Behandlungserfolg.

Die Versorgungsprobleme waren auch Thema auf dem Deutschen Apothekertag Ende September. Laut Vizepräsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Mathias Arnold, wird es immer schwieriger, Ersatzmedikamente zu finden. Die Zahl der nicht verfügbaren Präparate hat sich im vergangenen Jahr gegenüber 2016 fast verdoppelt - auf mehr als neun Millionen Packungen.

Grund dafür sei der globalisierte Markt. Viele Wirk- und Hilfsstoffe würden inzwischen in Asien - etwa in Indien und China - hergestellt und weiterverarbeitet. Der Pool von Wirkstoffherstellern werde immer kleiner. "Und daraus bedient sich die ganze Welt", so Arnold. Technische Störungen bei der Produktion hätten dann riesige Auswirkungen. Auch steige die Nachfrage in Entwicklungsländern. Die Produktion komme nicht mehr hinterher.

Arzneimittel sind Arnold zufolge in Deutschland zudem oft billiger als in den Nachbarländern. Die Folge: Sie würden in Deutschland aufgekauft und in andere Länder geliefert, wo mehr Geld damit zu erzielen sei. Die Sächsische Apothekerkammer forderte deshalb einen Exportstopp für Arzneimittel. Auf der anderen Seite machten die niedrigeren Preise Deutschland auch immer unattraktiver für global agierende Pharmahersteller.

Lieferengpässe hätten aber auch Ursachen, die in Deutschland zu suchen seien. Der Vizepräsident nennt zum Beispiel die Rabattverträge. Krankenkassen schließen in der Regel mit nur einem Hersteller einen Vertrag ab. Damit wird ihm die Versorgung mit dem Medikament garantiert, wenn er es günstig abgibt. Ist der Bedarf aber höher als erwartet oder gibt es technische Probleme, ist die Versorgung gefährdet.

Rabattverträge sollten deshalb mit mehreren Herstellern geschlossen werden, um im Havariefall Alternativen zu haben, schlug die Gesundheitsministerkonferenz im vergangenen Jahr vor. Seit Ende August gibt es dazu ein Bundesgesetz. Doch Krankenkassen wie die AOK Plus sehen in solchen Mehrfachvergaben kaum Nutzen für die Patienten, jedoch höhere Gewinne für die Pharmakonzerne. Rabattverträge seien ein wichtiges Instrument zur Kostenregulierung, so die AOK Plus. "Für künftige Ausschreibungen sind wir aber an das Gesetz gebunden und werden, wenn es mehrere Anbieter mit günstigen Preisen gibt, mehreren Firmen den Zuschlag erteilen", sagt Bernd Lemke, Sprecher der AOK Plus.

Die Krankenkasse sieht nur eine Lösung der Lieferprobleme: die Ansiedlung zusätzlicher Wirkstoffhersteller in der EU. Damit würde sich die Konzentration der Produzenten entspannen, die Lieferwege wären kürzer und das Risiko von Produktionsausfällen wegen Qualitätsmängeln wäre geringer. Hersteller müssten gesetzlich verpflichtet werden, bestimmte wichtige Wirkstoffe innerhalb Europas zu produzieren. Erreicht werden könnte das am ehesten durch Importzölle auf lebenswichtige Wirkstoffe.

Auch der Apothekertag verlangte, dass Bedingungen geschaffen werden, um die Wirkstoffproduktion wieder stärker in Europa zu etablieren. Hersteller müssten zudem verpflichtet werden, Lieferengpässe schneller bekanntzugeben. Derzeit sei das freiwillig. Von lebenswichtigen Arzneimitteln müssten Hersteller mindestens zwei Monatsproduktionen vorrätig haben. Derzeit würden bestimmte Präparate erst auf Bestellung hergestellt, so Arnold.

Das Bundesgesundheitsministerium will ein Apothekenstärkungsgesetz auf den Weg bringen, über das noch dieses Jahr beraten wird. Demnach sollen rezeptpflichtige Arzneimittel nicht mehr über Online-Apotheken bezogen werden dürfen. Ziel sei die bedarfsgerechte Versorgung.

Bis erste Ergebnisse spürbar werden, müssen Apotheker wie die Chemnitzerin Rena Delling weiterhin jeden Tag mindestens einen Beschäftigten abstellen, der fehlende Medikamente bei Herstellern, Großhändlern und anderen Apotheken erbettelt, auch Ärzte anruft, um eine Verordnung für Ausweichmedikamente zu erhalten.

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