Resistente Keime bedrohen sein Leben

Eine neue Studie belegt, wie viele Sachsen nicht mehr auf Antibiotika ansprechen, weil sie sich mit multiresistenten Keimen angesteckt haben. Doch Ursache ist oft nicht das Krankenhaus, wie ein Fall aus Mittelsachsen zeigt.

Jede Verletzung kann für Wolfgang Lindner aus Eppendorf in Mittelsachsen jetzt lebensgefährlich sein. Deshalb schützt er sich, so gut er kann. "Beim Rosenschneiden trage ich Handschuhe. Muss ich zum Zahnarzt, nehme ich vorher ein spezielles Antibiotikum", sagt der 57-Jährige. Denn seit 2016 ist für ihn nichts mehr wie es war. Eine Erkältung war offenbar der Auslöser für die schwere Infektion mit resistenten Erregern. Die Sepsis hat seine Organe so geschädigt, dass der ehemalige Elektrotechnikermeister jetzt erwerbsunfähig ist.

"Immer mehr Bakterien bilden Schutzmechanismen gegen gängige Antibiotika aus", sagt Professor Lutz Jatzwauk, Leiter des Bereichs Krankenhaushygiene am Uniklinikum Dresden. Für gesunde Menschen sei das nicht problematisch. Werde aber bei Erkrankungen eine Antibiotikabehandlung nötig, vermehrten sich resistente Keime ungestört weiter. Gefährlich wird es auch im Krankenhaus. "Dann können immungeschwächte Personen infiziert werden", so Professor Jatzwauk.

Bei Wolfgang Lindner waren es sogenannte Vancomycin-resistente Enterokokken - kurz VRE. Sie haben sich im Körper ausgebreitet und besonders das Herz geschädigt. Eine VRE-Sepsis führt dem Ärzteblatt zufolge bei jedem zweiten Betroffenen zum Tod. Auch Lindners Leben haben die Keime bedroht, wie er sagt.

Begonnen habe alles mit hohem Fieber, Schüttelfrost und einer extremen Schwäche. Er nahm in kurzer Zeit 20 Kilogramm ab. Der damals behandelnde Arzt diagnostizierte eine Lungenentzündung und verordnete Antibiotika. Als sich keine Besserung einstellte, brachte ihn seine Frau in die Notaufnahme. Im Krankenhaus stellte man dann eine Sepsis fest. Er bekam wieder Antibiotika, mehrere Wochen lang. Nach Absetzen der Medikamente brach die Sepsis erneut aus. Es dauerte lange, bis ein Antibiotikum in der richtigen Dosierung gefunden wurde, das den resistenten Keim in Schach halten kann. Sein Herz war durch die Infektion bereits so geschädigt, dass er eine neue Herzklappe brauchte. "Nach der OP und der Reha hat sich meine körperliche Verfassung wieder etwas gebessert. Doch die ständigen Erschöpfungsphasen, die Muskel- und Gliederschmerzen machen mir sehr zu schaffen", sagt er.

So wie Lindner infizieren sich viele Menschen nicht im Krankenhaus mit multiresistenten Erregern, sondern bringen diese Keime bereits mit, erklärt Professor Jatzwauk. Auf unterschiedlichsten Wegen, zum Beispiel über Haut- und Schleimhautkontakt, kleine Verletzungen oder Lebensmittel. Immer wieder warnt das Bundesinstitut für Risikobewertung vor multiresistenten Keimen, zum Beispiel in Schnittsalaten, aber auch in Fleisch- und Milchprodukten. Selbst natürliche Gewässer sind damit belastet. "Der Kontakt mit solchen Erregern ist nicht zu vermeiden, denn sie kommen mittlerweile nahezu überall in der Umwelt vor", sagt der Krankenhaushygieniker. Was aber in vielen Fällen zu vermeiden sei, sei eine Erkrankung, also eine Infektion.

Deshalb wird jetzt für Risikopatienten, zum Beispiel mit chronischen Wunden, ein Screening vorgeschrieben, bevor sie in sensible Krankenhausbereiche aufgenommen werden. Das sind Stationen, in denen Blut- und Krebskranke behandelt werden, Frühchenstationen, aber auch die Intensivmedizin, wo ein höheres Infektionsrisiko besteht. Anhand von Abstrichen des Patienten wird zunächst die Art des Keims bestimmt und anschließend ein Antibiogramm erstellt. "Damit testen wir die Empfindlichkeit gegenüber spezifischen Antibiotika", sagt Linda Wehlan, Hygienefachkraft am Uniklinikum Dresden. Das sei wichtig, um das richtige Medikament und geeignete Hygienemaßnahmen zu finden. Sie zeigt ein Antibiogramm eines 80-jährigen Mannes, der in eine onkologische Station aufgenommen werden soll. Er spricht nur noch auf ein einziges Antibiotikum an, und das auch nur in sehr geringem Maße. "Für die Ärzte bedeutet das, dass der Patient höhere Dosen des Antibiotikums braucht", sagt sie. Täglich würden im Uniklinikum bei 20 bis 30 Patienten solche Resistenzen festgestellt. Vergleichbare sächsische Kliniken haben ähnlich hohe Zahlen. Betroffene Patienten werden dann entweder räumlich oder an ihrem Bettplatz isoliert. Das heißt, Ärzte, Pflegepersonal oder Besucher dürfen erst zum Patienten, wenn sie einen neuen Kittel und Mundschutz angelegt sowie ihre Hände gründlich desinfiziert haben, so Linda Wehlan. Auch die Flächen- und Wäschedesinfektion hätten höchste Priorität.

Um das wahre Ausmaß der Belastung mit multiresistenten Erregern festzustellen, hat die Landesuntersuchungsanstalt (LUA) Sachsen eine Studie durchgeführt. Mehr als 1700 Patienten in sächsischen Krankenhäusern, in Arztpraxen und Bewohner von Pflegeheimen wurden dazu von August 2017 bis Dezember 2018 mittels Probeentnahme untersucht. Die Ergebnisse liegen jetzt vor. Danach sind fast zwölf Prozent der Patienten im Krankenhaus mit multiresistenten Bakterien infiziert. Bei knapp der Hälfte von ihnen wurden Darmkeime festgestellt, die gegen drei von vier Antibiotikagruppen resistent sind - sie werden kurz 3MRGN genannt. VRE kamen etwa genauso häufig vor. Mit etwa einem Prozent eher gering war das Vorkommen von MRSA - von Methicillin-resistenten Staphylokokkus aureus. Sie galten früher als Sorgenkinder der Krankenhaushygiene, konnten aber in den letzten Jahren durch Maßnahmen wie antiseptische Waschungen und Salben fast zurückgedrängt werden, heißt es in der Studie. Von den untersuchten Pflegeheimbewohnern war fast jeder Zehnte mit multiresistenten Keimen besiedelt, am meisten mit 3MRGN. Die niedrigste Zahl an Keimträgern gab es bei den Patienten ambulanter Arztpraxen. Hier wurde nur bei jedem 25. eine Multiresistenz festgestellt.

"Wenn bestimmte Erreger gegen drei oder vier Antibiotikagruppen resistent sind, heißt das nicht, dass wir ihnen nichts mehr entgegenzusetzen haben", sagt Lutz Jatzwauk. "Wir können die Mittel auch kombinieren oder ihre Dosis verändern." Am Uniklinikum gebe es zum Beispiel auf Infektiologie spezialisierte Ärzte, deren Aufgabe allein die Antibiotikatherapie bei schweren Infektionen ist. Solche Spezialisten könnten in der Zukunft immer mehr gefragt sein, denn es kommen kaum noch neue Antibiotika auf den Markt. Viele große Hersteller haben sich von dieser Sparte getrennt, weil sie nicht gewinnbringend genug ist.

Doch nicht nur neue Antibiotika können Resistenzen verhindern. "Der beste Schutz ist eine intakte Darmflora, bei der ein gesundes Gleichgewicht an Bakterien herrscht." Dafür müssten Antibiotikabehandlungen auf das unbedingt nötige Maß reduziert und Reserveantibiotika für Notfälle aufgespart werden. Eine Gefahr ist auch die Antibiotikabehandlung in der Tiermast, da die resistenten Keime ins Fleisch und über die Gülle auf Nutzpflanzen übergehen.

Sachsen sei hier aber auf einem sehr guten Weg, wie das Sozialministerium berichtet. Eine Auswertung der Verordnungsdaten aller gesetzlich Versicherten in Deutschland belege einen Rückgang der Antibiotikaverordnungen im ambulanten Bereich um 21 Prozent von 2010 bis 2018. "Die Verordnungen in Sachsen und in Brandenburg sind dabei deutschlandweit am niedrigsten", so eine Sprecherin. In der Tiermast ist der Rückgang noch viel größer: Seit Inkrafttreten der Antibiotika-Resistenzstrategie 2014 werden knapp 60 Prozent weniger antibiotische Tierarzneimittel verordnet.

"Trotzdem werden wir uns auch in hundert Jahren noch mit Infektionsgeschehen in Krankenhäusern auseinandersetzen müssen", sagt Lutz Jatzwauk. "Denn die Bevölkerung wird immer älter und damit infektionsanfälliger. Frühgeborene, die wir pflegen, werden immer jünger und unreifer. Zudem werden Therapieverfahren komplizierter, die Geräte immer komplexer und damit schwerer keimfrei zu halten."

Auch Wolfgang Lindner wird es nicht gelingen, sich komplett vor schädlichen Keimen zu schützen. Zusammen mit anderen Betroffenen der Selbsthilfegruppe Sepsis will er aber dafür sorgen, dass die Krankheit Sepsis bekannter und ernster genommen wird.

sepsis-hilfe.org

 

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