Trendsport Stand Up Paddling: Balanceakt auf dem Wasser

Sieht seltsam aus, fühlt sich seltsam an - trotzdem findet Stehpaddeln immer mehr Anhänger. Warum eigentlich? Ein Selbsttest.

Wasser 25 Grad, Luft 26 Grad. Der Sommer denkt nicht ans Aufhören. Es ist Sonntagmittag, die Schlange am Kassenhäuschen des Stauseebades in Dresden-Cossebaude reißt nicht ab. Raus aus den Sachen, rein ins Wasser.

Schön wär's. Ich bin nicht zum Baden hier. Ich will lernen, mich stehend auf dem Wasser fortzubewegen. Also ungefähr wie Jesus, nur mit einem Brett unter den Füßen und einem Paddel in den Händen. Stand Up Paddling heißt die Trendsportart. Anfänger nennen es Stehpaddeln, Eingeweihte sagen SUP. Beziehungsweise Es-Ju-Pieh. Wer jemals einen Menschen mit Brett und Paddel auf dem Wasser gesehen hat, der weiß Bescheid: SUP ist eine ziemlich wacklige Angelegenheit.

Aber auch eine mit Reiz. "Jedes Jahr kommen mehr Gäste zu uns", sagt Gerald Gebbensleben, der als Obmann das Wassersportzentrum der TU Dresden in Cossebaude betreut. "Aber so viele wie in diesem Jahr hatten wir noch nie." Das mag am endlosen Sommer liegen, an der Mund-zu-Mund-Propaganda oder an den günstigen Preisen. Oder an allem zusammen. Jedenfalls bin ich nicht allein. An die 20 Menschen haben hier und heute das Gleiche vor wie ich. Kinder und Erwachsene, Männer und Frauen. Die weiblichen Interessenten sind eindeutig in der Überzahl. Jetzt nur nicht blamieren.

Wir stehen auf einer vertrockneten Wiese und bekommen aus Sicherheitsgründen eine Schwimmweste verpasst. Oder, wer will, einen Neoprenanzug. Ein paar Mädchen bevorzugen den Anzug, warum auch immer. Untergehen kann jedenfalls niemand.

Das einzige Risiko seien die Steine im Uferbereich, sagt Gerald. Ich darf ihn so nennen, weil sich alle sofort duzen. Das schafft Vertrauen. Und Vertrauen ist wichtig. Denn so richtig kann ich mir immer noch nicht vorstellen, dass ich auf dem Brett so sicher stehen werde wie Gerald. Na gut, der hat jetzt festen Boden unterm Board. Theorie auf dem Trockenen. Gerald zeigt, wie man überhaupt aufs Brett kommt. Und wie man sich aufrichtet. Und wie man richtig paddelt. "Nach den zwei Stunden sollte das jeder können", sagt er, macht eine Pause und fügt hinzu. "Ausgesprochenes Kursziel ist, dass ihr ins Wasser fallt." Nee, denke ich, gerade das will ich ja vermeiden. Der Fotograf wartet bestimmt nur darauf. Soll er mal schön warten.

Was viele nicht wissen: Das Stand Up Paddling ist keine Erfindung der Neuzeit. In der Südsee standen die Fischer gern in ihren Kanus, um einen besseren Überblick zu haben. Das fanden die Surflehrer auf Hawaii praktisch. Außerdem konnten sie mithilfe des Paddels schneller zum Riff und zurück gelangen. Und irgendwann schwappte der Trend über den großen Teich nach Europa. Gerald Gebbensleben wurde mit Windsurfen groß: "Mein Vater hat sich die Ausrüstung schon zu DDR-Zeiten selbst gebaut", erzählt der 44-Jährige.

Seit rund zehn Jahren bringt er anderen Leuten die Technik bei, vor sechs Jahren hörte er das erste Mal von SUP - und wartete erst mal ab: "Die Windsurfer haben darüber gelächelt." Dazu hätten sie jetzt auch allen Grund. Wie wir die Bretter ins Wasser lassen und mühsam versuchen, unsere Körper darauf abzulegen. Wie wir bäuchlings mit den Händen paddeln, um ein paar Meter vorwärtszukommen. Wie wir, nun schon auf Knien, zurück zum Ufer paddeln.

Alles nicht wirklich fotogen, aber wichtig, um ein Gefühl für das Brett zu kriegen. Sagt jedenfalls Moritz, der nun die Kursleitung übernommen hat. Moritz ist 20 Jahre alt, fährt Rennen mit dem Canadier und auf dem SUP-Board, und das sieht man ihm auch an. "Süß", tuscheln die Mädchen neben mir. Ich denke: Wettrennen auf diesem Wackelbrett, was für ein Wahnsinn.

Es wird ernst. Ich greife nach dem Paddel und versuche, mich vorschriftsmäßig aufzurichten. Vierfüßlerstand, mit kühnem Sprung die Füße gleichzeitig nach vorn bringen und dann gaaaanz langsam aufstehen. Die Knie zittern, das Brett schwankt. Noch ein Stück hoch. Und noch ein Stück. Neben mir plumpst jemand ins Wasser. Und ich? Ich stehe. Ja, ich stehe! Nun muss ich nur noch paddeln.

Wie ging das gleich? Paddel fest mit beiden Händen fassen, beide Arme ausstrecken, Paddel nach vorn ins Wasser ... Moment mal, falsch rum, die innere Wölbung des Blattes sollte doch nach vorn zeigen. Irgendwie unlogisch, aber es wird schon seinen Sinn haben. Also noch mal. Ich steche das Paddel ein und ziehe es nahe am Brett nach hinten. Geht doch. Nach wenigen Zügen bin ich praktisch auf offener See. Zum Glück weht nur ein laues Lüftchen. "Gestern", erzählt Moritz, "hatten wir richtig Wind. Da sind die Leute aber gedüst!" Ich spare mir die Frage, wie oft diese Leute ins Wasser gefallen sind, und konzentriere mich auf mich selbst. Drücke den Rücken durch, spanne den Bauch an, arbeite mit den Beinen gegen das Schaukeln an. "Du musst permanent die Balance halten", sagt Gerald. Das sei für die meisten ungewohnt, aber hocheffektiv. Denn es werden mehrere Muskelgruppen gleichzeitig trainiert.

Die aufrechte Haltung verhindere, dass man verkrampft, und man hält deshalb länger durch. Längst gibt es Stand-Up-Paddling-Meisterschaften, bei denen es um Geschwindigkeit oder Ausdauer geht - oder um beides. Für viele sei es aber einfach nur ein schöner Ausgleich, meint Gerald: "Der Kopf ist ausgeschaltet, du vergisst den Alltag." Immer wieder kämen Leute, die gestresst oder traurig wirkten. "Wenn sie nach zwei Stunden aus dem Wasser kommen, haben alle ein Lächeln im Gesicht."

So weit bin ich noch nicht. Moritz sagt, er sei jetzt eine Boje, und wir sollten um ihn herumpaddeln. Einmal links, einmal rechts rum. Geschafft! Dann zeigt er uns, wie man auf ganz kleinem Radius die Kurve kriegt. Ein Bein vorn, das andere seitwärts gedreht nach hinten. Und dann schnelle Paddelschläge. Ich schlage nur zwei- oder dreimal, dann neigt sich das Brett bedrohlich nach hinten. Ich fuchtele mit den Armen und versuche, irgendwie das Gleichgewicht zurückzuerlangen. Vergeblich. Wie ein gefallener Kinoheld kippe ich rücklings ins Wasser.

Und es fühlt sich gut an.


Wo kann ich das lernen?

Der Anfängerkurs (zwei Std.) kostet auf dem Stausee Dresden-Cossebaude 25 Euro (plus vier Euro Eintritt).

Kurse werden in Sachsen auch auf der Talsperre Pöhl, auf dem Markkleeberger See und auf dem Schladwitzer See angeboten.

Die Ausrüstung kann in der Regel für wenig Geld ausleihen. Im Handel kosten die Bretter ab 200 Euro.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...