Was tun bei einem Behandlungsfehler?

Nach einer neuen Statistik bestätigt sich fast jeder vierte Verdachtsfall - Patienten haben oft Anspruch auf Schadenersatz

Den Tupfer vergessen, die Röntgenbilder vertauscht oder einen Bruch nicht erkannt: Auch Ärzte machen Fehler. Die können glimpflich enden, aber auch zu dauerhaften Schäden beim Patienten führen. Nach Angaben des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) prüften die Experten 2016 rund 15.100 Hinweise. In fast jedem vierten Fall bestätigte sich der Verdacht. Angesichts von mehreren Hundert Millionen Behandlungen pro Jahr erscheinen diese Zahlen gering. Allerdings geben sie kein vollständiges Bild wider, da sich Patienten bei einem Verdacht auch an andere Stellen wenden können - oder häufig gar nichts unternehmen. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Was zählt alles als Behandlungsfehler?

Wenn Ärzte die Behandlung nicht nach aktuellen medizinischen Standards durchführen oder gar eine gebotene medizinische Maßnahme unterlassen, dann ist dies ein Behandlungsfehler - ebenso, wenn trotz eindeutiger Hinweise keine Diagnose gestellt wird oder keine Aufklärung erfolgt, die bei einer Therapie zu beachten ist. Laut MDK betrifft jeder zweite bestätigte Fehler eine nicht oder zu spät durchgeführte medizinische Maßnahme. Bei 39 Prozent der Fälle wurde die Behandlung nicht korrekt durchgeführt. Zwei von drei Patienten erlitten einen vorübergehenden Schaden, bei jedem dritten war der Schaden dauerhaft.

Was können Patienten bei einem Verdacht auf Behandlungsfehler tun?

Vermuten Patienten, dass bei ihrer Behandlung etwas schiefgelaufen ist, können sie sich an ihre Krankenkasse wenden. Die ist seit 2013 dazu verpflichtet, bei der Aufklärung und dem Durchsetzen eventueller Schadenersatzansprüche zu helfen. Die Kasse beauftragt in der Regel den MDK mit einer medizinischen Begutachtung. Darüber hinaus können Patienten ihr Anliegen auch an die Schlichtungsstellen bei den Landesärztekammern, an unabhängige Patientenberatungen und Verbraucherzentralen, an Interessengemeinschaften von Medizingeschädigten und an Rechtsanwälte herantragen.

Was ist der Unterschied zwischen MDK-Gutachten und Schlichtung?

Sowohl MDK als auch Ärztekammern prüfen jeden Fall unabhängig. Rein statistisch sind die Chancen, dass ein Behandlungsfehler nachgewiesen wird, beim MDK allerdings etwas größer. Nach Angaben der Sächsischen Landesärztekammer lassen sich über 60 Prozent aller Patienten bei einem Schlichtungsverfahren von einem Anwalt vertreten. Ein MDK-Gutachten kann - im Gegensatz zur Schlichtung - auch noch während eines bereits laufenden Rechtsstreits erstellt werden.

Welche Unterlagen benötigt der MDK für die Prüfung?

Arztbriefe, OP- und Pflegeberichte, Bildaufnahmen (Röntgen, CT, MRT), Laborwerte, ein Ausdruck aus dem Praxiscomputer - all das kann zur Klärung beitragen. Patienten haben das Recht, alle entsprechenden Behandlungsunterlagen einzusehen. Außerdem sollten sie ein Gedächtnisprotokoll anfertigen, aus dem der Ablauf der Behandlung hervorgeht (siehe Infobox). Und der Patient muss die behandelnden Ärzte von der Schweigepflicht entbinden. Mustervordrucke gibt es bei der Krankenkasse.

Wie prüft der MDK, ob der Verdacht begründet ist?

Der MDK erstellt mithilfe der Unterlagen ein Gutachten. Dazu rekonstruieren die Experten zunächst den Behandlungsablauf und vergleichen ihn mit den geltenden medizinischen Standards. Das Gutachten wird an die Krankenkasse weitergeleitet und von dort an den Patienten. Das dauert im Schnitt drei Monate. Für Patienten ist die Erstellung des Gutachtens kostenfrei.

Haben Patienten bei einem Fehler Anspruch auf Schadenersatz?

Weist das Gutachten einen Behandlungsfehler und einen körperlichen Schaden nach, prüfen die Gutachter auch, ob der Schaden die Folge dieses Fehlers ist. In diesem Fall besteht Anspruch auf Schadenersatz. Die Beweislast vor Gericht liegt grundsätzlich beim Patienten - häufig eine hohe Hürde. Eine Ausnahme gilt für sogenannte grobe Behandlungsfehler; hier muss der Arzt nachweisen, dass sein Fehler nicht zu dem Schaden geführt hat. Keine Chance auf Schadenersatz besteht, wenn unerwünschte Behandlungsergebnisse auftreten, die unvermeidlich sind - es sei denn, der Patient wurde zuvor nicht angemessen über die Möglichkeit solcher Komplikationen aufgeklärt.

Wie ist die Situation in Sachsen?

Der MDK legt keine Zahlen für Bundesländer vor. Nach Angaben der Sächsischen Landesärztekammer ist in Sachsen die Zahl vermuteter Behandlungsfehler im Jahr 2016 zurückgegangen, die der festgestellten Fehler allerdings von 49 auf 52 gestiegen.

Alles notieren

Ein Gedächtnisprotokoll kann bei der Aufklärung eines vermuteten Behandlungsfehlers helfen. Es sollte vor allem folgende Angaben enthalten:

Welche Beschwerden oder Behinderungen sind für Sie die Folge eines Fehlers bzw. einer Behandlung?

Wie, wann und wo fand die Behandlung statt?

Wer hat Sie behandelt (Ärzte, Therapeuten, Krankenhausmitarbeiter)?

Wer kann Ihren Verdacht bestätigen?

Sind Sie zuvor in einem Aufklärungsgespräch darüber informiert worden, dass der Schaden auftreten kann?

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