Zehntausende Kinder ohne jeden Impfschutz

In Sachsen gibt es nach Bayern die meisten Impfverweigerer, zeigt eine Barmer-Studie. Darunter leiden am Ende alle.

Berlin.

Die Impflücken der Kinder in Deutschland sind größer als bisher angenommen: Bei den 13 wichtigsten Infektionskrankheiten wie Masern, Keuchhusten und Röteln waren zum Zeitpunkt der Einschulung weniger als 90 Prozent der Kinder geimpft. Das zeigt der Arzneimittelreport, den die Barmer am Donnerstag in Berlin vorstellte. Die Kasse hat dafür die Abrechnungsdaten von rund 45.700 Schulanfängern ausgewertet, die 2017 bei ihr versichert waren. Vorstandschef Christoph Staub bezeichnete das Ergebnis als alarmierend. "Für eine Schutzwirkung in der Gesellschaft sind Immunisierungsraten von mindestens 95 Prozent nötig", sagt er. Die Praxis zeige, dass Kinder und Jugendliche ihre Impflücken im Erwachsenenalter behielten.

Auch das Robert-Koch-Institut hatte bereits auf Defizite beim Impfschutz hingewiesen, doch ging es von höheren Quoten aus, weil der Impfstatus nur anhand vorgelegter Impfausweise ermittelt wurde. Jedes zehnte Kind hatte aber gar keinen.

Die meisten Impfverweigerer gibt es der Studie zufolge in Bayern und in Sachsen. 5,3 beziehungsweise 5,1 Prozent der Zweijährigen hatten hier keine einzige der von den Impfkommissionen empfohlenen Impfungen. Bundesweit waren mehr als 26.000 der im Jahr 2015 geborenen Kinder in den ersten beiden Lebensjahren ohne Schutz vor Infektionskrankheiten - im Schnitt 3,3 Prozent. Barmer-Chef Straub fordert, den Sorgen der Impfskeptiker mit guten Argumenten und gezielten Kampagnen zu begegnen. "Das Auftreten von Infektionskrankheiten, gegen die es eine Impfung gibt, ist ein Versagen der Gesundheitsvorsorge", sagt er.

Laut einer EU-Umfrage aus dem Jahr 2018 gehört Deutschland zu den Ländern, in denen die Impfskepsis am stärksten ausgeprägt ist. Nur 84 Prozent hielten Impfstoffe für sicher. Doch die Angst vor gesundheitlichen Schäden sei unbegründet, so das sächsische Gesundheitsministerium. 2018 gab es zwei bestätigte Impfschadensfälle bei etwa 2,4 Millionen Impfungen pro Jahr.

Auch beim Masernschutz steht Sachsen im Barmer-Report als Schlusslicht da. Während in den anderen Bundesländern knapp 80 Prozent der Zweijährigen zwei Masernimpfungen hatten, waren es im Freistaat nur 27,5 Prozent. "Das liegt daran, dass wir in Sachsen die zweite Masernimpfung erst im vierten Lebensjahr empfehlen, wie die meisten anderen EU-Staaten, die USA und Kanada auch", sagt Dietmar Beier, Vorsitzender der Sächsischen Impfkommission. Der Impfschutz halte damit länger an.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will die Impfquote durch eine Impfpflicht für Masern erhöhen. Ab 2020 sollen Eltern vor der Aufnahme ihrer Kinder in eine Kita oder Schule die Masernimpfungen nachweisen. Durch die Barmer-Analyse sehe er sich bestätigt. Über den Gesetzesentwurf wird nach der Sommerpause entschieden. Studienautor Daniel Grandt, Chefarzt am Klinikum Saarbrücken, geht das noch nicht weit genug. So sei beispielsweise nur jede zehnte junge Frau vor Röteln geschützt. "Eine Infektion in der Schwangerschaft kann schwerste Schädigungen beim Kind hervorrufen. Deshalb ist jeder Einzelfall inakzeptabel", sagt er. Die Kassen müssten an Impfungen erinnern. Nötig sei ein Vorsorgeprogramm analog der Krebsvorsorge. (mit dpa)

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6Kommentare
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  • 2
    2
    Blackadder
    09.08.2019

    @saxon: Sie sind genau der Typ Sachse, den ich meine.

  • 0
    6
    saxon1965
    09.08.2019

    Das ist so in etwa, wie beim Thema CO2 - Ausstoß und Klimaerwärmung. Es soll Wissenschaftler geben, die nicht der Meinung der großen Mehrheit zustimmen.
    So soll es auch Kinderärzte geben, die Impfungen "mit der Gießkanne", möglichst in Mehrfachimpfungen, auch kritisch sehen und ablehnen.
    Ich persönlich halte einige Impfungen für durchaus angebracht. Bei manchen Krankheiten gibt es so gut wie kein Sterberisiko, wenn man wichtige Verhaltensregeln (Fiebern, Ruhe u.s.w.) befolgt und trotzdem soll fleißig geimpft werden. Aber wir sind ja auch so bequem geworden. Impfen, Tabletten und alles ist gut.
    Jedenfalls sollte man sich nicht nur oberflächlich mit diesem Thema befassen und auch nicht alles glauben, was so propagiert wird und der Pharmaindustrie zu Millionen verhilft. In welchem Verhältnis viele Ärzte und diese Industrie stehen, erlebt man ja immer wieder.
    Zum Schluss steht da auch noch das recht der Eltern über ihre Kinder zu bestimmen. Nicht geimpfte Kinder sind auch nicht per se eine tödliche Gefahr für Andere. Auch geimpfte Kinder können noch anstecken. Es kommt auf die Krankheit an.
    Niemand käme auf die Idee zu verlangen, dass wir das Autofahren einstellen sollten, weil es jährlich über 3000 Verkehrstote gibt (auch Kinder). Wie viele Tote gibt es wegen s. g. Impfgegner?

  • 10
    1
    DTRFC2005
    09.08.2019

    @Deluxe: Sie haben völlig Recht. Ergänzen würde ich sehr gern, dem Umstand, das man aus dem Urlaub ebenfalls Infektionskrankheiten anschleppen kann und damit ganze Bevölkerungen ausrotten kann.

  • 8
    3
    lothaar
    09.08.2019

    @deluxe: Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen, Ihrem Kommentar kann ich vorbehaltlos und umfänglich zustimmen.

  • 7
    8
    Blackadder
    09.08.2019

    Dass die Sachsen eine so hohe Impfverweigerer-Quote haben, zeigt doch, wie anfällig man hier für alternative Fakten ist - sei es beim Impfen, beim Klimawandel oder bei den Lügen der AfD - der Sachsen glaubt halt lieber sich selbst und Märchen, die in sein Weltbild passen, als Wissenschaftlern und Experten. Mal provokativ ausgedrückt! Natürlich weiß ich, dass viele nicht so denken, aber ein Gesamtbild ist schon erkennbar.

  • 19
    3
    Deluxe
    09.08.2019

    Es wird Zeit für eine Impfpflicht ohne Wenn und Aber. Auf der einen Seite öffnen wir die Grenzen und importieren somit auch Infektionskrankheiten aus aller Welt, auf der anderen Seite leisten wir uns seit fast 30 Jahren die falsch verstandene "Freiheit", daß Eltern, also meist medizinische Laien, von Halbwissen geprägt selbst darüber entscheiden dürfen, ob ihr Kind geimpft wird.

    Das geht auf Dauer nicht zusammen.
    Krankheiten, die jahrzehntelang ausgerottet waren, sind nun plötzlich wieder da. Im 21. Jahrhundert!

    Und die Impfgegner verlassen sich einfach darauf, daß schon nichts passieren wird. Im Klartext: daß sich alle anderen brav impfen lassen, denn nur so sind ihre nicht geimpften Zöglinge vor Ansteckung sicher.
    Welch fatale und letztlich egoistische, also leider zeittypische Haltung! Dagegen muß etwas getan werden. Unbedingt.



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