Der Poet in der Post

Duong van Ngo ist eine Institution in Saigon. Er schreibt Liebesbriefe - für andere und als Letzter seiner Art.

Wer Duong van Ngo in Saigons Hauptpost treffen will, macht zuvor auf nur 60 Metern eine Welt- und Zeitreise: auf Fliesen im Jugendstil und flankiert von je sieben hölzernen Telefonzellen. Der prächtige Kolonialbau erinnert eher an eine Basilika. Die Stahlkonstruktion des Hauptschiffs hatte einst Gustave Eiffel entworfen. Am Ende der Schalterhalle grüßt von einem Wandgemälde Ho Chi Minh, seit 1976 offiziell Namensgeber von Vietnams größter Stadt und im ganzen Land verehrter Ex-Präsident des Nordens.

Der Volksheld wacht über die Angestellten und hat auch ein Auge auf Ngo, ein unscheinbares Männlein - und doch eine Institution. Der Greis mit dem schlohweißen Haar ist knapp 40 Jahre jünger als das 1886/91 errichtete und nach dem Vietnamkrieg aufwendig renovierte Haus. Jeden Tag Punkt acht, außer am Wochenende, sitzt der 89-Jährige dort an einer langen antiken Holzbank, mit dickem Wörterbuch, großer Lupe und Postleitzahlliste. Er schreibt, liest, übersetzt Briefe, Urkunden und Rechnungen. Und er hilft: nicht nur Analphabeten, sondern mit seiner geschliffenen Sprache auch jenen, denen die Worte fehlen. Ein behelfsmäßig befestigtes Din-A-4-Blatt weist ihn als "public writer" aus. Doch der Mann ist mehr als nur ein "öffentlicher Schreiber". Die Saigoner verehren ihn als Poeten von der Post.

Die meisten Briefe schreibt er der Liebe wegen und alle mit der Hand, sagt Ngo, der von 1946 bis 1990 im Postamt gearbeitet hat. Nun ist er seit 29 Jahren Rentner und freiwillig in spezieller Mission da. Einheimische kommen mit Briefen auf Vietnamesisch, er übersetzt sie - oder umgekehrt. Französisch hatte Ngo in der Schule gelernt, Englisch mit Mitte 30, als die ersten US-Bomben auf das Land fielen - in einem Krieg, der drei Millionen Landsleuten das Leben kostete und nach dem Abzug der Amerikaner auch gebrochene Herzen hinterließ. Der Poet, der seit gut 60 Jahren verheiratet ist, vier Töchter, zwei Söhne und eine Schar Enkel hat, tröstete mit Worten.

Einmal sei eine Frau aus einem 150 Kilometer entfernten Dorf aufgetaucht, um mit ihrem Enkel in Paris Kontakt aufzunehmen, berichtet Ngo. Es habe geklappt und er auch die Antwort übersetzt. Ein Ausländer fand über ihn seine Mutter wieder. Solche Erfolge motivierten, sagt der Mann, der für seine Dienste nur ein Trinkgeld oder kleine Geschenke annimmt. Zu den Inhalten der Korrespondenz schweigt er diskret. "Das habe ich schon vergessen", sagt Ngo.

Der Tag des im Kopf noch flinken Senioren ist minutiös getaktet: Punkt zwölf ist Mittagspause, dann schlürft er eine Suppe in der Küche um die Ecke. Anschließend geht es weiter. Um halb vier ist Feierabend. Der alte Mann packt seine Sachen, auch sein Lieblingsbuch, in dem er vor Ort nur selten blättern kann: Coopers "Der letzte Mohikaner". Eine symbolträchtige Lektüre - Ngo ist der einzige Übriggebliebene von einst fünf Briefeschreibern.

Jene, die keine Briefe mehr schreiben, sitzen gleich nebenan - mit Smartphones in der Hand und Stöpseln im Ohr. Nur ein paar Touristen beäugen neugierig den kleinen Mann. Nach getaner Arbeit, manchmal seien es zehn Briefe am Tag, schnappt er sich sein Fahrrad und radelt fünf Kilometer durch Saigon nach Hause. Und was treibt den jung gebliebenen Alten? "Es ist lustig", sagt er. "Ich kann nicht daheim rumsitzen, sondern muss unter Menschen sein." Er wolle so lange arbeiten, wie es der Himmel ihm erlaube.

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