Eine Nacht im Schnee

Abends oben im Skigebiet bleiben zu können, ist ein Privileg - nicht nur wegen der unberührten Pisten am Morgen danach. Ein Besuch in den Kitzbüheler Alpen.

Ende? "Ja, Ende", sagt der Mitarbeiter der Bergbahnen und greift nach der roten Sperrleine. Es ist kurz vor 16 Uhr, die Sonne lässt nur noch einige Gipfel der Kitzbüheler Alpen leuchten. Für heute stellt der Tellerlift am Wildalpgatterl den Betrieb ein. Die letzten Mitfahrer, die es pünktlich hier hinauf geschafft haben, klicken ihre Skischuhe in die Bindungen und schwingen hinab zu dem Berggasthof, der in Sichtweite liegt. Wer jetzt noch dorthin möchte, muss zu Fuß aufsteigen. Eine Zufahrtspiste durch den höher gelegenen Wald ist gesperrt. Zu viele Bäume biegen sich unter der Schneelast, es herrscht Lawinenwarnstufe vier.

Drinnen in der Gaststube hat Wirtin Angela Fürhapter den grünen Kachelofen angeheizt. Ihre Mitarbeiter kippen die schweren Holztische zur Seite, scheuern und saugen die Böden. Wenn die Spuren der Tagesgäste getilgt sind, ist aber immer noch kein Feierabend fürs Personal. Schließlich sind Skifahrer im Haus, die über Nacht bleiben. Sechs mit Fichtenholz vertäfelte Zimmer gibt es im Obergeschoss, eher spartanisch mit Stockbetten ausgestattet. Trotzdem müssen Interessenten spätestens im Herbst reservieren, wenn sie im Winter hier zu Gast sein wollen. Übernachtung und Halbpension kosten 95 Euro pro Person. "Wir haben viele Stammgäste, hauptsächlich Deutsche und Österreicher", berichtet die 45-Jährige. Holländer kämen dagegen kaum, die seien eher im Tal beim Aprés Ski anzutreffen.

An Hütten und Berggasthöfen in den Skigebieten mangelt es nicht in Tirol. Allein im benachbarten Gebiet von Sankt Johann sind es um die 20 - "das ist die höchste Hüttendichte in unserem Bundesland", sagt Gernot Riedel vom zuständigen Tourismusverband. Doch nur manche Wirte bieten auch Übernachtungsmöglichkeiten an.

Was die Standards der Herbergen betrifft, ist für jeden Geschmack etwas dabei. So können Gäste der auf 1225 Metern gelegenen Maierl-Alm ins Schwimmbad gehen oder saunieren. Für Skitouristen mit einem Faible für guten Wein ist die urige Angerer Alm eine Top-Adresse: Hoch über Sankt Johann hütet Wirtin und Diplom-Sommelière Annemarie Foidl einen Weinkeller mit 6000 Flaschen aus aller Welt, darunter Preziosen wie einen 1795er Madeira oder einen Massandra aus dem Zarenweinkeller. Schon seit 1989 betreibt die heute 51-Jährige das Gasthaus am Kitzbüheler Horn. "Damals war ich die jüngste Hüttenwirtin Österreichs", erzählt Foidl. Inzwischen ist Tochter Katharina, 31, ins Geschäft eingestiegen. Sie und ihr Lebensgefährte Gerald Weiss bekochen die Gäste - bevorzugt mit regionalen Zutaten. Gibt es Fleisch, so stammt dies oft von einem Bauernhof, dessen Sommerstall nur wenige Hundert Meter entfernt liegt.

Auch Angela Fürhapter vom Wildalpgatterl hat früh Verantwortung für die elterliche Wirtschaft übernommen. Ungefähr Mitte 20 sei sie da gewesen, erinnert sich die blonde Mittvierzigerin. Heute vermarktet ihre Familie den auf rund 1300 Metern gelegenen Gasthof geschickt als Sehnsuchtsort. Ein Versprechen, das sich leicht einlösen lässt, wenn die Landschaft von einer über zwei Meter dicken Schneedecke bedeckt ist. "Es ist ein Privileg, oben am Berg bleiben zu können, während alle anderen ins Tal müssen", findet Gernot Riedel.

Tatsächlich sind um 17.30 Uhr die Übernachtungsgäste fast unter sich. Nur eine Männerrunde - dem Dialekt nach Schwaben - sitzt noch in einer Ecke. Man trinkt helles Huber Bräu und spielt Schafskopf. Draußen geht die Dämmerung ins Nachtdunkel über. Beim Spazierengehen ist nur das Knirschen des Schnees unter den eigenen Füßen zu hören. Dann zerreißt der dumpfe Donner einer Lawinensprengung die Stille. Ob der Weg unterhalb des Hausbergs morgen wieder offen ist?

Eine knappe halbe Stunde später ziehen die fünf Herren ihre Jacken an, setzen die Helme auf und schnallen die Ski unter. Im Schein der Stirnlampen wedeln sie Richtung Mittelstation. Dort flackert noch das Licht einer Aprés-Ski-Bar. Musik ist nicht zu hören. Zum Glück.

In der Küche des Berggasthofs klappern derweil die Pfannen und Teller. Angela Fürhapter serviert Kaspressknödelsuppe, Schlutzkrapfen und gebratene Forelle, schenkt dazu Riesling aus der niederösterreichischen Wachau ein. Als Nachtisch gibt es Haselnuss-Soufflé. Das Lob nach jedem Gang quittiert sie mit zurückhaltendem Lächeln. "Habt Ihr noch einen Wunsch?" Bald stellt sich wohlige Bettschwere ein. Gut, dass es vom Schankraum bis ins Zimmer nur wenige Stufen sind. Bis dort oben warmes Wasser aus der Dusche kommt, dauert es aber auch mal 20 Sekunden. Ein Umstand, der aber zu verschmerzen ist.

Am nächsten Morgen spannt sich blassblauer Himmel über dem Lärchfilzkogel. Angela Fürhapter steigt auf ihr Schneemobil und startet den Motor. Gepäcktransfer gehört zum Service. Unten in Fieberbrunn warten die Frühaufsteher noch auf die 8.30-Uhr-Gondel. Für die Gäste des Wildalpgatterls hingegen beginnt der Tag mit einer Abfahrt, wie man sie selten erlebt - auf perfekt präparierten, menschenleeren Pisten.

Paradies für Skifahrer

Anreise: Mit dem Auto sind es von Chemnitz über München und Kufstein ca. 510 Kilometer bis Sankt Johann in Tirol (reine Fahrtzeit ca. fünf Std.). Mit dem Zug über Leipzig und München nach Wörgl, von dort weiter nach St. Johann (ca. 8,5 Std.).

Region: Zu den Kitzbüheler Alpen gehören die Ferienregionen St. Johann, Hohe Salve, Brixental u. Pillerseetal. Urlauber in einer dieser Regionen können mit gültiger Gästekarte die Regionalexpress-Züge und S-Bahnen zwischen Wörgl und Hochfilzen nutzen.

Übernachtung in Skigebieten: im Berggasthof Wildalpgatterl ab 95Euro pro Person (DZ mit HP), auf der Angerer Alm ab 97 Euro p. P. (DZ mit HP), auf der Maierl-Alm ab 100 Euro p. P. (DZ mit Frühstück), Berggasthof Tenn (Appartement für sechs Personen) ab 100 Euro pro Nacht bei zwei Personen, jede weitere zehn Euro.

Skipässe: Fürs Gebiet St. Johann (Hauptsaison, bis 15.03.) 126 Euro für die 3-Tages-Karte Jugendliche (Geb.-jahr 2000-2002) 100,50 Euro, Kinder (2003-2012) 63 Euro, Senioren (ab 1953) 115 Euro. Für die Kitzbüheler Alpen und Umgebung (SuperSkiCard, 23 Skigebiete, 2750 Pistenkilometer) 166 Euro für die 3-Tages-Karte (Jugendliche 124 Euro, Kinder 83 Euro).

Schneetelefon für das Gebiet Fieberbrunn-Saalbach-Hinterglemm-Leogang: 0043 (0)5354 56333, für St. Johann: 0043 (0)5352 62293Kulinarik: 24 Wirte, die sich in der Gastronomenvereinigung "KochArt" organisiert haben, verarbeiten bevorzugt Erzeugnisse von hiesigen Bauern. Mehrmals im Jahr finden gemeinsame Spezialitätenwochen statt.

Die Recherche wurde unterstützt von der Kitzbüheler Alpen Marketing GmbH. www.kitzalps.com

Ein Sachse in Sankt Johann

Eigentlich wollte Christian Rehnisch in den Alpen als Skilehrer arbeiten und nebenbei seinem Hobby frönen. Es kam anders.

Das "R" rollt Christian Rehnisch nicht. Aber wenn man ein bisschen genauer hinhört, lässt sich sein sächsischer Akzent erahnen. "Ich komme aus Zittau", verrät der 19-Jährige, wenn man ihn darauf anspricht. Den Winter verbringt der gebürtige Oberlausitzer bereits das zweite Jahr nacheinander in den Tiroler Alpen - als Skilehrer.

Dass es den groß gewachsenen jungen Mann nach dem Abitur ausgerechnet hierher verschlug, hängt mit einem anderen Lieblingssport zusammen: "Ich habe im Verein Volleyball gespielt, zuletzt in der Sachsenklasse. Das hat mir extrem viel Spaß gemacht." Um Hobby und Job verbinden zu können, suchte Rehnisch deshalb nach einem Skigebiet "mit akzeptablem Volleyballverein" in Österreich. Die Wahl fiel auf Kufstein und die Schneesportschule Eichenhof in Sankt Johann.

Dass man von einem "Flachlandtiroler" wie ihm die Kunst des Skifahrens lernen kann, verdankt Christian Rehnisch seinen Eltern. Die stellten ihn auf Bretter, als er gerade mal zweieinhalb Jahre alt war. "Beide sind begeisterte Skifahrer. Wir waren in manchen Jahren dreimal im Skiurlaub."

Heute carvt er an sechs Tagen der Woche zu Tal und wird dafür sogar bezahlt. Reichtümer verdient er dabei allerdings nicht. "Letzte Saison bin ich mit einem Minus von 200Euro heimgekommen." Schuld waren die Kosten für ein Paar neue Ski und die eine oder andere Einkehr nach Feierabend. "Bei uns in der Oberlausitz bezahlt man 2,50Euro für ein großes Bier. Hier sind es 4,50 oder teilweise fünf Euro", sagt Rehnisch. Er nimmt es sportlich - und absolviert mehrere Ausbildungskurse, um in der Gehaltsleiter ein Stück nach oben zu klettern. "Unter anderem habe ich noch den ,Snowboardlehrer Anwärter' vor mir." Mit Prognosen, ob er diesen Lehrgang besteht, hält er sich zurück. Aus gutem Grund: "Ich bin noch nie Snowboard gefahren." Immerhin ist noch Zeit fürs Üben: Die Saison in diesem Teil der Kitzbüheler Alpen endet erst Mitte April.

Alles in allem habe er mit der Wahl seines Arbeitsorts einen echten Glückstreffer gelandet, sagt Christian Rehnisch. "Und das Lustigste ist: Letzten Winter war ich nicht ein einziges Mal Volleyball spielen."

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