Lass die Badehose daheim

Kühlungsborn ist vor allem bei Senioren beliebt. Aber wie lockt man deren Kinder und Enkel an? An Ideen mangelt es nicht - und die haben gar nicht mal immer etwas mit Wasser zu tun.

Das ist doch ein Witz. Der Flachländer aus Mecklenburg will uns bergerfahrenen Sachsen etwas vormachen? "Schön aufpassen, gleich geht es richtig steil runter", warnt Peter Schult am Rande eines abschüssigen Weges. "Dann kommen zwei Schanzen und dann noch eine tiefe Kuhle mit Sand." Der Tourenscout von der Radfahrkette Drahtesel in Kühlungsborn meint es wohl nur gut mit den Teilnehmern seiner heutigen Downhillgruppe. Aber übertreibt er nicht ein bisschen?

Links und rechts ragen riesige Buchen empor. Wenn der Untergrund nicht aus feinem weißen Sand bestünde, könnte man sich im Erzgebirge oder Harz wähnen. Doch nein, das sich über eine Endmoräne erstreckende Waldgebiet liegt nur wenige Kilometer südlich von Deutschlands größtem Ostseebad Kühlungsborn, dem Bad mit der längsten Strandpromenade an der ganzen Ostsee. Superlative müssen sein.

Schult, ein drahtiger Ausdauersportler, hat nicht übertrieben. In der Kühlung, wie der Wald hier heißt, müssen selbst bergerfahrene Sachsen aufpassen. Ordentlich steil geht es nach unten. Die Räder rumpeln über riesige Wurzeln. Und schon dreht das Hinterrad im weichen Quarz durch. Jetzt nur nicht hinfallen.

Im Laufe der Tour wird Schult erzählen, wie er ein paar Bayern am Anstieg kaputt gespielt hat. Physisch, natürlich. Doch das sei gar nicht sein Ziel. Der Junge von der Küste verfolgt eine ganz andere Mission: Er möchte die Leute weglocken von der großen Badewanne, die man selbst hier noch riechen kann. Er möchte sie aktiv werden lassen. Er möchte, dass sie sich bewegen, so wie er selbst noch vor ein paar Tagen am Abend einfach mal so 60 Kilometer geschrubbt hat, um im Kopf wieder frei zu werden.

Das Vorhaben gestaltet sich allerdings nicht so ganz einfach. 177 Radtouren ab 25 Euro - von der Herrenhausrunde bis zum sportlichen Biken - hat Schult im vergangenen Jahr angeboten, lediglich 25 wurden gebucht. Bei den Urlaubern sei durchaus Interesse da, sagt er. Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen würden allerdings oft lieber den hauseigenen Strandkorb vermieten und betrachteten ihn und seine Angebote eher als lästige Konkurrenz.

Bei einem Radler in der Alten Büdnerei, einem kleinen, abseits der Straße gelegenen Gartenparadies mit Café, kommt der Tourenscout ins Erzählen, manchmal auch ins Schimpfen. Was ihm Sorgen bereitet, ist die alternde Besucherschar in Kühlungsborn. Ähnlich wie in den Kaiserbädern auf Usedom dominiert die Generation Ü 65, die mit den noch guten Renten. Ihre Enkel werden sich hier vermutlich keine Ferienwohnung mehr leisten können und wollen, geschweige denn die Suite im Vier-Sterne-Hotel. Doch wie lockt man junge Leute und Familien an, zumal bei diesem gehobenen Preisniveau?

Es gibt zumindest Ideen, und Schult ist kein Einzelkämpfer in seinem Streit für mehr Vielfalt des Tourismus entlang der mecklenburgischen Ostseeküste. Ihm zur Seite stehen sogar unvermutete Verbündete. Einer von ihnen sitzt in einer von Efeu umrankten Baracke und kühlt sich mit einer Weinschorle herunter. Werner Gallass ist Geschäftsführer des Golfresorts Wittenbeck. Wie das Auenland in den Hobbit-Filmen wölbt es sich oberhalb der Küste. Wäre das nicht eigentlich ein Paradies für Touristen?

Werner Gallass winkt ab. Der Mann wirkt ein bisschen desillusioniert. Wie ein Hausierer ist er bei den Hotels in der Umgegend unterwegs gewesen, mit Golfschlägern und Bällen vor der Brust. So richtig wollte keiner anbeißen. Die Badewanne Ostsee reiche aus, wurde ihm durch die Blume zu verstehen gegeben. Von den 1850 Mitgliedern des Golfresorts kommt ein Großteil aus den nicht weit entfernten Großstädten Berlin und Hamburg.

Doch wie fühlt sich Golfen hier oben an der Küste an? "Ralph Schlüssel bietet den Schlüssel zum Golfglück", sagt der Mann am Tresen. Den Kalauer kann er sich nicht verkneifen. Doch Schlüssel - trotz seines jungen Alters mit genügend Erfahrung aus England - erledigt seinen Job souverän. Geduldig erklärt er Anfängern das Einmaleins seiner geliebten Sportart.

Die Praxis steht im Vordergrund. Da muss die linke Hand an den Schläger. Vorsicht, den Fuß nicht abheben. Der Lehrer konzentriert sich auf konkrete Hinweise, die sich leicht erfassen lassen. Schnell stellen sich erste Erfolgserlebnisse ein. Das macht Lust auf mehr, nicht auf Meer. Vermutlich dürfte das eher proletarisch eingeschätzte Billard schwerer zu erlernen sein. Der Eintrittsschein für den grünen Rasen übrigens ist durchaus bezahlbar. Sechs Trainingseinheiten von je 25 Minuten sind für ein Paar bereits für 200 Euro zu haben.

Ortswechsel. Vom Hinterland zurück an die Küste. Ganz ohne Meer geht es nun mal nicht. Skipper Jan Grunwald hat es deshalb etwas einfacher als seine Kollegen auf dem Fahrrad und am Golfschläger. Seine Segelturns mit dem Katamaran Viamar verkaufen sich besser. Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass hier oben an der Ostsee besonders jene Aktivitäten gefragt sind, die mit dem Meer zu tun haben - im, direkt am und auf dem Wasser.

Grunwalds Standardroute geht zuerst westlich in Richtung des Fischerdorfes Rerik, dann östlich nach Heiligendamm. Die Unterwelt des Katamarans wirkt wie ein kleines Hotel. Kuschelige Schlafkojen gibt es hier und einen gut gefüllten Kühlschrank. Eine Unwägbarkeit gibt es allerdings auch für den Sonnyboy: das Wetter. Zwei Wochen Regen können die Bilanz schon ordentlich verhageln.

Am Abend findet sich Gelegenheit, das Erlebte zu reflektieren. Im Jugendstil-Hotel Polarstern nimmt sich Hotelier Christian Kerber dafür Zeit. Das von seinen Schwiegereltern begründete Haus fügt sich ein in die westliche Seite der scheinbar unendlichen Kühlungsborner Hotelreihe. Letztlich steht Kerber vor genau der gleichen Herausforderung wie seine Kollegen von der Tourismuswerbung: Ob in der Konkurrenz der Ostseebäder oder der Übernachtungsanbieter - ein Alleinstellungsmerkmal ist gefragt.

Darauf vielleicht einen Talisker? Jenen berühmten Whisky von der Isle of Skye im Nordwesten Schottlands? Was die Besucher zunächst für einen Witz halten, meint Kerber durchaus ernst. Der Mecklenburger verblüfft mit seinem Angebot und seinem Wissen selbst whiskyerfahrene Sachsen. Er hat das Hotel zusammen mit seinem Schwiegervater zu einer Art Mekka des schottischen Nationalgetränks entwickelt. Regelmäßig finden hier entsprechende Seminare statt. Über hundert offene Flaschen stehen bereit. Vielleicht noch einen Lagavulin? Draußen rauscht die Ostsee, als ob es der Atlantik wäre.

Ausflug zur "Verbotenen Insel"

Anreise: Mit dem Auto von Dresden nach Kühlungsborn rund 460 Kilometer. Mit dem Zug bis Bad Doberan, weiter mit der Bäderbahn. Der Flixbus fährt bis Rostock, von dort weiter mit dem Linienbus.

Mountainbiking: Im Angebot sind neun Touren mit verschiedenen Streckenlängen und Schwierigkeitsgraden. Kosten ab 18 Euro. Räder können ausgeliehen werden.

Segeltörn: Mehrmals täglich legt der Katamaran zu einer zweistündigen Entdeckungsreise entlang der Ostseeküste ab. Preis: 18 Euro.

Ausflugstipp 1: Das Seebad Heiligendamm sorgte während des G-8-Gipfels 2007 weltweit für Schlagzeilen. Mit seinen schneeweißen klassizistischen Fassaden bildet es einen echten Hingucker. Kurz vor Heiligendamm liegt der Deck Beach Club, wo das Summer Closing am 14. September ab 21 Uhr stattfindet.

Ausflugstipp 2: Wer es eher ruhiger und naturnah mag, dem sei eine Planwagenfahrt über die "Verbotene Insel", das Naturschutzgebiet Wustrow, empfohlen. Details über Herbert Bannow: Telefon 0174 8001881.

Die Recherche wurde unterstützt vom Verband Mecklenburgischer Ostseebäder

www.ostseeferien.de

Je weiter der Wurf, desto größer die Chancen

Das wichtigste Ereignis des Jahres an der Ostsee - zumindest für Angler - ist das Brandungsangeln in Rerik.

Bis zu 100 Angler werden sich am 19. Oktober am Reriker Campingpark treffen. Sie kommen nicht nur aus Mecklenburg-Vorpommern, sondern auch aus Bayern und Nordrhein-Westfalen. Jeder bekommt seinen eigenen Sektor zugelost. Das Startgeld beträgt 20 Euro.

Mit Spezialausrüstungen gehen die Teilnehmer dabei auf Fischfang, die in Küstennähe schwimmen. Um den Wellen zu trotzen, muss das Zubehör besonders robust sein. Zudem ist eine spezielle Technik nötig. Es geht darum, das Wurfgewicht so weit wie möglich in die Ostsee zu befördern. "Profis schaffen 150 bis 160 Meter", sagt Michael Lorenz, Inhaber des Angelgeschäfts Wattwurm, das zu den Organisatoren gehört.

Der Wettbewerb startet 17 Uhr und dauert fünf Stunden.

Der Fang landet im Anschluss in der Regel direkt auf dem Grill und kann dort von den Schaulustigen verkostet werden.

www.wattwurm-rerik.de

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...