Christina Schwanitz: "Das Thema Rio ist endgültig durch"

Die Welt- und Europameisterin über schwere Tage, neue Ziele und ein emotionales Leckerli im nächsten Olympiazyklus

Gelenau.

Beim Meeting in Düsseldorf steigt Kugelstoßerin Christina Schwanitz am Mittwoch in die Hallensaison der Leichtathleten ein, die sie bei der EM in Belgrad erfolgreich beenden will. Warum es beim letzten Höhepunkt in Rio de Janeiro nicht wie erhofft lief, welche privaten und sportlichen Faktoren eine Rolle spielten und wie sie weiter plant, darüber sprach Thomas Treptow mit der 31-Jährigen vom LV 90 Erzgebirge.

Freie Presse: Ihren letzten Wettkampf bestritten Sie Anfang September 2016 beim Istaf in Berlin. Jetzt greifen Sie wieder ein. Wie gut fühlen Sie sich in Schuss? Wie lief die Vorbereitung?

Christina Schwanitz: Bis kurz vor Weihnachten war ich sechs Wochen auf Bundeswehrlehrgang. Dort waren die Trainingsmöglichkeiten grundsätzlich zwar okay, aber es mangelte einfach an Zeit, weil wir manchmal zwei Drittel des Tages im Unterricht saßen. Da fehlen vielleicht ein paar Stoßeinheiten, um bestimmte Sicherheiten zu erlangen und Mechanismen routiniert ablaufen zu lassen. Aber ansonsten stimmen die Kraftwerte soweit und die Technik ist ja nicht verloren gegangen. An den Wochenenden bin ich auch nach Hause gekommen, um zu stoßen.

Wo wurden Sie denn geschult?

Wir waren in der Nähe von Münster, 20 Kilometer davon entfernt. Das liegt sozusagen gleich um die Ecke. Nein, Spaß beiseite, mit der Fahrerei war das ziemlich ungünstig. Freitags möchte offenbar jeder von Westen nach Osten, auf sechs Stunden Fahrt mussten wir uns einstellen.

Bundeswehrlehrgang klingt irgendwie auch nach Robben im Schlamm ...

(Christian Schwanitz lacht): Nein, nein. Wir saßen vor allem auf der Schulbank im theoretischen Unterricht.

Wie sieht der Fahrplan für die Hallensaison aus?

Ich stoße bei den Meetings in Düsseldorf, danach am kommenden Sonntag in Rochlitz, dann Karlsruhe, Sassnitz - und Mitte Februar bei den Deutschen Hallenmeisterschaften in Leipzig.

Garnieren Sie das Programm auch mit der Hallen-EM in Belgrad?

Natürlich. Wenn ich schon die ganze Hallensaison mitmache, will ich auch beim Höhepunkt mitmischen. Die Ungarin Anita Marton, die Dritte von Rio, wird sicherlich in Belgrad dabei sein. Das verspricht schon mal ein interessantes Duell.

Für Sie lief es bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro mit Rang sechs nicht wie erhofft. Wo sehen Sie mit etwas Abstand die Gründe dafür?

Es gab viele Faktoren, warum das so gelaufen ist. Einer davon war privater Natur, von dem zum damaligen Zeitpunkt im Umfeld kaum jemand wusste. Dann kam die schwere Verletzung an der Schulter im Vorfeld hinzu. Dadurch konnte ich 16 Wochen gar nichts machen. Da fehlte Muskulatur, und auch die technischen Abläufe passten nicht so ganz. Zudem glaube ich, dass ich zwischen der EM in Amsterdam und Rio im Training ein wenig überzogen habe. Da ist der Ehrgeiz zu stark gewesen, was sich ebenfalls auf die Leistungsfähigkeit ausgewirkt hat.

Wie haben Sie Rio verarbeitet und wann war das Thema endgültig abgehakt?

Am Anfang war ich natürlich megaenttäuscht. Auf der anderen Seite sage ich aber: Ich bin Sechste in der Welt geworden. Ich denke, man muss alles in den richtigen Relationen sehen. Nach der Schulterverletzung glaubte ich im Februar noch, ich muss mit dem Leistungssport aufhören. Sechs Monate später darf ich zu den Olympischen Spielen fahren und komme unter die besten zehn der Welt - das muss man sich erst einmal erarbeiten. Na klar war ich enttäuscht. Na klar wollte ich mehr erreichen - und eine Medaille wäre unter normalen Bedingungen auch möglich gewesen -, darüber müssen wir nicht diskutieren. Aber spätestens nach dem Urlaub war das alles verarbeitet, und dann begann schon der Bundeswehrlehrgang. Und jetzt, wo die Hallensaison vor der Tür steht, ist das Thema Rio endgültig durch.

Verraten Sie noch etwas über den privaten Faktor?

Ja, er ist ja auch nicht mehr so privat. Nach Rio habe ich Anfang Dezember ein Buch herausgebracht - quasi nebenbei. Der Titel lautet: "Es ist doch nur Kugelstoßen". Darin geht es um mein Leben, auch um Privates. In diesem Buch ist die Geschichte verarbeitet, dass meine beste Freundin einen Tag vor meinem Wettkampf in Rio verstorben ist. Dementsprechend war das, mental gesehen, einer der schwersten Tage in meinem Leben.

Peilen Sie definitiv eine vierte Olympiateilnahme an?

Es ist mein großes Ziel, Tokio 2020 als Athletin zu erleben. Bis jetzt habe ich es bei jeden Olympischen Spielen geschafft, mich von der Platzierung her zu verbessern. Das soll natürlich in Tokio so weitergehen. Dann ist noch eine Schippe mehr Erfahrung dabei, die im Leistungssport viel zählt. Sicherlich spielt das Alter auch eine Rolle. Aber das ist im Wurfbereich etwas einfacher, als bei den Sprintern, Turnern oder Schwimmern. Und im nächsten Jahr findet die EM im eigenen Land statt.

Welchen Stellenwert hat so eine Heim-EM?

Das ist der Vorteil in diesem Olympiazyklus, dass wir noch einmal so ein Leckerli, ein Zwischenhoch, etwas Besonderes bekommen. Eine Europameisterschaft im eigenen Land ist ein emotionales Highlight. Auch die EM zuletzt in Zürich war schön. Aber 2009 bei der WM in Berlin war ich so fasziniert, so mittendrin, das ist einfach unbeschreiblich.

Von der großen zurück auf die kleinere Bühne, zum LV 90 Erzgebirge, dem Sie seit sieben Jahren die Treue halten ...

So klein sind wir mit 250 Mitgliedern nicht wirklich. Das Besondere, was den Verein ausmacht, ist, dass er jedes Talent unterstützt - egal, ob Werfer, Sprinter oder Springer. Auch kann man jederzeit zum Vorstand gehen, zum Präsidenten oder zum Trainer. Es gibt immer einen Ansprechpartnern. Es ist aber auch so, dass nicht jeden Monat einer auf der Matte steht und irgendetwas von dir will. Dadurch, dass es ein familiär gehaltener Verein ist, stärkt es einen nach außen, weil sie dich in Ruhe machen lassen, viel Arbeit abnehmen. So wünscht man sich das. Außerdem bin ich sowieso ein Verfechter davon, den Verein nicht ständig zu wechseln. Wenn ich mich einmal entschieden habe, dann muss schon echt böses Blut fließen, dass ich woanders hingehe.

Kurzum, Sie fühlen sich wohl im Verein?

Genau. Das passt.

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