Die Frauen haben das Kommando

"Freie Presse"-Redakteur Thomas Reibetanz will 2020 beim Mountainbikerennen starten. Der Weg dahin wird dokumentiert. Teil 11: Die heiße Phase beginnt.

Wer schnell sein will, muss leiden. In fünf Monaten wird es ernst, dann steigt das "Heavy 24" am Stausee Oberrabenstein. Ich will dort mit einem Viererteam an den Start gehen. Ich, der bis Sommer 2019 nur ab und zu auf das Fahrrad gestiegen ist, um mal eine schnelle Runde zu drehen. Ich, der vor einem Jahr noch die aktive Sportlerkarriere für beendet erklärt hatte - wegen zu alt. Ich wollte etwas gegen diese Trägheit tun. Und jetzt bekomme ich die Quittung dafür: Ich muss mich von Frauen anschreien lassen.

Eine dieser Frauen ist Jitka. Sie begleitet das Projekt "In einem Jahr zum Heavy 24" seit Herbst letzten Jahres, indem sie mich als persönliche Trainerin auf der Rüttelplatte zu Höchstleistungen treibt. Oder zu dem, was bei mir so möglich ist. Die Rüttelplatte heißt in der Fachsprache Power Plate. Sie bewirkt, dass bei Übungen, die man auf ihr macht, auch die Tiefenmuskulatur trainiert wird. Bei den ersten Übungen fiel mir anschließend tatsächlich das Laufen schwer, mittlerweile ist der Trainingseffekt spürbar. Auch dank Jitka, die ein "Ich kann nicht mehr" verblüffend gut ignorieren kann.

Rüttelplatte allein bringt aber in Vorbereitung auf einen sportlichen Wettbewerb nichts, wenn man dazu nicht auch "normal" Sport treibt. Auf dem Fahrrad habe ich das bis Oktober sehr regelmäßig gemacht, bin fast täglich die 40 Kilometer von Freiberg nach Chemnitz geradelt. Seit November war da nicht mehr viel. Und zu allem Überfluss kam auch noch Weihnachten, wo man um das Essen nicht herumkommt.

Apropos Essen. Wer diese kleine Serie hier verfolgt hat, durfte auch von der Umstellung auf die 16:8-Methode lesen. Die war im vergangenen Jahr plötzlich total angesagt, auch ich habe sie versucht und anfangs für gut befunden. Das Prinzip dabei: Man isst nur binnen acht Stunden etwas, 16 Stunden lang fastet man. Ich habe das wieder aufgegeben. Denn mein Effekt war: Morgens auf ein Frühstück zu verzichten, macht mir keine Probleme. Ich mag keinen vollen Magen am Vormittag. Allerdings kam der Hammer dann am Abend. Denn bis 20 Uhr hatte ich Ess-Erlaubnis, und die habe ich aufgrund großen Hungers auch ordentlich genutzt. Resultat: Mit vollem Magen ins Bett, schlechter Schlaf. Erkenntnis: Keine Ratschläge mehr an die Leser. Jeder soll so essen, wie es ihm guttut. Ich persönlich esse jetzt, wenn ich Hunger habe. Dann aber weniger. Tut gut.

Aber zurück zum Training, bei dem bis zum Jahreswechsel nicht mehr viel passiert ist. Doch die heiße Phase beginnt ja, das "Heavy" rückt immer näher. Und so gab es zunächst die Muskelanalyse im Freiberger Gesundheitsstudio "Mumm". Diese fiel gut aus, ein Trainingsplan sollte erstellt werden. Wo wir bei der zweiten Frau wären, die mich aktuell anschreien darf: Sandra Mudrak. Die Inhaberin des Freiberger Gesundheitsstudios duldet bei Übungen ebenfalls keine Schwächeanfälle. Allerdings achtet sie auch sehr darauf, dass nicht falsch trainiert wird - so wie auch Jitka auf der Rüttelplatte. "Du bist schief", sagte bereits Jitka, und das sagte auch Steffen Öhmichen von der TU Chemnitz, der mit mir eine Leistungsdiagnostik durchgeführt hat. Sandra Mudrak ging dabei jetzt aber noch ein bisschen weiter: "Du musst das untersuchen lassen", sagte sie. "Deine Hüfte ist verdreht. Oder ein Bein ist kürzer als das andere. Oder es hat eine andere Ursache."

Tatsächlich - und das ist jetzt kein Witz - habe ich in den vergangenen Jahren immer gedacht, ich habe bei Jacken mit Reißverschluss stets die schief genähten erwischt. Weil der Reißverschluss nie in der Mitte des unteren Oberkörpers endete. Jetzt weiß ich: Nicht die Jacken sind schief, sondern ihr Träger. Und das ist eher weniger gut.

Wie geht es also weiter? Natürlich mit Training. Bis das Wetter wieder lange Radtouren ohne Streusalz in der Kette zulässt, wird im Gesundheitsstudio der extra angefertigte Trainingsplan abgearbeitet, der auch einem schiefen Journalisten nicht schadet. Dazu steht ein Besuch beim Chiropraktiker an. Vielleicht bekommt man mich ja wieder geradegerückt. Vor allem in Hinblick auf meine Rentenzeit wäre das durchaus von Vorteil. Denn wenn die Muskeln mal schwinden, wird eine schiefe Hüfte richtig zum Problem.

Aktuell hindert mich aber nichts daran, mein Projekt weiterzuführen. Ich werde dabei unter anderem weiter in den Trainingsalltag bekannter und erfolgreicher Sportler hineinschnuppern. Und es wird dabei bleiben, dass Frauen das Kommando haben. Nachdem es im Dezember eine Einheit mit Turnweltmeisterin Pauline Schäfer gab, steht demnächst eine mit Weltklasse-Dreispringerin Kristin Gierisch auf dem Programm. Und auch mit den Chemnitz Niners, der aktuell besten Basketballmannschaft der Zweiten Liga, soll es eine gemeinsame Trainingseinheit geben. Dann mal ohne Frauen. Mal sehen, wer mich dort anschreit.

Alle Texte der Serie "In einem Jahr zum Heavy 24" gibt es im Internet: www.freiepresse.de/heavy24


24 Stunden im Fahrradsattel

Das Heavy 24 ist ein jährlich stattfindendes Geländerennen für Mountainbikefahrer rund um den Stausee Oberrabenstein - die diesjährige Auflage steigt am 27./28. Juni. Ziel für jeden Einzelstarter oder jedes Team (Zweier, Vierer, Sechser oder Achter) ist es, innerhalb von 24 Stunden so viele knapp 10 Kilometer lange Runden wie möglich zu fahren. 2019 fand das Rennen zum 13. Mal statt. Der Sieger im Einzelwettbewerb schaffte dabei 54, das beste Zweierteam 62, das beste Viererteam 66 und das beste Achterteam 70 Runden. (tre)

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