Elektroniker hoffen auf Kulanz

Die Auswirkungen der Krise unterscheiden sich je nach Sportart stark. Während die Fußballer, egal welcher Spielklasse, noch nicht wissen, wie es weitergeht, haben andere längst einen Schlussstrich gezogen. Ein besonders forsches Exempel lieferten die Tischtennisspieler ab.

Gornsdorf/Lugau.

Bereits am 1. April hat der Deutsche Tischtennisbund (DTTB) die Spielzeit für beendet erklärt. Vorausgegangen war eine Telefonkonferenz mit Vertretern der 18 Landesverbände, die sich mehrheitlich dafür aussprachen, die Tabellen zum Zeitpunkt der Aussetzung des Spielbetriebs am 13. März zu werten - ungeachtet der Zahl der absolvierten Spiele. Die Entscheidung war kein Aprilscherz - dem Verband war dies auf seiner Internetseite gleich den ersten Satz wert.

Beim TSV Elektronik Gornsdorf sind die Verantwortlichen darüber noch immer fassungslos. Der Traditionsclub, viermaliger DDR-Mannschaftsmeister, stand zum Zeitpunkt des Abbruchs auf Platz 9 der Oberliga, einem Abstiegsplatz. Er muss daher runter in die Sachsenliga. Bei vier Zählern Rückstand war die Relegation aber noch in Reichweite. Dazu kommt, dass die Elektroniker zum Stichtag erst 13 Partien absolviert hatten, zwei weniger als der Tabellenachte Erfurt und sogar drei weniger als der Siebte aus Zeulenroda. "Zumindest die Relegationsspiele wären noch drin gewesen", sagt Kapitän Chris Lasch, der die Entscheidung des Verbandes für unsportlich hält. Vereinslegende Dieter Stöckel, in den 1970er und 80er Jahren einer der besten Tischtennisspieler der DDR und bei Heimspielen Stammgast im Volkshaus, stimmt ihm zu. "Ausgerechnet im 50. Jahr aus der Oberliga abzusteigen, ist einfach unglaublich bitter. Und dann noch auf diese Weise."

Abgefunden hat sich der Verein damit freilich noch nicht. Gegen die aus ihrer Sicht ungerechte Regelung legten die Erzgebirger beim DTTB-Sportgericht per Einschreiben Einspruch ein. Eine Reaktion des Verbandes steht noch aus. Allerdings hat der Sächsische Tischtennisverband bereits eine vorläufige Ligeneinteilung für die kommende Saison veröffentlicht - und in der sind die Gornsdorfer für die Sachsenliga gelistet. Für die höheren Spielklassen, auch für die Oberliga, gibt es eine solche noch nicht. Die Elektroniker lassen sich in Sachen Klassenerhalt trotzdem nicht entmutigen. "Wir hoffen auf Kulanz", so Lasch.

In der fünfthöchsten deutschen Spielklasse wird das Erzgebirge in der kommenden Spielzeit unterdessen so oder so vertreten sein. Das liegt am TTC Lugau, der den abrupten Saisonabbruch als Sachsenliga-Tabellenführer gut verkraften konnte - dieser nahm den Aufstieg, der sportlich so gut wie sicher war, nur vorweg. Mit der Qualifikation für die Oberliga findet die bemerkenswerte Entwicklung des Vereins ihren vorläufigen Höhepunkt. Noch vor einem Jahr spielte die erste Mannschaft des Vereins drei Klassen tiefer in der 1. Bezirksliga und stieg zum Saisonende in die Landesliga auf. Doch dann wechselten in der Sommerpause drei Spieler des zerfallenden Sachsenligisten TTC Annaberg nach Lugau und brachten so den Statuten entsprechend das Spielrecht für diese Spielklasse mit. In die Landesliga schickte Lugau somit lediglich seine zweite Mannschaft, die sich dort ordentlich präsentierte und den Klassenerhalt erreichte. Die mit den Annabergern verstärkte Erste mischte dagegen die Sachsenliga auf, am Ende stand der Durchmarsch in die Oberliga. Dass die Lugauer dort zumindest nach gegenwärtigem Stand wieder nicht auf Gornsdorf treffen, gibt dem Ganzen eine pikante Note. Noch nie in der Geschichte trafen die ersten Vertretungen der beiden Erzgebirgsrivalen in einem Pflichtspiel aufeinander. "Das ist wirklich schade, keine Frage. Derbys sind das Salz in der Suppe und wir hätten natürlich gern gegen Gornsdorf gespielt", sagt TTC-Sprecher André Carlowitz.

Für die Gornsdorfer gibt es, sollte der Abstieg wahr werden, immerhin einen Trost. Die Mannschaft bleibt zusammen, Leistungsträger wie der Tscheche Tomas Kabelka oder aufstrebende Talente wie Alister Seltmann gehen weiterhin für die Elektroniker an die Platte. Sie sollen dafür sorgen, dass die Sachsenliga, so sie denn Realität wird, nur eine kurze Episode bleibt.


Kommentar: Zueinfach

Grundsätzlich ist es ja zu begrüßen, wenn ein Sportverband schnelle Entscheidungen trifft. Der DTTB hat es sich mit seinem Modell jedoch arg einfach gemacht - zu einfach. Den aktuellen Tabellenstand für die Saisonwertung heranzuziehen, ist an sich legitim - sofern alle Mannschaften dieselbe Zahl Partien absolviert haben. Dies ist in der Tischtennis-Oberliga bei weitem nicht der Fall - bei bis zu drei Spielen Unterschied zwischen den Teams herrscht eine gewaltige Schieflage - und die getroffene Regelung ist somit schlicht und ergreifend unfair. Wie es besser geht, zeigen andere. So steigen im Volleyball lediglich jene Mannschaften auf und ab, bei denen dies zum Zeitpunkt des Abbruchs sportlich bereits feststand. Im Handball greift eine Quotientenregelung - dort sind die durchschnittlich pro Spiel geholten Punkte entscheidend. An solchen, deutlich faireren, Modellen darf sich der Tischtennisverband ein Beispiel nehmen. Genützt, auch das gehört zur Wahrheit, hätte es den Gornsdorfern allerdings nichts. Sie wären trotzdem auf Abstiegsplatz 9 eingekommen.

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