"Eric kann man nicht einfach kopieren"

Das letzte Spiel der Saison gerät für den EHV Aue am Sonnabend fast zur Nebensache. Der Kapitän des Handball-Zweitligisten geht von Bord - und ist nicht leicht zu ersetzen.

Aue.

Mit einer Handball-Raffinesse hat Eric Meinhardt vor 17 Jahren für den EHV Aue seinen Toreinstand in der 2. Bundesliga gegeben. "Ein Spiel gegen Kornwestheim", entsinnt sich Vater Jörg Meinhardt. Auch der damalige Zuspieler behielt die Situation im Kopf. "Eric, jetzt!" So lautete die knappe Ansage für seinen blutjungen Mitspieler, erinnert sich Michal Tonar. Er spielte auf Meinhardt ab, der super reagierte und dank eines lupenreinen Kempa-Tricks sein erstes Zweitliga-Tor bejubelte.

Der Kempa-Trick, benannt nach seinem Erfinder und auch als "Flieger" bekannt, gilt als technisch äußerst anspruchsvoll. Denn der Ball wird auf einen Richtung Tor springenden Spieler gepasst, der ihn in der Luft fängt und sofort auf das Tor wirft, bevor er wieder den Boden berührt. Tonar, der als Trainer mit seinem Team soeben die tschechische Meisterschaft gewonnen hat, gehörte einst selbst zu den Säulen im EHV-Kader - unter anderem und ähnlich wie zuletzt Eric Meinhardt aufgrund seiner Treffsicherheit. "Ich bin geehrt, dass Eric mich zu seinem Abschied eingeladen hat", so Tonar.

Es sei einzigartig, dass ein Spieler mit einer solchen Qualität seine ganze Karriere lang bei einem Club bleibt. Als A-Jugendlichen lernte der Tscheche den heute 33-Jährigen kennen. "Ein großes Talent am Beginn seiner Karriere." Es habe stets Spaß gemacht, mit Eric zu trainieren und zu spielen. "Er war richtig ehrgeizig, trainierte immer mehr als alle anderen, ließ nie locker und probierte Techniken, bis sie saßen." Das sei die Basis gewesen für alles, was in den Folgejahren kam. "Eric hat seinen Handballtraum mit Leib und Seele gelebt." Aber dafür habe er eben auch hart arbeiten und auf vieles verzichten müssen.

Der Abschied zum jetzigen Zeitpunkt kommt für Tonar nicht unbedingt überraschend. "Handball auf diesem Niveau ist knochenhart. Jedes Jahr tut mehr weh, jedes Jahr kostet mehr Nerven." Gerade in einer Führungsrolle. Dabei habe Eric Meinhardt immer eine Zukunft im Handball, findet Tonar. "Mit seiner Erfahrung kann er ein guter Lehrer sein." Tonar beendete nach einem Kreuzbandriss im Alter von 38 Jahren seine aktive Laufbahn. "Mit dem Gefühl, nach all der Zeit ohne Handball zu sein, muss jeder selbst klarkommen." Manchmal bringe das Traurigkeit mit sich. "Aber Eric wird es sich gut überlegt haben."

Hat er offensichtlich. Ein Zurück, das betonte er zuletzt immer wieder, gibt es nicht. Das weiß auch sein Vater Jörg Meinhardt, zugleich Fanbeauftragter des EHV. Beim Gedanken an Sonnabend beschleiche ihn ein mulmiges Gefühl. "Es ist kaum in Worte zu fassen", gesteht er und bittet alle Fans, ihre Plätze am Sonnabend 20 Minuten vor dem Anpfiff einzunehmen. "Wir rechnen mit nahezu vollem Haus und haben einiges vorbereitet." Die Entscheidung seines Sohnes sei die richtige. "Er hört auf dem Höhepunkt seiner Karriere auf, noch dazu nach einer Riesensaison. Das hat er sich verdient."

Dass sich das Eigengewächs mit einer überragenden Saison - er wurde dreimal zum Spieler des Monats und jetzt noch zum Spieler der Saison gekürt - verabschiedet, gönnt ihm Stephan Swat von Herzen. "Wie wir alle", so der EHV-Trainer. Er schätzt an Eric Meinhardt vor allem herausragende Führungsqualitäten. "Diese bekommen die Zuschauer gar nicht immer mit." Denn auch unter Woche leiste der Kapitän viel. "Und wenn es nur ein Wort ist - Eric reißt alle mit, geht immer vorneweg, ist Vorbild. Das erlebt man nicht häufig", so Swat, der sich keine Illusionen macht und weiß: "Eric kann man nicht einfach kopieren." Es gelte also, eine andere Lösung zu finden, um die große Lücke zu schließen, die der Kapitän zweifellos reißt.

Mannschaftsrat und andere Spieler kommen nun in größere Verantwortung. "Da müssen wir sehen, wer sich als Führungspersönlichkeit hervortut." Sowohl Erics handballerische als auch zwischenmenschliche Qualitäten seien schwer zu ersetzen. "Ich würde aber auch keinem raten, ihn kopieren zu wollen. Die Kopie ist immer schlechter als das Original. Es wird interessant."

Den Schritt des Abschieds indes respektiert Swat vollends. "Eric hat sich ganz klar entschieden. Ich denke auch, dass er genau deshalb diese Wahnsinnssaison spielen konnte." Trotzdem werde der Kapitän seinen Verein immer im Herzen tragen, glaubt Swat. "Wir werden Eric sicher ab und zu in der Halle sehen. Er ist Tag und Nacht willkommen."

 

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