In den Fußstapfen der Weltmeisterin

Zwei Biathletinnen aus dem Erzgebirge träumen von einer großen Zukunft. Doch nicht nur deshalb üben sie aktuell in der stärksten Trainingsgruppe, in Ruhpolding.

Oberwiesenthal.

Abiprüfungen geschafft, Tasche gepackt. Nach vielen anderen Sachsen suchen mit Hanna-Michéle Hermann und Jennifer Münzner zwei weitere hoffnungsvolle Sportler ihr sportliches Glück nicht mehr allein am Stützpunkt in Oberwiesenthal. Sie gehen auch nicht nach Altenberg, wo nach der Suspendierung von gleich mehreren Trainern mit Michael Rösch ein Neuanfang versucht wird, sondern nach Ruhpolding. Nach dort, wohin die Bockauerin Denise Herrmann seit 2016 ihren sportlichen Mittelpunkt verlegt hat und diesen Weg in diesem Jahr mit dem Weltmeistertitel krönen konnte. Starten wollen die beiden jungen Damen, die bislang gemeinsam am Fichtelberg trainiert haben und dies teilweise weiterhin tun werden, aber auch künftig für ihren Heimatverein PSV Schwarzenberg.

Ganz kehren sie Oberwiesenthal also nicht den Rücken, auch wenn sie derzeit mal wieder einen Trainingsblock in den Chiemgauer Alpen absolvieren. "Zu etwa 50 Prozent werden wir am Fichtelberg trainieren, hauptsächlich im Skilanglauf bei Lars Hänel. Der hat uns schnell gemacht", sagt Hanna-Michéle Hermann. Denn die Sportlerin aus dem Lößnitzer Ortsteil Grüna, die seit Jahren mit ihrer Freundin Jennifer Münzner als Wohn-, Trainings- und Wettkampfduo agiert, setzt oftmals die Nullzeiten. So etwa zur Jugend-Weltmeisterschaft im slowakischen Osrblie, wo sie im Februar die beste Laufzeit aller 100 Starterinnen in den Schnee zauberte, aber wegen ihrer drei Schießfehler nur Achte wurde. Dies zeigt, wo die Säge klemmt. Die Basis für die Erfolge - das hat nicht zuletzt die stets unter den Laufbesten zu findende Denis Herrmann gezeigt - ist aber die Schnelligkeit in der Loipe. Wie im vergangenen Winter zu sehen, schafft es ohne entsprechendes Laufniveau derzeit kaum noch jemand aufs Siegerpodest. Selbst bei fehlerfreiem Schießen nicht.

Wo wird es Hanna-Michéle Hermann und Jennifer Münzner hinspülen? Zunächst eben nach Ruhpolding. "Dort trainiert die derzeit stärkste deutsche Frauengruppe", erklärt Münzner, weshalb es nicht nach Altenberg oder nach Oberhof geht. "Außerdem sollen junge Athletinnen mehr Chancen auf der internationalen Bühne bekommen", fügt Heimtrainer Heiko Helbig an. Deshalb werde es unter den Etablierten nicht mehr so viele Gesetzte geben, die mit einer Art "Verweilberechtigungsscheinen" für den Weltcup ausgestattet schienen. Dies dürfte Feuer entfachen, denn die Laufleistungen der deutschen Frauen sorgten im jüngsten Winter nicht nur einmal für Sorgenfalten in den Gesichtern der zuständigen Trainer.

Ihre ersten Berührungen mit Ruhpolding haben die beiden Erzgebirgerinnen als "sehr positiv" eingeschätzt. Vielleicht auch deswegen, weil Bernd Eisenbichler, seit April 2019 im Amt, die Funktion des Sportlichen Leiters im Biathlon übernommen hat. Und der zuvor seit 1999 für den US-Verband tätige Sportchef steht genau für das, was in Oberwiesenthal seit einiger Zeit praktiziert wird: die Kooperation. "Als eine meiner wichtigsten Aufgaben sehe ich, Biathlon im engen Schulterschluss mit anderen Disziplinen weiterzuentwickeln, damit wir in Zukunft über eine leistungsfähige Basis für den Spitzensport verfügen", wird er auf der Verbandsseite zitiert. Die beiden sehr jungen Athletinnen des PSV Schwarzenberg dürfen also sogar davon träumen, in Weltcups eingesetzt zu werden. Demnächst werden sich die zwei 18-Jährigen dafür in Blöcken abstrampeln, immer um die 14 Tage im Chiemgau, wo sie gemeinsam für ihre Lehrgangstage ein kostenfreies Zimmer direkt an der Rollerstrecke erhalten, und anschließend am Fichtelberg.

Während Hanna-Michéle Hermann für den ersten IBU-Cup aufgrund ihrer starken JWM-Ergebnisse in Osrblie - unter anderem als Schlussläuferin der Silber-Staffel - gesetzt ist, muss sich Jennifer Münzner einen der weiteren drei offenen Plätze noch erkämpfen. Sie hatte wegen des Pfeifferschen Drüsenfiebers langen Trainingsausfall und dadurch die Welttitelkämpfe in der Slowakei knapp verpasst. Möglicherweise hilft den beiden Talenten ja jetzt weiter, dass ihnen Stellen bei der Bundeswehr eröffnet werden. Hanna-Michéle bereichert die Sportfördergruppe Frankenberg, Jennifer soll in eine Art Skizug in Berchtesgaden eingegliedert werden. "Meines Wissens sind die Personalplanungsgespräche, medizinischen Untersuchungen und auch die Eignungstests fürs Militär abgeschlossen", erklärt der Leiter der Sportfördergruppe Frankenberg, Jan Fiedler. Er rechnet fest damit, dass nach der Herrmann mit zwei "r" nun die Hermann mit einem "r" in seinen Dienstbereich kommt. Dass dafür Überprüfungen notwendig sind, ist logisch. "Es nützt ja nichts, wenn jemand zur Bundeswehr, aber keine Waffe in die Hand nehmen will", nennt Fiedler ein Beispiel. Letzteres dürfte zwar gerade bei Biathleten kaum vorkommen, aber sicher ist sicher.

Geht alles glatt, dann bezieht Jennifer Münzner einen Spind in Berchtesgaden, Hanna-Michéle Hermann also den in Frankenberg. "Wichtig ist, dass die beiden Talente in Ruhe trainieren und sich entwickeln können, also für eine gewisse Zeit abgesichert sind", so Heiko Helbig. "Was danach kommt, darüber entscheidet die Leistung." In ihrem Altersbereich haben beide bereits geliefert, Hermann besonders. Nicht nur bei der JWM in Osrblie und ein Jahr zuvor in Otepää, sondern auch auf Schalke. Dort hat sie im Duett mit Julian Hollandt die German Team Challenge gewonnen - und Unterstützung und PR dazu. Deshalb werden die Gesichter dieser beiden fürs bevorstehende "Biathlon auf Schalke" stehen. "Das Fotoshooting ist bereits durch, hat sechs oder sieben Stunden gedauert", sagt die 18-Jährige. Auf alles weitere dürfen die Fans dieser Sportart gespannt sein.

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